Ijoma Mangolds „Das deutsche Krokodil“: Das Unikum

Das deutsche Krokodil

Als Kritiker selbst Bücher zu schreiben, ist wohl das gefährlichste Vorhaben in der Literaturbranche. Gibt es positive Reaktionen vermutet jeder Freundschaftsdienste, wird das Buch verrissen, meint man die Messer zu hören, die schon jahrelang in Vorbereitung gewetzt wurden. So oder so, man kann es eigentlich kaum jemanden Recht machen. Früher war das eigene (literarische) Schreiben und Kritikersein noch kein Widerspruch, da war es aber auch üblicher, dass Schriftsteller als Kritiker tätig wurden. In jüngerer Vergangenheit hat Fritz J. Raddatz sich mit seinem eigenen Werk ganz passabel geschlagen, vor allem mit seinen biographischen Texten, Reich-Ranicki versuchte sich erst gar nicht am Fiktionalen, feierte dafür riesige Erfolge, vor allem mit seinem Memoir. Schlechter erging es da Helmuth Karasek, der mit seinen literarischen Gehversuchen regelmäßig auf die Nase fiel. Nun hat sich Ijoma Mangold, Literaturchef bei der ZEIT, ein Herz gefasst und in „Das deutsche Krokodil“ sein Leben beschrieben. Leider hat der literaturbeflissene Kritiker darin keinen konsequenten Umgang mit dem Autobiographischen gefunden.

„Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“ heißt es bei Adorno in der „Minima Moralia“. Diese Unverschämtheit besitzen neuerdings ziemlich viele Leute, das Autobiographische ist angesagt wie nie. Nun muss man jedoch zwischen jener Spielart des Autobiographischen unterscheiden, die es schon immer gab, dem Memoir, und jener Tendenz, in der das Autobiographische den Roman, also die Gattung der Fiktion, infiziert. In einer richtigen, handelsüblichen Autobiographie, so würde man annehmen, ist das „Ich“-Sagen kein Skandal. Auf der anderen Seite ist das „Ich“ im Sinne des Ausdrucks einer festen Identität gleich von zwei Seiten unter Beschuss gekommen. Die Konstruktivisten und Poststrukturalisten zetern: „Das ‚Ich‘ ist nicht mehr als ein fluides Gemisch aus Fremdeinflüssen, das sich ständig neuzusammensetzt.“ Und die Kognitionsforscher weisen schon länger darauf hin, wie unsicher so etwas wie Erinnern eigentlich ist und wie viel Mythenbildung sich mit hineinmischt, wenn wir von einem früheren „Ich“ sprechen.

Sein zweiter Vorname, das ist seine Hoffnung, soll die Exotik seines ersten Vornamens mildern: Ijoma Alexander Mangold.

Konsequenterweise fängt Mangold daher auch damit an, sein kindliches Selbst nicht als „Ich“ in den Text einzuführen, sondern nur von „dem Jungen“ zu sprechen. Damit macht er den Graben deutlich, der sich, zwischen der Gegenwart und diesem vom Staub des Vergessens befallenden Raum ‚Kindheit‘, immer weiter aufmacht, je länger man durch die Jahre schreitet. Zu einem späteren Zeitpunkt seiner Autobiographie führt er weiterhin aus:

Wie beim Stille-Post-Spiel werden die Anekdoten des eigenen Lebens von vergangenen Ichs in unendlicher Kette einander ins Ohr geflüstert, nur dass die Geschichten, weil alle Ichs so vertraut miteinander sind, nicht von Station zu Station absurder, grotesker und sinnentleerter werden, sondern, im Gegenteil, laufend kompakter, gerundeter und süffiger.

Er übernimmt hier subjektkritische Positionen und verknüpft sie mit der These, dass sich Sinnzusammenhänge über die Dauer nicht etwa ausfransen, sondern sich im Gegenteil verdichten. Das ist ein höheres Reflexionsniveau, als man es in vielen anderen Autobiographien antrifft, allerdings muss man „Das deutsche Krokodil“ dann auch daran messen, welche  theoretische Ebene das Buch selbst einzieht.

