Im sauren Regen: Hendrik Otrembas „Über uns der Schaum“

Otremba-Über uns der Schaum

Dass Songtexte auch literarisch sein können, ist spätestens seit der Debatte um die lyrische Qualität von deutschsprachigen Raptexten im Jahr 2015 Konsens. Warum da weiterhin nur auf wenige Verse beschränken?, dachten sich in den letzten Jahren immer mehr Musiker, die nach und nach ihre Debütromane veröffentlichten. Nach Tomte-Sänger Thees Uhlmann und seinem nach amerikanischer Popcorn-Komödie der 1990er klingendem Buch „Sophia, der Tod und ich“ hat nun auch Hendrik Otremba, Sänger der Band „Messer“ mit „Über uns der Schaum“ sein Romandebüt vorgelegt.

Während seine Kollegen entweder wie Rammstein-Keyboarder Flake in seinem neusten Roman über das wilde Musikerleben schreiben oder wie Uhlmann eher uninspiriert altbewährte literarische Zutaten – ein Roadtrip mit dem personifizierte Tod, eine Mischung aus Herrndorfs „Tschick“ und „Teuflisch“ mit Adam Sander – neu verquirlen, beweist Otremba mehr Kreativität. Sein Roman ist Dystopie und Detektivgeschichte im Stil des Neo-Noir, wie der Klappentext verkündet – auch Otremba erfindet also das Rad nicht neu, schnitzt es aber aus seinem eigenen Holz.

Im Zentrum des Romans steht Joseph Weynberg. Nach dem tragischen Tod seiner großen Liebe Hedy ist sein Leben außer Kontrolle geraten. Um seine Sucht nach der Droge Portobin, die wahlweise die Wahrnehmung trübt oder schärft, zu finanzieren, arbeitet er als Privatdetektiv. Von dem Boulevard-Maffiosi Gustav Lang erhält er den Auftrag, eine seiner Geliebten zu finden und zu beschatten. Er begibt sich auf die Suche nach Maude Anandin und findet eine femme fatale, die der toten Hedy zum Verwechseln ähnlich sieht. Als sie gekidnappt wird, rettet Weynberg sie. Gemeinsam fliehen die beiden vor Gustav Lang in Richtung Osten. Aus dem Verfolger wird der Verfolgte.

Der Regen. Er war wohl überall giftig, dort, wo Menschen lebten. Wie eine Strafe.

Nicht nur das Milieu, auch die Welt, durch die sich beide bewegen, ist düster. Das Leben ist für die Menschen in dieser apokalyptischen Welt nur noch in den Städten möglich, auf dem Land außerhalb der urbanen Zentren leben die Aussetzigen und die, die etwas zu verbergen haben. Die Straße kann man nicht mehr ohne Regenschirm betreten, da giftiger, saurer bzw. säurehaltiger Regen die Menschen bedroht. Wer sterben will, geht nicht mehr ins Wasser, sondern „in den Regen“. Lebensmittel sind rar, genau wie alle anderen Rohstoffe. Auch den Geiger-Zähler hat Weynberg immer dabei, die Welt ist verstrahlt, für Menschen nur noch lebensfeindlich.

Was zu diesen apokalyptischen Zuständen führte, wird jedoch nicht aufgeklärt. Mutmaßungen lässt die Schilderung trotzdem zu – die Symptome scheinen alle menschengemacht –, sicher sind diese auch erwünscht, aber wer das klassische Weltuntergangsszenario im Stile von „The Day after Tomorrow“ sucht, wird enttäuscht. Die dystopische Topografie ist hintergründig, aber trotzdem tragend.

Auf ihrer Flucht, die sie in eine gerüchteumwogene Stadt im Osten, Neu-Qingdao, führen soll, durchqueren Weynberg und Maude die Natur, die als No-Go-Area gefürchtet ist und durch die klimatischen Veränderungen der apokalyptischen Welt keine Überlebenschancen bieten soll. Was die beiden jedoch vorfinden, sind paradiesische Zustände, Oasen, in denen der Regen sauber ist und die Natur sich ihren Raum zurück erobert hat. Unbehelligt können sie hier verweilen. Die literarischen Verweise auf die Genesis sind offenkundig; bemerkenswerterweise werden sie aber nicht durch fremde Einflüsse aus jenem Paradies vertrieben, nicht etwa die Verfolger rücken näher, sie entscheiden sich aus freien Stücken, da sie für ein Leben im Garten Eden ohne Nöte nicht mehr empfänglich sind.

Den noir’schen Twist bekommt „Über uns der Schaum“ vor allem durch das Doppelgänger-Motiv. Maude und Hedy sehen identisch aus, werden aber als grundverschiedene Charaktere gezeichnet. Man könnte meinen, Maude sei der ‚evil twin’ von Hedy – böse ist sie aber nicht, als femme fatale steht sie – im Gegensatz zu Hedy, die von Weynberg mit einem häuslichen, eher konservativem (Liebes-)Leben assoziiert wird – für das Abenteuer.

Ich hätte ein blöder Dichter werden sollen, dann würde ich wenigstens mit Stil verarmen.

Ganz ohne Referenzen auf die Profession des Autors kommt „Über uns der Schaum“ dann aber doch nicht aus. Weynberg ist nämlich nicht nur Detektiv, sondern auch verhinderter Lyriker. Allen Kapiteln sind einige reimende Verse vorangestellt, als dessen Urheber Weynberg angegeben ist. Ziemlich genau auf der Hälfte des Romans und auf der Hälfte der gemeinsamen Flucht mit Maude verweisen vier Verse, die nicht normal gesetzt, sondern als handschriftliche Notiz abgebildet sind:

Ich seh’ dich wie durch Nebel
Ich seh’ dich wie im Traum
Wir tauchen durch das Wasser
und über uns der Schaum.

Die titelgebenden Verse schreibt Weynberg auf einen Notizzettel, den er als Nachricht für Maude hinterlässt, die Verse stammen, wie Diviam Hoffmann bereits bemerkte, aber auch aus dem Lied „Der Staub zwischen den Planeten“ von Otrembas Band „Messer“. Dieser Verweis ist aber so subtil, dass eher spannend als störend daherkommt.

„Über uns der Schaum“ ist kein weiterer Versuch eines Musikers ein Buch zu schreiben, weil man das eben heute so macht, „Über uns der Schaum“ ist Literatur: Otremba stellt sich in literarische Traditionen, ohne bloße Reproduktion zu sein, er denkt Motive weiter und kombiniert sie. Auch narratologisch überzeugt der Text, der immer wieder die Erzählperspektiven ändert und Szenen – meist Todesmomente – aus verschiedenen Figurenperspektiven schildert, deren Ich-Reden individuelle Stile haben. Das Experiment, das Otremba eingegangen ist, ist gelungen: er gehört zu den wenigen deutschen Musikern, die sich zurecht auch als Schriftsteller bezeichnen können.


Wir danken dem Verbrecher Verlag für das Rezensionsexemplar.

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