Herfried Münklers „Der dreißigjährige Krieg“: Völker dieser Welt, schaut auf diesen Krieg

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Herfried Münkler ist unzufrieden. Unzufrieden mit dem politischen Betrieb und auch unzufrieden mit der Bevölkerung. Er hat sich schon häufiger über fehlende strategische und analytische Kompetenz in der politischen Elite Deutschlands mokiert und jüngst sagte er im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur ganz unverblümt: Das Volk ist dumm! Elite dumm, Bevölkerung dumm – da braucht es jemanden, der weiß wie es besser geht. In dieser Rolle sieht sich Herfried Münkler, nicht umsonst taufte ihn das Feuilleton „Ein-Mann-Think-Tank“. In Zeiten von verschärften weltpolitischen Konflikten kann man aber auch jeden guten Rat, den man bekommen kann, gebrauchen. Doch wie ist Münkler so viel schlauer als andere geworden? Klar, durch den Tiefenblick der Geschichtswissenschaft.

Vier Jahre ist es her, da legte Münkler seine letzte große Studie vor. „Der große Krieg“ war seine Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg, die sich vor allem auf militärhistorische Aspekte konzentrierte. Pech für Münkler, dass gleichzeitig auch ein gewisser Christopher Clark mit „Die Schlafwandler“ einen neuen Zugang zum Ersten Weltkrieg vorschlug und damit in der europäischen Öffentlichkeit offene Türen einrannte. Nun also der Dreißigjährige Krieg, dessen vierhundertstes Jubiläum schließlich bald ansteht. Münkler ist davon überzeugt, dass ein vertieftes Verständnis in der momentanen Lage unabdingbar ist: „Ist dieser Krieg, den wir eben noch als ein überwundenes Trauma der Deutschen betrachtet haben, womöglich so etwas wie eine Blaupause für die Kriege des 21. Jahrhunderts?“

Was meint der Autor damit? Er formuliert die naheliegende Beobachtung, dass die Kriege des 21. Jahrhunderts „unordentliche“ Kriege sind, die die Freund-Feind-Unterscheidung verundeutllichen, die sich durch verschiedene Kriegsführungen auszeichnen und die einer sich zuspitzenden Eskalationsdynamik unterworfen sind. Ähnliches – so der Autor – lässt sich auch im Dreißigjährigen Krieg beobachten. Die Frage, die Münkler daher anleiten soll (so behauptet er zumindest), ist jene, wie es passiert ist, dass der Krieg unordentlich und vor allem wie es gelungen ist, aus der Unordnung wieder Ordnung geworden ist. Der Autor ist natürlich klug genug, um die üblichen Warnsignale aufzustellen: Er habe verstanden, dass man zwei historische Kontexte nicht einfach übereinanderlegen und daraus Antworten ableiten kann. Gleichzeitig folgt er Nietzsche in seinem Verständnis vom Interesse an der Geschichte: „Friedrich Nietzsche hat die überhandnehmende Vergangenheitsorientierung ohne Bezug zur Gegenwart und ohne Nutzen für das Begreifen ihrer Herausforderung als ‚antiquarisch‘ bezeichnet.“

Münkler hält sich streng an die historische Chronologie, erklärt zunächst die Vorbedingungen des Dreißigjährigen Kriegs, den böhmischen Aufstand gegenüber den katholischen Machthabern, die fragile Machtstellung des Kaisers im Reich, Religionszwistigkeiten, den Wegfall der Bedrohung durch das Osmanischen Reich, das in militärischen Auseinandersetzungen mit Persien gebunden ist. Den Hauptteil des Buches macht jedoch die Rekonstruktion der politischen wie militärischen Entscheidungen aus, die den Verlauf des Krieges geprägt haben. Die Studie geht davon aus, dass sich daraus so etwas wie eine Schulung im politischen Handeln ergibt. Allerdings – so ließe sich kritisch einwenden – muss der Autor sich fragen lassen, worin der heutige Nutzen der teilweise minutiösen Skizzierung von Schlachtformationen und -verläufen liegt. Dafür dass der Autor sein Buch mit einem so großen Anspruch wie dem Verstehen unserer Gegenwart versieht, verliert er sich hier das ein ums andere Mal im militärhistorischen Spezialdiskurs.

Darüber hinaus muss der Leser auch feststellen, dass Münkler seiner Linie treubleibt (die ihm im Zusammenhang mit der Aktion „MünklerWatch“ immerwieder vorgeworfen wurde), eine Geschichtsschreibung der charismatischen Männerfiguren zu betreiben. Tilly, Wallenstein, Gustav Adolf – sie alle begleitet das Buch in ihrem Handeln sehr nah. Warum sie so handelten wie sie handelten, was ihre Wesensmerkmale waren und vor allem was ihre jeweiligen Stärken („Aber keiner kam Wallenstein gleich, sobald es um die Aufstellung und Versorgung großer Heere ging.“) waren, „Der dreißigjährige Krieg“ unternimmt einige Mühen, um diese Fragen zu ergründen, nicht ohne in Gefahr zu geraten, ins Psychologisieren zu kommen. Zwar kann auch ein Herfried Münkler den Verlauf der Geschichte nicht verändern – im 17. Jahrhundert wurden die politischen Entscheidungen nun mal von ein paar Handvoll Männern getroffen – aber seinen Ausführungen hätte eine Blicköffnung gut getan.