Diese vergisst es nämlich dann relativ schnell, wenn die Phase der Kindheit überwunden ist. Dann erscheint da plötzlich ein „Ich“ am Horizont, das auch im Weiteren nicht mehr in Frage gestellt wird. Mangolds Autobiographie erzählt dann nämlich von einem Leben, zuerst als Kind in Dossenheim, dann das Studium in München, schließlich die Arbeit in Berlin. Mangold kam in der baden-württembergischen Provinz mit einer offensichtlichen Eigenschaft zur Welt, die ihn lange Zeit zu einem Außenseiter machen sollte: Die dunkle Hautfarbe, die er von seinem Vater, einem Nigerianer, vererbt bekommen hat. Das muss auch deswegen so betont werden, weil Mangold damit nicht einfach nur einer Minderheit angehörte, sondern im Baden-Württembergischen der Siebziger eine Erscheinung war: „Ich gehörte keiner Minderheit an, ich war eine Singularität.“ Die Geschichte Mangolds ist also keine klassische Geschichte des Nachkriegsdeutschlands, wie sie die Söhne türkischer Migranten erzählten. Mangolds nigerianische Wurzeln verschonten ihn, trotz einiger Negativerfahrung, auf merkwürdige Weise vom Rassismus. Denn als Singularität konnten ihn nur die größten rassistischen Wirrköpfe als eine bedrohliche Minderheit schmähen.

Einmal liegt zu Hause das Magazin „Stern“ herum. Auf dem Umschlag wird ein Artikel über das Erstarken der rechten Szene angekündigt.

Als Schwarzer entdeckt sich Mangold, so schildert es hier in diesem Buch, zu allererst in den USA. Dort wird er als Angehöriger einer Minderheit zum ersten Mal gespiegelt – im positiven wie im negativen Sinne. Auf der einen Seite lernt er den Rassismus in den USA kennen, auf der anderen Seite lernt er auch kennen, wie selbstverständlich als Teil einer schwarzen Community angenommen zu werden. Doch seine eigentliche Vereinzelung, so seine These, ist nicht durch seine Hautfarbe zu erklären, sondern durch seine große Leidenschaft: „Gab es Gefühle des Außenseitertums, der Ausgegrenztheit? Ja, aber sie hatten nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit meiner Neigung zu Literatur und klassischer Musik.“ Das klingt ein bisschen kokett und vor allem unwahrscheinlich unpolitisch  –  doch wer wäre man, die Deutung seiner Lebensgeschichte dem Autobiographen aus den Händen zu reißen.

Das Lesen isolierte mich, das schien mir festzustehen.

Mangolds Version seiner selbst ist also nicht so sehr die eines Opfers von Rassismus, sondern die eines Mannes, der sich so sehr in der (von ihm selbst sehr betont deutschen) Kultur versenkt, dass er schon bald bei weiten Teilen seines Umfelds nicht mehr anschlussfähig ist: „War ich überassimiliert, deutscher als jeder Deutsche?“ In der Theater-AG während der Schulzeit führt die Arbeit am eigenen Manierismus gar soweit, dass man sich schon bald nicht mehr Teil der Gruppe sah und sich in eine elitären Eliteklub flüchtete, wo man unter sich blieb und avantgardistisches Theater aufführte, während der Rest sich mit platten Lustspielen abmühten. Von einem Lehrer lernte er das Preußische lieben; nicht das militärische, aber die Strenge gegen sich selbst, Bildungskult und Toleranz: „Was war eigentlich so schlecht daran, Gesinnungspreuße zu sein?“ Das Psychogramm, das sich daraus ergibt, liegt offen zu Tage: Überidentifizierung durch die ständige Bedrohung doch noch ausgeschlossen zu werden.

Jeder suchte sich sein Trauma, weil er sich nicht vollständig fühlt, ehe er es nicht hervorgegraben hat.

Seine große Differenzerfahrung macht Mangold schließlich, als er nach Lagos fliegt, um seinen Vater und dessen Familie, die auch seine werden wird, zu besuchen. Dort lernt er eine Gesellschaft kennen, die all die Strenge gegen andere und gegen sich selbst abgeht. Stattdessen muss er mit einer Lockerheit umgehen, die ihn an seine Grenzen führt und ihn schließlich verwandeln soll: „Vergiss den Namen Mangold, du bist Ijoma Ezebuike!“

Die Afrika-Episode in „Das deutsche Krokodil“ ist sicher eine der stärksten. Auch insgesamt hätte Ijoma Mangold viel mehr falsch machen können. So gesehen kommt er einigermaßen heil aus der Sache raus und es standen ja auch schon etliche Kritiker bereit, um die Autobiographie lobend abzunicken. Doch von jemandem, der sich so souverän in der Weltliteratur bewegen kann, hätte man schon erwartet, dass die Arbeit am eigenen Ich über die rein psychologische Ebene hinausgeht. So wirken die zu Anfangs erwähnten Bedenken gegenüber festen Identitäten wie ein Zugeständnis an den gebildeten Leser (im Sinne einer Beteuerung: ‚Ich weiß ja, so ein ‚Ich‘, das ist eine schwierige Sache, ich hab meinen Foucault auch gelesen.‘), nur um dann relativ locker drüber hinweg zu gehen. So bleibt Mangold schließlich doch hinter den Ansprüchen zurück, die er regelmäßig sehr öffentlich an die Literatur anlegt.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.

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