Hendrik Otrembas »Kachelbads Erbe«: Hoffnungstotschlag

Der menschliche Entdeckergeist kann noch ein paar große Herausforderungen angehen: Die Heilung bislang noch tödlicher Krankheiten, die Eroberung des Weltraums, die Eindämmung des Klimawandels. Die größte und gleichzeitig älteste Herausforderung ist aber vermutlich die Überwindung der Endlichkeit. Seit sich der Mensch seiner eigenen Sterblichkeit gewahr wurde, hat er Überlegungen zur Unsterblichkeit angestellt – ob mit religiöser, esoterischer oder wissenschaftlicher Motivation, wie die Transhumanisten aus dem Silicon Valley. Da der Tod das literarische Thema par excellence ist, gibt es auch etliche Romane über Unsterblichkeitsphantasien – so wie der neue Roman von Hendrik Otremba: »Kachelbads Erbe«.

Vor zwei Jahren erschien mit »Zero K« der neueste Roman von Don DeLillo, in dem sich ein Vater in den Kryoschlaf legen lässt und damit seinen Sohn in den Reflexionsstrudel schickt, über sein Leben und das Leben im Allgemeinen. Im gleichen Jahr erschien ebenfalls »Die Unglückseligen« von Thea Dorn, das einen arkanen Physiker aus dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart überleben lässt und mit einer Molekularbiologin zusammenbringt, die ebenfalls an einer Unsterblichkeitsformel arbeitet. Beide Autor*innen verarbeiten die Thematik auf unterschiedliche Weise: Während Dorn auf eine altkluge Reflexion zur Topoi-Tradition verschiedener Unsterblichkeitsphantasmen zielt, sind jene bei Don DeLillo eher Erzählanlass für eine Vater-Sohn-Geschichte.

Von hier aus kann man tief in den Abgrund gucken.

Hendrik Otremba, der seinen Debütroman »Über uns der Schaum« vor zwei Jahren bei den Berliner Verbrechern veröffentlichte, wählt einen anderen Zugang. Bei ihm eröffnet die Aussicht auf Unsterblichkeit ein literisches wie menschliches Panorama. Ausgangspunkt ist die Firma »Exit U.S.«. Diese bietet den Kryonik-Service an, sich einfrieren und zu einem Zeitpunkt X (wenn die technischen Möglichkeiten soweit sind) wieder auftauen zu lassen. Der namensgebende Kachelbad arbeitet für diese Firma, genauso wie sein Chef Lee Won-Hong. Die Firma und ihre Gründer bewegt eine ganz simple und grundsätzliche Frage: »Was, wenn der Tod nicht das Ende wäre, sondern der Anfang eines Neubeginns?«

Gleich fahren wir in die Halle. Dann sterbe ich. Zum ersten Mal in meinem Leben sterbe ich.

Auch wenn Kachelbad vorne draufsteht, steht Kachelbad nicht im wirklichen Zentrum des Romans: »Kachelbads Biografie jedoch blieb Kim ein Geheimnis, nur bruchstückhaft offenbarte der alte Mann ein paar Geschichten aus seiner Vergangenheit.« Stattdessen werden diejenigen Menschen, die sich an die Firma wenden und – erst mal eingefroren – ausgerechnet mit einem umgebauten Leichenwagen herumgefahren werden, zu den eigentlichen Zentren des Romans. Der Text klinkt sich dann aus der Gegenwartsebene aus und folgt den verschiedenen Figuren in ihre Vergangenheit und Gemütswelt.

Menschen betraten hier einen hypothetischen Raum, den Tod zu überlisten.

Da gibt es den avantgardistischen Schriftsteller (»Die kurze  Erzählung Augen in der Dunkelheit wird zur Initialzündung des Nouveau Roman in Frankreich […]«), den Auftragskillerin oder die sowjetische Wissenschaftlerin, die in Tschernobyl ihren Lebensmenschen verloren hat: »Michail war nicht nur ein Wissenschaftler. Er war ein Dichter. Seine Seele schien Endlos, der Weite des Himmels gleich.« Der Text führt nicht nur laufend neue Figuren ein, sondern spielt auch mit verschiedenen Tonalitäten und Sprachtemperaturen.

Diese Zeilen sind das erste Zeugnis einer Art Verwechslung.

Der Autor wandelt die Kryofirma dadurch von einer Aufbewahrungsstätte gefrorener Körper zu einem literarischen Panoptikum. Die sich an die Firma wendende Figuren werden zu Stellvertreter verschiedener künstlerischer Vorbilder. So nimmt der Roman das Moment des Fixierens im Einfrieren auf und konserviert verschiedene künstlerische Vorbilder: Bolano, Tarkowski, Scorsese. Für eine solche Lesart würde sprechen, dass der Text durch seine Protagonisten mehrfach auf die fiktionale Verfasstheit hinweisen lässt: »Alles ist erfunden. Wirklich: Alles ist erfunden!«

›Ich will es als Fiktion erinnern.‹

Diese Imitationsminiaturen sind mal sehr gelungen, mal schwimmen sie etwas weg. Und die Gefahr ist natürlich immer, dass Referenzerweisen im Referenzbingo endet. Um so klüger ein solches Konstrukt, das im Verdacht steht, heiße Luft zu produzieren, mit einem so basalen Thema wie der Angst vor dem Tod zu beschweren. Denn keineswegs entwirft Otremba hier literarische Pappkameraden, sondern sehr gut geschriebene Figuren, deren Sehnsüchte und Ängste nachzuvollziehen.

»Kachelbads Erbe« ist trotz seiner granitschwarzen Atmosphäre eine höchst beglückende Lektüre. Und das liegt vor allem an dem Mut, den der Autor beweist, einen Roman zu schreiben, der in seiner Konstruktion kaum anspruchsvoller sein könnte, aber funktioniert, weil im Text lauter richtige Entscheidung getroffen werden: Die Verknüpfung der Kryonik mit Fragen künstlerischer Vorbilder, die Wahl eines scheinbar eigenschaftslosen Protagonisten, der den Raum für die verschiedenen Figuren eröffnet. Man würde sich häufiger diesen konzeptionellen Mut in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wünschen, der gleichzeitig noch von so einem sprachlichen Variationsvermögen getragen ist.