Im tiefen, dunklen Wald: Jovana Reisingers „Still halten“

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Er ist der ultimative Sehnsuchtsort der Deutschen: der Wald. Spätestens seit der Romantik und den Grimmschen Märchen weiß jedes Kind, das im Dickicht Gefahren in Form von bösen Wölfen und noch böseren Hexen lauern. Gleichzeitig aber ist dieses Archaische, dieses Gegenbild zur vom Menschen geprägten, kultivierten Landschaft zum überhöhten Ideal geworden, das bei der Reichsgründung 1871, so zeigt sich am Hermannsschlacht-Denkmal im Teutoburger Wald, zum Symbol nationaler Identität erklärt wurde, das die Nazis dankend für ihre Propaganda nutzten. In Jovana Reisingers literarischem Debüt ist der Wald nicht Sehnsuchtsort, sondern gefürchteter Schreckensraum. Dennoch läuft der Roman zielstrebig auf eben jenen zu. In „Still halten“ erobert die Natur die Topographie zurück.

„Vielleicht sollten die zwei Männer in Feinrippunterhemden ein großes weißes Tuch über mein Gesicht ziehen, mich in das frische Loch auf dem Friedhof fallen lassen, sodass mein Körper und mein Schädel, von einem dumpfen, aber nicht weniger entsetzlichen Geräusch begleitet, aufprallen.“ Mit dem ultimativem Ende – der Imagination der eigenen Beerdigung – beginnt Jovana Reisingers Debütroman. Die Handlung setzt im März eines nicht näher bestimmten Jahres ein, in dem die Ich-Erzählerin auf dem Rückweg vom Arzt ist. Für ein Jahr wurde sie krankgeschrieben – irgendwo zwischen Burnout und Depression ist ihr Weg durch die Straßen einer namenlosen Großstadt und durch den Alltag zunächst ohne Ziel.

Wenn man eine Krankheit im Kopf hat, glaubt einem das keiner, da kann man das gleich bleiben lassen, das mit dem Erzählen. Geschichten erzählen sollte man nur, wenn man die Geschichten erzählen kann.

Von Beginn an wird deutlich: Wir haben es mit einer unzuverlässigen und leicht apathischen Ich-Erzählerin zutun. Immer wieder verschweigt sie dem Lesenden Informationen, ihr innerer Monolog ist assoziativ strukturiert, der Handlungsstrang des Romans fragil. Überhaupt ereignet sich nicht sonderlich viel in diesem Roman: Nach der Diagnose verbringt das Ich einige Zeit zu Hause und denkt über ihre Beziehung zu einem Mann nach, der mehr unterwegs als bei ihr ist.

Wer will schon so lang mit seinem Gehirn allein sein! Wenn man so lange nicht arbeitet, ist man dann überhaupt noch ein Mensch?

Immer wieder fragt die Ich-Erzählerin: „Was für eine Frau bin ich?“ Die erste Hälfte des Romans verhandelt die eigenen Selbstzweifel, das Scheitern am Leistungsdruck mit dem Anspruch „geile Karriere, geile Wohnung, geiler Mann, geiler Body“ und die Rolle, die sie in ihrer Beziehung einnimmt – hier wird Kritik vor allem an den gesellschaftlichen Erwartungen laut, die an junge Frauen gestellt werden.

Dann bekommt die Ich-Erzählerin jedoch die Nachricht, dass ihre Mutter im Sterben liegt. Sie ist die letzte Verwandte, denn Geschwister gibt es – erwähnt werden sie von der zugegebenermaßen unzuverlässigen Erzählinstanz jedenfalls – nicht, der Vater hat sich bereits Jahre zuvor das Leben genommen. Dennoch zögert das Ich die Abreise in die Heimat nach Oberösterreich so lange hinaus, dass sie nicht mehr rechtzeitig eintrifft.

Auch das Mutter-Tochter-Verhältnis, am Totenbett vor allem von sicher auch der psychischen Krankheit des Ichs geschuldeten Selbstvorwürfen („Ich schäme mich, die Mutter durch meine Abwesenheit getötet zu haben.“) geprägt, wird hier thematisiert. Eines der wohl eindrucksvollsten, wenn auch schauerlichen Szenen des Romans finden sich in diesem Abschnitt, in der das Ich sich vom Leichnam der Mutter verabschiedet und sich wünscht, zurück in ihren Bauch kriechen zu können und ihr schließlich – aufgrund der bereits einsetzenden Totenstarre – alle Finger bricht.

Der Opa ist hin. Die Oma ist hin. Der Vater ist hin. Die Mutter ist hin. Jetzt bin ich endlich allein. Die nächste bin dann wohl ich. Dann ist die ganze Familie zerstört. Und so steht die Letzte oben auf dem Hügel und denkt über das Leben nach, und ob es sich noch zu leben lohnt. Ich kann ja immer noch ein Kind kriegen.

Das Ich fährt nicht zurück in ihre Stadtwohnung, wo eh niemand auf sie wartet, der Mann ist wieder einmal auf Reisen, sondern lässt sich im Elternhaus nieder. Zum großen Grundstück gehört nicht nur ein Haus, sondern auch ein großer Wald, den die Erzählerin fürchtet und meidet. Sie beauftragt den Jäger des Nachbardorfs mit der Bewirtschaftung und nimmt es billigend hin, als dieser nicht den Wildbestand milde reguliert, sondern auf die Jagd geht, um die Beute in den umliegenden Restaurants weiter zu verkaufen.

Die Tiere sind aus dem Wald gekommen.

Während die menschliche Erzählerin in ihrer Depression, ihrem Burnout und ihrer Trauer um die Mutter ganz gemäß des Romantitels nahezu bewegungslos verharrt, erobern die Tiere den Raum um sie herum. Bereits in der Stadt sind es Krähen, die sich schwarmweise auf dem Balkon niederlassen, thematisiert werden die berühmten urbanisierten Wildschweine, die den städtischen Raum erobern. Nicht immer bleibt es so friedlich; in einer Szene beobachtet die Erzählerin eine weitere – oder die gleiche? – Gruppe von Krähen, die eine Taube jagen, schließlich töten und fressen.

Die Natur ist zornig. Niemals wird die Natur aufhören, sich das zurückzuholen, was sie eben besitzen will.

Am Ende beginnt die Ich-Erzählerin, Vögel in ihrem Garten mit dem Luftdruckgewehr des Vaters zu erschießen, bis sie sich schließlich doch in den Wald traut. Sie sucht nach der Hütte, die ihr Vater eigens nur für den Selbstmord baute – und läuft dem Jäger am Ende selbst vor die Flinte.

Jovana Reisingers Debüt ist anders – auf den ersten Blick entrückt, vielleicht weltfremd, auf den zweiten Blick jedoch ein durchaus zeitgenössischer und gesellschaftskritischer Roman, der die verschiedenen Rollen des weiblichen Selbst verhandelt. „Sehr österreichisch“ soll „Still halten“ laut einer Kritik von Björn Hayer sein; mit dem transparenten, kühlen Stil der deutschen Schreibschulen hat dieses Buch tatsächlich wenig zu tun. Dies täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der Text an einigen Stellen sperrig daherkommt.


Wir danken dem Verbrecher Verlag für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Aufgrund seiner Einfachheit finde ich das Cover sehr, sehr ansprechend! Die Story an sich liest sich bis hierhin auch spannend.

    Neri, Leselaunen

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