Heul doch, Satre! Elif Shafaks „Der Geruch des Paradieses“

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Als „Stimme der türkischen Literatur“ wird Elif Shafak auf dem Buchumschlag ihres neuen Romans „Der Geruch des Paradieses“ bezeichnet. Aber die Istanbulerin ist mehr als nur Literatin. In den letzten Monaten fällt sie immer wieder in Interviews, mit Artikeln und Essays (hier oder hier oder hier zum Beispiel) als politische Person auf, die die aktuellen Entwicklungen in ihrem Heimatland kommentiert und analysiert. In „Der Geruch des Paradieses“ thematisiert Shafak die gesellschaftlichen Zustände in der Türkei anhand einer Frauenfreundschaft.

Sie war eine gute Ehefrau, gute Mutter, gute Hausfrau, gute Bürgerin und gute moderne Muslima.

Es ist ein ganz normaler Nachmittag, an dem Nazperi Natbantoğlu, die von allen nur Peri genannt wird, mit ihrer Tochter auf dem Weg zu einer Dinnerparty im Istanbuler Stau steht. Doch plötzlich wird sie bestohlen – als ein Dieb Peris Handtasche vom Rücksitz des Autos klaut, entschließt sie sich kurzerhand, die Verfolgung aufzunehmen. Die Szene wird zum Initiationsmoment der Romanhandlung: während der Verfolgung „spürte sie eine seltsame Freiheit in sich, als wäre sie in einen verbotenen Bereich eingedrungen.“ Jener verbotene Bereich, den Peri durch die Konfrontation mit dem Dieb, den Bruch mit den Verhaltensnormen, betritt, ist die verdrängte Erinnerung an ihre Collegezeit in Cambridge, die offenbar – so deuten es die vielen Prolepsen immer wieder an – kein gutes Ende nahm.

„Der Geruch des Paradieses“ erzählt aus auktorialer Perspektive auf zwei Ebenen: vom Tag des Diebstahls im Jahr 2016 und dem darauffolgenden Abendessen sowie in Erinnerungskapiteln von Peris Kindheit, Jugend und der Zeit am englischen Elite-College, die etwa fünfzehn Jahre zurückliegt. Bei der Orientierung helfen Orts- und Zeitangaben unter den Kapiteltiteln, wären aber aufgrund der gänzlich gegensätzlichen Lebenswelten, Figurationen und Topographien im Grunde nicht unbedingt notwendig.

In dem Viertel galt jedes Schicksal als vorherbestimmt und jedes Leid als unvermeidbar.

Dass Peri es bis nach Cambridge schaffte, verdankt sie in erster Linie ihrem Vater. Während ihre Mutter Selma sich aus einer Depression heraus einem ‚religiösen Zirkel’ mit strenger Koran-Ausrichtung anschloss und sich ein traditionelles Leben für ihre Tochter wünscht, ist es ihr Vater Mensur, der säkular und liberal eingestellt ist. Er ist es, der seine Tochter immer wieder motiviert, ihr Bestes zu geben: „Nur die Bildung kann uns retten! Nur sie bringt uns voran! Du musst an der besten Universität der Welt studieren!“ Neben den Büchern – „Die Fantasie war ihr Zuhause, ihre Heimat, ihre Zuflucht, ihr Exil.“ – ist Peri in Kindheit und Jugend interessiert am Metaphysischen:

„Während ihre Freundinnen – leicht und unkompliziert wie die Drachen, die sie steigen ließen – auf der Straße spielten, befand sich Nazperi Natbantoğlu, ein ungewöhnlich ernstes, in sich gekehrtes Kind, auf der Suche nach Gott.“

Shirin und Mona und ich. Wir drei: die Sünderin, die Gläubige, die Verwirrte.

Die Suche nach Gott verbindet Peri in Cambridge mit Shirin und Mona, die sie unabhängig voneinander kennenlernt. Shirin, die in Teheran geboren und in der Schweiz, Portugal und in England aufwuchs, ist Peris Zimmernachbarin. Sie führt ein Studentenleben zwischen Parties, Affären und Alkohol. Ihr Gegenstück ist Mona, einer in den USA aufgewachsenen Ägypterin, die sich selbst als „muslimische Feministin“ bezeichnet und den Hidschab als Glaubensbekundung voller Selbstbewusstsein trägt. Alle drei besuchen das philosophische Seminar von Professor Azur, in dem es um Gott geht und das die Freundschaft der drei jungen Muslimas – der „Sünderin“, der „Gläubigen“ und der „Verwirrten“ – auf die Probe stellt.

