Ich, Ingeborg: Hans Weigels „Unvollendete Symphonie“

Weigel_Unvollendete

Hans Weigel gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten im Wiener Nachkriegs-Literaturbetrieb. Seine literarische Tafelrunde im Café Raimund ist legendär. Hier versammelten sich spätere Größen wie Milo Dor, Reinhard Federmann, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, um von den vielfältigen Verbindungen Weigels zu profitieren, der ihre Texte an Verleger und Zeitungsredaktionen vermittelte. Der Literaturmanager Weigel, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft im März 1938 ins Schweizer Exil ging, kehrte bereits im Sommer 1945, wenige Wochen nach Kriegsende, in seine Heimatstadt Wien zurück. 1951 veröffentlicht er den Roman „Unvollendete Symphonie“, in dem er die Jahre nach der Rückkehr nach Österreich thematisiert. Aufsehen erregte nicht die literarische Qualität des Textes, sondern seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann, die er in seinem Roman ebenfalls verarbeitet.

Dem eigentlichen Romantext schickt der Autor eine Vorrede voraus, in der er seine Herangehensweise rechtfertigt. Obwohl Weigel eigentlich der Überzeugung ist, dass der Autor  zu starke Realitätsbezüge in der Literatur ablehnen sollte, sieht er diese in seinem Falle gerechtfertigt: „Unsere Gegenwart und jüngste Vergangenheit sind jedoch so überreich an Stoffen und Fragen, an Erlebnissen von besonderer Intensität, dass […] mancher von ihm ergriffen und überwältigt wird.“ Den Lösungsansatz zu diesem poetologischen Konflikt liefert Weigel gleich mit. Er wählt eine indirekte Darstellungsart als Erzählperspektive, um Distanzgewinnung zu schaffen. Der Roman kommt als „Aufzeichnungen eines jungen Mädchens in Wien“ daher, Weigel erzählt von den unmittelbaren Nachkriegsjahren aus der Perspektive einer jungen Frau, die aus der Provinz in die österreichische Hauptstadt kommt, um ein Kunststudium zu beginnen, dort auf einen gerade aus der Schweiz zurückgekehrten jüdischen Exil-Wiener namens Peter Taussig trifft und sich in ihn verliebt.

Wer es nicht längst weiß oder während der Lektüre nicht stutzig wird, wird spätestens im Nachwort von Hans Weigel höchstpersönlich darüber aufgeklärt, dass es sich bei der jungen Dame, aus deren Sicht hier erzählt wird, um Ingeborg Bachmann handelt.
Nicht alle Randdaten stimmen; so lernen sich Weigel und Bachmann beispielsweise erst im September 1947 kennen, das erzählende Ich und Peter Taussig in „Unvollendete Symphonie“ treffen dagegen bereits im Winter 1945/1946. Nicht formelle Details der Bekanntschaft, sondern die Intimität der Ich-Perspektive der Person, aus dessen sich Weigel hier seine namenlose Ich-Erzählerin sprechen lässt, ist es, was den Roman so beachtenswert macht, dass die Bachmann-Forschung bislang regelmäßig auf den Roman zurückgriff, um auf die Wiener Jahre Bezug zu nehmen. Dabei stand Bachmann selbst der Veröffentlichung mehr als skeptisch gegenüber.

Im März 1951 schreibt sie an Paul Celan: „Jetzt ist es so still wie nach den Bombenabwürfen im Krieg, wenn sich der Rauch verzogen hatte und man entdeckte, dass das Haus nicht mehr stand und nichts zu sagen wusste; was hätte man auch sagen sollen?“ Kurz vorher hatte sie sich bei Weigel erkundigt, ob der Roman schon weit vorgeschrieben sei – er war es und erschien kurz danach. Für Bachmman schockierend muss vor allem gewesen zu sein, dass ihr Vater Matthias Bachmann im Roman von Hans Weigel erstmalig als NSDAP-Mitglied entlarvt wird. Zumindest für den gut vernetzten Wiener Literaturbetrieb muss zum Zeitpunkt der Veröffentlichung klar gewesen sein, dass Weigel Bachmann meint, wenn er Ich sagt. Seine Darstellung der jungen Frau als naives, gefühlsduseliges und eifersüchtiges Mädchen, das sich von Peter Taussig abhängig macht und aushalten lässt, wird ihr ebenfalls nicht geschmeichelt haben.

Wenn dieser Text eine quasi-Biographie der Beziehung Bachmann-Weigel ist, warum war der Text dann solang vergriffen und wurde erst jetzt vom kleinen Verlag edition atelier erst wieder neu aufgelegt? Die Antwort ist einfach: der eigentliche literarische Text ist qualitativ schlicht schlecht.
Weigel mag ein begabter Netzwerker gewesen sein, sein schriftstellerisches Talent ließ eher zu wünschen übrig. Ernst nehmen kann man das Ich, das in „Unvollendete Symphonie“ spricht, nicht:

Ich danke dir auch in dem Sinn, daß ich glaube, ich bin erst durch dich und bei dir zu einer Frau geworden, auf die Männer Wert legen.

