Helmut Lethens „Die Staatsräte“: Jahrmarkt der Eitelkeit

Der Nationalsozialismus war vieles, aber er war auch ein Programm zur Vertreibung der Intelligenz aus Deutschland. Die, die es herausschafften, zog es in die Schweiz, nach England oder in die USA – sie ließen ein Land zurück, dessen Elite ideologisch strammgezogen war oder verstummte. Doch wer in Deutschland blieb und sich anpassen wollte, dem konnte es sehr gut gehen, schließlich war dem Regime nicht daran gelegen, die Verbliebenen auch noch zu verschrecken. Die Machthaber umgaben sich gerne mit vermeintlichen Genies und förderten sie in feudalistischer Manier. So wie die vier Herren, um die es in Helmut Lethens „Die Staatsräte“ geht. Lethen erkundet darin das Verhältnis der Macht zum Intellektuellen und umgekehrt.

„Sie waren Solitäre ihrer Zunft, Exzentriker in jedem Fall, standen in teils permanenter, teils gelegentlicher Tuchfühlung zu den Entscheidungsträgern des Nationalsozialismus.“ So heißt es in Lethens Buch über die vier Männer, die im Mittelpunkt von „Die Staatsräte“ stehen: Gustav Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Ferdinand Sauerbruch und Carl Schmitt. Sie alle eint, dass sie herausragende Persönlichkeiten auf ihrem Feld waren, dass sie es sich in Deutschland gemütlich gemacht haben, während andere verfolgt wurden, dass sie das Ende des Nationalsozialismus relativ unbeschadet überstanden haben und eben dass sie den Titel des Preußischen Staatsrats verliehen bekamen.

Er ist ein gebranntes Kind, hat wie andere Avantgardisten dem Kult des Bösen gehuldigt.

Der preußische Staatsrat war in Preußen (Preußen als Königreich und Preußen als föderaler Teil des Deutschen Kaiserreichs und Weimarer Republik) eine zusätzliche Kammer neben dem Landtag mit jeweils unterschiedlicher Machtfülle. Spätestens mit der Machtergreifung und der Herrschaft Görings als Ministerpräsident Preußens hatte die Kammer schließlich ausgedient und der Titel brachte den Ernannten nur noch Prestige. Auf einer ersten Ebene. Denn tatsächlich nutzte Göring den Titel für seine verwegene Machtpolitik. Wer Staatsrat wurde, durfte sich gewisser Privilegien erfreuen. Gleichzeitig begab er sich in Geiselhaft des Staates, denn da dem Amt keinerlei politische Macht zukam, bestand der einzige Schutz in der Gunst von Göring: „Zur Rechtsstellung aller Staatsräte gehörte es, dass Göring persönlich für sie einstand.“

Vier Staatsräte erhalten die Gelegenheit, die „Scham im Ofen des Bösen zu verbrennen“.

Warum sollte man sich dann überhaupt für die Pappwürdenträger interessieren? Weil an der Viererbande sich paradigmatisch entwickeln lässt, wie die Macht das Licht bildet, um das sich die mottenhaften Intellektuellen scharen. Um diese Erkundungsvorhaben vorzunehmen, wählt Lethen eine Form, die ständig zwischen dem „Was war?“ und „Was hätte gewesen sein können?“ changiert. Denn so nah, wie das Buch suggeriert, waren sich die vier Herren nie, zumindest ist nichts dergleichen überliefert. Deshalb übernimmt die Fiktion immer dort das Kommando, wo Dinge zugespitzt werden müssen. Das historische Schildern verwandelt sich in ein präsentisches Erzählen: „An einem heißen Spätsommerabend im Jahr 1939 trifft man sich im stattlichen Haus von Ferdinand Sauerbruch in der Villenkolonie Wannsee.“

Der Preußische Staatsrat solle ein Organ des Führerstaats sein. Nur: Der Führer hatte ihn offenbar nicht nötig.

Höhepunkt dieses Erzählverfahrens ist der Besuch aller vier in Görings Germanen-Disneyland, dem Anwesen Carinhall. Jeder von ihnen räumt Lethen in diesem fiktiven Szenario Zeit für einen kleinen Vortrag über sein Fachgebiet ein, meist begleitet von den ungläubigen oder gelangweilten Mienen der anderen. Jeder dieser Herren sonnt sich in der Aufmerksamkeit, die ihm durch das Regime zuteilwird und gleichzeitig geben sie sich der Hybris hin, selbstbestimmte Menschen zu sein: „Der Glaube, sie hätten sich selbst dazu entschieden, Würdenträger des Dritten Reichs zu sein, gehört zur Selbsttäuschung der Staatsräte.“ Der Text balanciert dabei auf einem schmalen Grat, denn wer die Sogkräfte des Nationalsozialismus zu stark betont, relativiert die persönliche Verantwortung des Einzelnen, auf der anderen Seite darf auch nicht der interne Zwang des Regimes unterschätzt werden.

Noch lässt das politische Hintergrundrauschen die Staatsräte kalt.

Der Text schildert die Protagonisten als Figuren, denen die Stimmung, die den nationalsozialistischen Staat vorbereitet hat, noch gut im Gedächtnis ist: „Es sei eine Gesellschaft, die den Schmerz aus den Binnenräumen an die Ränder vertreibt, wo in Kliniken, Gefängnissen und Kasernen Spezialisten des Schmerzes ihrer Tätigkeit nachgehen, während die Illustrierten mit Vorliebe Bilder von tragischen Unfällen, Flugzeugabstürzen, tödlichen Autokarambolagen und Naturkatastrophen in den Innenraum der Gesellschaft einspeisen, wo sie wie Drogen inhaliert werden.“ Die Nazis haben der nervösen Modernität der Weimarer Tage die großen Gesten der Deutschtümelei entgegengesetzt und den Resonanzraum für die Selbstüberschätzung geschaffen, denen alle Vier anheimgefallen sind.

Ein Katarakt des Wertezerfalls. Rasende Inflation an allen Fronten.

Da wo nun Unterschiede zwischen den einzelnen Männern auftreten, finden sie sich in ihren einzelnen Fachgebieten und wie sie sich schließlich den Abstand zum Regime schafften, der ihnen am Ende vielleicht den Kopf gerettet hat. Schmitt wurde nie der große politische Theoretiker der Nationalsozialisten, Furtwängler genoss zu sehr den Applaus der ganzen Welt, um sich an Deutschland ketten zu lassen, Gründgens bekam es mit der Angst zu tun und so flüchtete er kurzzeitig in die Schweiz – und Sauerbruch? Fiel nach und nach körperlichen Gebrechen zum Opfer.

Ist Helmut Lethens „Die Staatsräte“ eine historische Studie? Nur zum Teil. Dieses Buch ist genauso ein Stück Feuilleton, ein Roman und eine psychologische Analyse Intellektueller in Deutschland. Die innige Beziehung zu diesen Männern des Größenwahns kommt nicht ganz ohne Geschmäckle aus, schließlich muss jede Entzauberung des großen Mannes den großen Mann zunächst als Gegenstand erst mal ernstnehmen und wie hier die Aura der Macht beschworen wird, legt eine gewisses Faszinosum für diese Macht nah. Dennoch ist „Die Staatsräte“ ein faszinierender Text über die Perversion des Gedanken des „public intellectual“ und dessen Sucht nach Geltung.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

  1. Klingt interessant. Kann man also mittlerweile wieder über Gründgens schreiben, ohne dass die Familie klagt… ?

  2. Pingback: Hans Pleschinskis „Wiesenstein“: Wo er ist, war Deutschland – Zeilensprünge.

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