Hilfe, wir leben noch! Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“

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Das dystopische Szenario einer postapokalyptischen Welt ohne Menschen ist ein Topos, der in den letzten Jahren vor allem zahlreiche Popcorn-Hollywood-Filme hervorbrachte: man denke da an die Eiszeit in Day after tomorrow, I am legend nach dem gleichnamigen Roman von Richard Matheson mit Will Smith in der Hauptrolle und zahlreiche Zombiefilme.

In der deutschsprachigen Belletristik scheint sich das dystopische Endzeit-Genre nun einer neuen literarischen Beliebtheit zu erfreuen. Neben dem brillianten Erstling „Winters Garten“ von Valerie Fritsch, das den Vorabend des Weltuntergangs imaginiert, ist Heinz Helles Roman Eigentlich müssten wir tanzen der zweite apokalyptische Text aus dem Hause Suhrkamp auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Hier haben fünf Jugendfreunde den Untergang der menschlichen Zivilisation zufällig überlebt, als sie sich auf Wochenendurlaub in einer abgelegenen Hütte in den Alpen befinden. Helle erzählt in neunundsechzig Kurzkapiteln von ihrer gemeinsamen Wanderung durch die verwüstete Landschaft zwischen Deutschland und Österreich in einer „aus den Fugen geratenen Welt“. 

Was genau passiert ist, als sich Fürst, Golde, Gruber, Drygalski und der anonyme Ich-Erzähler auf der Alpenhütte befanden, erzählt Eigentlich müssten wir tanzen nicht. Auch die Figuren bleiben im Ungewissen, sie können lediglich vermuten, dass   eine „kollektive Depression“, die sie der präapokalyptischen Gesellschaft unterstellen, zur Situation führte, in der sich die Männer im erzählten Präsens befinden. Was sie vorfinden, nachdem sie die Hütte verlassen, sind brennende Dörfer, geplünderte Supermärkte, Massenkarambolagen – und keine anderen Überlebenden, sondern unzählige verkohlte oder verstümmelte Leichen.

[…] wir wissen nicht, worauf wir warten, oder was wir zu finden hoffen auf unserem Marsch durch die Landschaft, die nichts weiter ist als eine ständige Erinnerung daran, dass nichts mehr so ist wie früher.

Jene Erinnerungen, die das Ich auf dem Weg immer wieder einholen, fließen in Form von „Wisst ihr noch?“-Kapiteln im Präteritum in den Roman ein, erzählen dem Leser mehr über das vorapokalyptische Verhältnis der fünf Freunde und ihre individuellen Charakteristika, dienen aber gleichzeitig auch dem wandernden „Wir“ als Versicherung der eigenen Identität in der unwirklichen Welt, durch welche sie sich bewegen.
Die Gruppendynamik durchläuft im Verlauf des Marschs ebenfalls Veränderungen: die Einheit, welche die Freunde zunächst angesichts der Bedrohung bilden und die sich symbolisch durch das nächtliche Zusammenstehen und Wärmen, das an das Verhalten der Kaiserpinguine am Südpol erinnert, im ersten Kapitel expositorisch manifestiert, löst sich immer weiter auf.

Aber irgendwie macht es uns froh, zu sehen, dass die Welt so vollkommen ohne unser Zutun tut, was sie tut.

Die Apokalypse, die Helle in Eigentlich müssten wir tanzen imaginiert, bewirkt eine Re-Naturalisierung der Umwelt und des menschlichen Verhaltens. Bereits das erste Kapitel, das mit der Analogisierung der Figuren und den männlichen Kaiserpinguinen spielt, deutet dies an. Finden die Freunde etwas, das nicht vollends zerstört ist, wie beispielsweise ein nur halb ausgebranntes Auto oder einen intakten Stuhl, wird er „natürlich“ auseinandergenommen und zerstört, nichts, das beim Überleben hilfreich sein könnte, wird mitgenommen. Diese Zerstörungswut mag Frustration angesichts der ausweglos erscheinenden Situation sein, vielleicht aber auch ein Ausdruck vollständiger Zerstörung aller Spuren des Gewesenen um einen „tabula rasa“-Effekt zu erzielen. Auch der Romantitel verweist auf den Instinkt, gegen die Kälte mit körperlicher Bewegung anzukämpfen, um nicht zu erfrieren:

Eigentlich müssten wir tanzen, aber die Euphorie ist wie so oft nur im Kopf, nur ein Wort.

Hier klingt bereits der zweite, vielleicht bedeutendste Aspekt auf der poetologischen Ebene des Romans an: mit dem Ende der Zivilisation und der Re-Naturalisierung der Welt wird der Verlust der Sprache eingeläutet. Als sich die Freunde auf einem Feld wiederfinden, beschließen sie, ein Nachricht zu hinterlassen, für den Fall, dass noch andere Menschen überlebt haben, oder nach Überlebenden suchen. Sie entschließen sich für ein Peace-Zeichen, dass sie mit ihren Fußabdrücken in den Schnee schreiben wollen – doch es schmilzt. Nichts bleibt.

Die Welt wird ein Nebel, der sich nicht nur über die Dinge da draußen legt, sondern auch über die Wörter in mir.

Eine zukünftige Zivilisation imaginiert das Ich non-verbal: „Ich stelle mir vor, wenn nach uns jemand die Welt wieder aufbaut, wird es eine schweigsame Welt sein. Die Menschen werden sich nur mit Blicken austauschen, mit vorsichtigen Gesten und sanften Berührungen, und sie werden die Stimmbänder nur nutzen, um zu lachen oder zu seufzen.“ Auch die Kommunikation zwischen den Überlebenden schwindet, ganz im Sinne dieser Idee, im Verlauf des Romans immer weiter, bis die Verständigung nur noch über Blicke läuft. Und schließlich deutet die formale Beschaffenheit von Hellers Roman selbst auf das Ringen um die Sprache hin: keines der Kapitel umfasst mehr als drei Seiten, viele Absätze innerhalb der Kapitel bestehen aus einzelnen Sätzen.

Am Ende kehren die Wandernden um und treffen tatsächlich noch auf einen anderen Menschen, der sich in der Alpenhütte niedergelassen hat, in welcher die Freunde einst überlebten. Er ist nicht der Einzige, auf dessen Tod das Ich am Ende des Romans zurückblickt. Die idyllischen Naturbeschreibungen während der Wanderung durch Wälder und die voralpine Flora und Fauna stehen in Opposition zu verstörenden Schilderungen vom langsamen Dahinsiechen der letzten Menschen – lassen sich aber gleichzeitig als Teil der Re-Naturalisierung lesen.

Hat also die Sprache das Ende der Welt verursacht, der ständige Wunsch nach Kommunikation, die nicht nur Verständnis, sondern auch Missverständnisse produzieren kann? Heinz Helle beantwortet die Frage nicht eindeutig. Er selbst wählt seine Worte mit Bedacht. Eigentlich müssten wir tanzen ist ein poetischer, enorm kraftvoller Text, der dem Leser den Wahnsinn der Gegenwart vor Augen führt. Ebenfalls begeistert von Helles Roman zeigen sich Jochen Kienbaum, der Kaffeehaussitzer und Sophie von Literaturen. Die deutsche Gegenwartsliteratur braucht Dystopien wie die von Heller und von Fritsch. Desto unverständlicher ist es, dass keiner der beiden Romane es auf die Shortlist des diesjährigen deutschen Buchpreises geschafft haben.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns von Suhrkamp freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans.