Heinz Strunks „Jürgen“: Back to earth

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Häme ist im Fall Heinz Strunk unangebracht. Eigentlich kann man sich Charaktere wie ihn im Literaturbetrieb nur wünschen. Strunk ist ein Outsider. Den Weg der Literatur hat er als Quereinsteiger genommen, davor war er als etwas quatschiger Spaßvogel im Fernsehen und in der Musikbranche bekannt. Mit „Der goldene Handschuh“ katapultierte er sich selbst ins Hochfeuilleton. Anstatt sich, wie die meisten, mit Teflon zu überziehen und den Ruhm still an sich abtropfen zu lassen, stolzierte Strunk mit stolzgeschwellter Brust durch die Gegend. Die große FAZ in Form von Jürgen Kaube hatte sich dazu herabgelassen, sich mit seinem Text zu beschäftigen! Die naive Freude des Heinz S. war eine angenehme Abwechslung und berechtigt war sie auch noch, denn „Der goldene Handschuh“ war tatsächlich ein großartiger Text. Nun ist Strunks nächster Roman „Jürgen“ erschienen. Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist, so war wohl der Gedanke, anders kann man dieses Tempo nicht erklären. Leider hat sich Strunk daran die Finger verbrannt.

Mit „Jürgen“ ist Strunk wieder im Mediokren angekommen – und das beschreibt zunächst einmal nur den Stoff des Romans. Jürgen Dose, Protagonist und Ich-Erzähler der Narration, ist in allen Belangen mittelmäßig. Sein Tag ist in Ritualen durchgetaktet, er hat einen Job als Pförtner in einem Parkhaus und lebt als ewiger Junggeselle. In diesem Zustand hilft auch nicht, dass Jürgen gezwungenermaßen mit seiner Mutter wohnt. Die ist bettlägerig und braucht ständige Pflege. Sie hängt wie eine Bleikugel an Jürgens Knöcheln und dient ihm aber gleichzeitig auch als ewige Ausrede. Solange sie da ist, gibt es immer wieder einen Grund, weshalb man aus der Komfortzone nicht heraus muss.

Ein fröhlicher Handschlag ist mehr wert als ein trauriges Küsschen!

Als Jürgen noch jünger war, war diese Mutter ein Schrecken wie aus Kafkas „Brief an den Vater“. Nicht umsonst heißt es über sie, dass sie eine furienhafte Abneigung gegenüber Ungeziefer hat, ein Furor, mit dem sie den kleinen Jungen in verzweifelte Angstzustände versetzt. Darüber hinaus legt Heinz Strunk in seinen Ich-Erzähler das Trauma hinein, von dem er selbst immer wieder freigiebig erzählt – das Schicksal der schlechten Haut: „Ich litt in der Pubertät an Seborrhö, im Volksmund auch Talg genannt. Grob gesagt, äußert sich dieser öliger Schmerfluss in ölig-glänzender Beschaffenheit der Haut und fettig-strähnigen Haaren.“

Ich halte mich für normal bis neutral aussehend.

Es spricht also so ziemlich alles gegen Jürgen und das ist auch die Bedingung für diesen Roman. Denn um diese schwierigen Startbedingungen wettzumachen, hat sich der Ich-Erzähler ein ganzes Arsenal an Phrasen aus den verschiedensten Liebes-und Lebensberatern angelesen. So verfügt Jürgen über angebliches Herrschaftswissen wie jenes: „Wer Frauen auf sich aufmerksam machen will, macht am besten den Polnischen und hinterlässt somit Fragezeichen.“ Diese Sätze sitzen so souverän, dass Jürgen daraus Selbstbewusstsein zieht. Komik entsteht vor allem dadurch, dass dieses etwas bräsige Selbstbewusstsein im Praxistest regelmäßig scheitert. Frauen versucht Jürgen durch Fragen wie diese zu verblüffen: „‘Mal was anderes. Wenn du eine Pizza wärst, was wäre dein Belag?‘“

Darüber ließe sich ein ganzer Roman schreiben, hätte ich die Zeit dazu!

War es im „Goldenen Handschuh“ noch Strunks Idee, die Sprache der Hamburger Schattenwelt so ins Absurde zu überdrehen, bis daraus wahre Poesie wird, soll nun das Vokabular der Partnerbörsen und Pick-Up-Artists herhalten, um der Welt von Jürgen Gestalt zu geben. Der strunksche Hanswurst feuert einen Schenkelklopfer nach dem nächsten raus. Das Problem daran ist jedoch, dass der Text nicht hinter diese Sprache kommt. Die blanke Hilflosigkeit, die jenseits solcher einstudierten Phrasen liegt, ist offensichtlich und viel mehr fällt dem Autor dazu nicht ein. Dadurch verkommt der Text zu einer reinen Parodie einer Welt, die eh schon am Boden liegt.

„Der Pessimist beklagt den Riss in der Hose, der Optimist freut sich über den Luftzug.“

Zum Schluss nimmt der Roman jedoch noch mal Fahrt auf. Um der Frauenmisere endlich Abhilfe zu schaffen, fährt Jürgen mit seinem Freund Bernd über eine Dating-Agentur nach Breslau. Speed-Dating in Polen, das ist der Blitzkrieg der Deutschen des 21. Jahrhunderts. Erst wenn sich Strunk traut richtig böse zu werden, anstatt sich spöttelnd über den deutschen Michel zu erheben, erinnert „Jürgen“ an die Qualität des „Handschuhs“. Auch in Polen scheitert Strunks Ich-Erzähler natürlich, aber wenn sich Geschichte nur als Farce wiederholt, ist das auch nur folgerichtig. Nachdem die Deutschen ein halbes Jahrhundert damit verbracht haben, Europa mit Schrecken zu überziehen, exportieren sie nun nur noch Mittelmäßigkeit.

Gorgonzola und Sahnesoße sind ein mächtiger Mix, den man nicht unterschätzen sollte.

Doch eine starke Passage kann „Jürgen“ auch nicht retten. Zumal es auch stellen in diesem Roman gibt, die durchaus nahelegen, es handele sich hier um ein Plädoyer für die vergessene Mitte: „Jetzt heißt es beten, dass die Frauen vor Ort nicht völlig unerreichbar über uns schweben, aber auch keine Ladenhüter sind, sondern die vielgeschmähte goldene Mitte, menschliche Stärken und Schwächen in einem ausgeglichenen Verhältnis.“ Doch bei aller gewünschten Ambivalenz, auch in der Literatur heißt es irgendwann: Hü oder Hott. Heinz Strunk, so bekommt man beim Lesen das Gefühl, wusste selbst nicht, wohin mit sich und diesem Roman – im Zweifelsfall dem Erfolg des Vorgängers hinterher. Das ist in diesem Fall schiefgegangen.

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