Der Stimme des männlichen Autors klingt in Sätzen wie solchen stets mit und macht die weibliche Ich-Perspektive obskur. Die Figuren, die Weigel entwirft – und das sind neben Peter Taussig und dem erzählenden Ich wenige – sind eindimensional, es lässt sich keine Entwicklung erkennen, obwohl die Erinnerungen über einen Zeitraum von mehreren Jahren wiedergegeben werden. Auch die Beziehung, die im Zentrum steht, verändert sich nicht wirklich. Es scheint Weigel nicht darum zu gehen, einen Roman zu schreiben, sondern in möglichst intellektueller Form über sich und Ingeborg Bachmann aus dem Nähkästchen zu plaudern, nachdem deren Beziehung zu Ende gegangen ist und sie sich dem zwölf Jahre jüngeren Paul Celan zugewandt hat, dessen Beziehung genauso „exemplarisch“ [vgl. Herzzeit 18.1: Bachmann an Celan, März 1951: „unsere Leben haben doch etwas sehr Exemplarisches, findest du nicht?“] ist, wie die, die er in „Unvollendete Symphonie“ beschreibt.

Das Schlüsselwort der Stadt und des Lands heißt nicht Weil, sondern Trotzdem.

Aus literarischer Sicht spannender ist da die Thematisierung des Zeitgeists im Wien der Nachkriegsjahre, die laut Weigels Vorbemerkung im Zentrum stehen sollten, im Nachhinein aber von der prominenten Vorlage zur Ich-Erzählerin überschatten wurden. Das Motto lautet: Hauptsache leben. Man sitzt nachmittags im Café und diskutiert, geht abends in den Beißel, um weiterzudiskutieren und verbringt die Nächte in Wohnungen von flüchtigen Bekannten, denen man die Kaffeedose und den Voratsschrank plündert. An Arbeit und Zukunft denkt hier keiner, die Gegenwart nimmt den ganzen Raum ein. Auch feste Bindungen sind nicht erwünscht – zumindest von männlicher Seite.

Ich werde nie endgültig wieder da sein, ich muss es mir von jedem Augenblick neu bestätigen lassen.

Am gehaltvollsten sind die Passagen über Peter Taussigs Rolle als jüdischem Rückkehrer aus dem Exil. In seiner Heimatstadt Wien wird er zwar von Bekannten und alten Freunden willkommen geheißen, vollends heimisch wird er jedoch nicht. Taussig thematisiert die Schuld, die für ihn mit dem Überleben verbunden ist: „Manchmal frage ich mich, womit ich das bezahlen werde, das unmenschliche, egoistische Glück, wieder da zu sein.“, gleichzeitig aber auch die Fremdheit des Exils, der die Emigranten zur Rückkehr bewegt:

In England und Amerika sind sie Deutsche oder Österreicher. Sie wollen aber um jeden Preis Engländer und Amerikaner sein. Und das können sie nur hier bei uns. Drum kommen sie.

Schönheit ist nicht Vollkommenheit, sondern Entdeckung der Unvollkommenheit. Keine Symphonie reicht an die Unvollendete heran.

Der Titel „Unvollendete Symphonie“ und das Konzept, das mit diesem Bild im Roman verbunden wird, steht symptomatisch für diese innere Gebrochenheit der Figur Taussig, aber auch für die „exemplarische“ Beziehung, die er, der aus dem Exil zurückgekehrte Jude, mit dem erzählenden Ich, der Tätertochter als Vertreterin einer neuen Generation, führt: „Liebe ist ja kein Ja zur Schönheit, sondern Überwindung und Verklärung des Unschönen durch das Ja.“ Das Unschöne, das überwunden werden muss, ist im Fall von Taussig und dem Ich die Vergangenheit und nichts geringeres als die Mitschuld an der Schoah. Dass die Beziehung zum Scheitern verurteilt ist, liegt da auf der Hand.

Anfang des Jahres hat Joseph McVeigh mit Ingeborg Bachmanns Wien eine neue Biografie vorgelegt, welche speziell die frühen Jahre der Dichterin zwischen 1946-1953 thematisiert. In diesem Zuge macht er erstmalig die Briefe von Bachmann an Weigel zugänglich, die in der Wien-Bibliothek liegen und von der Forschung bislang stiefmütterlich behandelt wurden. Wer sich für die Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Weigel interessiert, ist hier besser bedient, nicht nur, weil es sich um „authentische“ Dokumente handelt, die nicht erst die Fiktionalisierung durchlaufen haben. Sie sind geprägt von Alltäglichkeiten und Beziehungsfragen, vornehmlich aber auch vom Wiener Schmäh, das Bachmann nicht nur spricht, sondern auch schreibt, und das man in den Briefen an Paul Celan beispielsweise nicht findet. Es ist gut, dass Weigels „Unvollendete Symphonie“ durch die Neuausgabe wieder zugänglich gemacht wurde, da schon allein die Existenz des Romans ein literaturkulturelles Zeugnis der Nachkriegszeit ist. Wer mit den Begleitumständen vertraut ist, hat Spaß an dem Text, der literarisch in vielen Teilen einem Groschenroman mit Kitschcover gleicht.

1 Kommentare

  1. Das ist die beste Schilderung des Nachkriegs-Wien, die ich je gelesen habe.
    Daß die Weigel-Bachmann Beziehung darin beschrieben wird, weiß man wahrscheinlich oder liest es in dieser Ausgabe, sonst hätte ich die Bachmann in diesem jungen Mädchen nicht erkannt und, daß Hans Weigel, von dem ich auch noch den „Grünen Stern“, in einer Uralt-Ausgabe gelesen habe, ein mittelmäßiger Schriftsteller, wie meiner Meinung nach auch Friedrich Torberg oder Ilija Trojanow war, dachte ich mir schon länger, trotzdem habe ich auf das Buch schon sehr gewartet und bin froh, daß ich es gelesen habe.
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/03/24/unvollendete-symphonie/

Kommentar verfassen