So behauptet Münkler beispielweise, dass der Dreißigjährige Krieg wie kaum ein Krieg zuvor ein Propagandakrieg war. Doch wo ist diese propagandistische Öffentlichkeit in Münklers Buch? Und wie hat sie das Kriegsgeschehen beeinflusst? In seiner Fixierung auf die Geschichte des Oben verwehrt das Buch dem Leser den Blick auf die Geschichte des Unten, was absurd scheint, wenn doch der Anspruch des Buches darin besteht, die Gegenwart zu verstehen.

Erhellender wird es erst wieder dann, wenn der Krieg in seine Endphase eintritt. Schon zum Ende des Schwedischen Feldzuges König Gustav Adolfs hat sich gezeigt, wie der Dreißigjährige Krieg zu einem taktisch wie strategischen Nullpunkt gekommen ist: „In dieser Lage, so Golo Mann, ‚weiß Gustav Adolf nicht mehr, was er tun soll.‘“ Doch spätestens mit dessen Tod und dem offenen Eintritt Frankreichs in den Krieg hatte der Konflikt eine Eskalationsstufe erreicht, in der konkrete politische Ziele kaum mehr erkennbar waren: „Das Kriegsgeschehen legte nicht mehr fest, wer der Stärkere und wer der Schwächere, wer der Sieger und wer der Verlierer war, sondern vermengte beides so miteinander, dass die Oppositionsbegriffe von Sieg und Niederlage ihre klärende Bedeutung verloren und nicht länger maßgeblich waren.“

Das hatte freilich viele Gründe: Viele der Konfliktparteien hatten zwar die Hoffnung aufgegeben, ihre ursprünglichen strategischen Ziele zu erreichen, wollten sich aber in zwangsläufigen Friedensverhandlung besonders teuer machen. Auch hatte das ausufernde Söldnersystem eine Eigendynamik angenommen, die mit kriegerischen Auseinandersetzungen versorgt werden musste. Einen weiteren Grund sieht Münkler in der religiösen Komponente: „Religiös-konfessionelle Frontbildung führen dazu, dass sich eine durch völkerrechtliche Regelungen eingeschränkte Gegnerschaft in bedingungslose Feindschaft verwandelt, bei der jede Form von Grausamkeit und Gewalt zulässig ist.“

Damit beantwortet das Buch auch die entscheidende Frage, die sich aufdrängt, wenn über den Dreißigjährigen Krieg gesprochen wird: War er nun ein religiöser Krieg oder eine machtpolitische Auseinandersetzung? Münkler geht von zweiterem aus – im Grunde ist der erste Teil des Krieges eine Auseinandersetzung darüber, wie die Machttektonik im Reich auszusehen hat und im zweiten Teil der Versuch verschiedener europäischen Mächte die Dynamik des Kontinents zu ändern. Doch die religiöse Grundierung all dieser Konflikte, so Münkler, führte schließlich zu der Unbarmherzigkeit, mit der dieser Krieg geführt wurde. Der Westfälische Frieden, so der Autor, setzte genau an diesem Punkt an und war der Versuch, die religiöse Komponente aus den Konflikten innerhalb Europas rauszuhalten: „Die Westfälische Ordnung hat Europa keinen dauerhaften Frieden beschert. Aber sie hat religiöse Kriegsgründe zumindest innerhalb des Reichs weitgehend beseitigt und langfristige Kriege als Staatenkriege etabliert.“

Mit der (Re-)Etablierung des Staatenkrieges wurde der Krieg in Europa in der Lesart des Buches wieder ordentlich, was schließlich zur Gegenwart führt. Ein Frieden im Nahen und Mittleren Osten kann es laut der These der Studie nur geben, wenn die religiösen Konflikte gelöst bzw. in einen Zustand der Stabilität gebracht werden, so dass der Frieden nicht von religiösen Eiferern verhandelt werden müsste, sondern von staatlichen Parteien, denen Münkler mehr Rationalität zutraut. Bedauerlicherweise wird dieses sonst so ausschweifende Buch an der entscheidenden Stelle verhuscht. Die Abhandlung der Friedensfindung reißt „Der dreißigjährige Krieg“ lediglich an, obwohl dieser Punkt für die These des Buches doch gerade so entscheidend ist. Damit stellt sich Münklers Studie zum Schluss noch selbst ein Bein, weil der Fokus nicht richtig eingestellt ist. Herfried Münklers „Der dreißigjährige Krieg“ ist eine sehr fundierte, gut lesbare historische Abhandlung eines der Kernkonflikte europäischer Geschichte. Doch es gaukelt dem Leser mehr Gegenwart vor als am Ende drinsteckt.


Wir danken dem Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.

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