„Der Geruch des Paradieses“ ist nicht nur ein Roman über Freundschaft, sondern auch über die Suche nach Gott und dem eigenen Glauben. Dies spiegelt sich formal in den Kapiteltiteln, die – zwar nicht in ihrer Summe, aber in ihrer Gestalt – an die 99 schönen Namen Gottes, die der Koran kennt, erinnern. „Der Traumdeuter“, „Der Umhang“, „Die Prophezeihung“, „Die Limousine“, „Die Schneeflocke“; das Substantiv wird stets vom Artikel begleitet.

Heul doch, Jean-Paul Satre! Nimm das! Eine existenzielle Krise wie unsere hast du noch nie gesehen!

Besonders die Episoden des Romans, die von dem einen Tag im Leben der 35-jährigen Peri als Mutter dreier Kinder und Ehefrau eines erfolgreichen Geschäftsmannes erzählen, schildern die sozialen und kulturellen Zwänge, denen sie unterliegt und die bei ihr Wut, Hass und Aggressionen erzeugen. So schlägt Peri den Dieb ihrer Handtasche fast tot, als sie ihn einholt, oder stellt sich auf der Dinner-Party am Abend vor, wie sie das Aquarium ihrer Gastgeber zertrümmert:

Am liebsten hätte sie das Aquarium zerschmettert, dass die Scherben flogen und die Fische über den Marmorboden schlitterten. Mit schlagenden Schwänzen, nach Luft ringend und nach Freiheit lechzend würden sie durch den Gang rutschen und im Zickzack zwischen den Füßen der Gäste über den Boden glitschen, während sich das Licht des Kronleuchters auf ihren Kiemen spiegelte. Sie würden durch die Hintertür ins Freie gleiten, über die Terrasse schlingern und im Augenblick der Todesahnung eintauchen ins tiefe Meer.

„Der Geruch des Paradieses“ ist auch eine Milieustudie des modernen Istanbuls, dem der Roman auch eine Identitätskrise bescheinigt. Zwischen Europa und Asien, zwischen Tradition und Moderne ist Shafaks Istanbul „eine einzige gigantische Baustelle“, durch deren Gesellschaft ein tiefer Riss geht: „Man war entweder ’streng religiös‘ oder ’streng säkular‘, und diejenigen, die sich noch irgendwie in beiden Lagern gesehen und mit dem Allmächtigen ebenso leidenschaftlich auseinandergesetzt hatten wie mit der Gegenwart, waren entweder verschwunden oder auf gespenstische Weise verstummt“. Ebene jene Grauzone, das „Zwischen den Welten“ verkörpert Peri, die „Verwirrte“, deren Hin- und Hergerissenheit – und noch einige andere Umstände – in einem Suizidversuch endet, der auch ihrer Zeit in Cambridge ein Ende setzt.

„Der Geruch des Paradieses“ ist geprägt von binären Oppositionen, zwischen denen Peri wie zwischen Polen hin- und herwandert, um ihren Platz im Leben zu finden. Warum gerade sie sich nicht in diesem System verorten kann, wird gegen Ende des Romans deutlich: ihre „zweite Hälfte“, ihr eigener Gegenpol, fehlt. Ihr Zwillingsbruder Poyraz starb im Alter von 4 Jahren vor Peris Augen, erscheint ihr aber immer wieder als Dschinn, einer Art Geist oder „Kind im Nebel“, um ihr den Weg zu weisen.
Ganz in diesem Sinne bewegt sich Shafaks neuer Roman zwischen realistischem und surrealistischen Erzähltraditionen, ohne dabei ins Kitschige abzugleiten. „Der Geruch des Paradieses“ ist ein nachdenklicher und gleichzeitig kurzweiliger Roman, in gewisser Weise auch eine Coming-of-Age-Geschichte, in jedem Fall aber für jeden, der sich darauf einlässt, eine lohnende Lektüre.


Wir danken Kein & Aber für das Rezensionsexemplar.

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