Ingo Schulzes „Peter Holtz“: Lebt denn der alte Schelmenroman noch?

Peter Holtz

Der Schelmenroman ist ein trügerisches Genre. Er gibt einen leichtfüßigen Ton vor, muss sich seicht anfühlen, ohne es zu sein. Der Schelm ist eine naive Figur, doch der Roman darf nicht naiv sein. Der Schelm hat ein simples Weltbild, doch seine literarische Einbettung muss differenziert sein. Und der Schelm hat ein kindliches Gemüt, doch es gibt nichts Schlimmeres als kindliche Literatur. Wie es der Gemeinplatz sagt, ist das Einfache schwer zu machen und so ist es auch beim Schelmenroman. Seine Wurzeln reichen bis in die Vormoderne zurück, der Referenztext ist und bleibt der „Simplicissimus“. Mit der Grasschen Blechtrommel hat vielleicht zum letzten Mal ein deutscher Literat Erfolg mit diesem Genre gehabt, auch wenn Oskar Matzerath vielleicht kein lupenreiner Schelm ist. Nun hebt Ingo Schulze an, das Schelmische in der Literatur wiederzubeleben. Sein „Peter Holtz“ schaffte es zwar auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017, scheiterte aber zur Überraschung vieler an der Shortlist. Man muss leider sagen: zu Recht.

Wie Richard Kämmerlings in seiner Besprechung ganz richtig feststellte, ist mit dem Begriff „Glück“ im Untertitel „Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ nicht ein Glücksbegriff im Sinne eines glücklichen Zustands der Zufriedenheit gemeint, sondern Glück im Sinne der glücklichen Fügung. Und damit ist auch schon Definitionsarbeit für den Schelm erbracht: Der Schelm ist jemand, der aus den schwierigsten Situationen immer wieder rauskommt, meist sogar in besserer Position als zuvor. Das trifft auch auf Peter Holtz zu, Ingo Schulzes Protagonist, dessen Lebensweg ab Mitte der Siebziger bis in die Nachwende erzählt wird. Um ganz genau zu sein, erblickt Peter Holtz im Juli 1974 das literarische Licht der Welt: „An diesem Sonnabend im Juli 1974, acht Tage vor meinem zwölften Geburtstag, weiß ich noch nichts von meinem Glück.“

„Tut er nur so, oder ist er wirklich so … so … einfältig?“

Dieser Anfang in einer ostdeutschen Gaststätte führt Holtz als die schelmische Figur ein, die er über die ganze Narration bleiben wird. Sein Unverständnis fängt mit der Rechnung an. Ihm leuchtet nicht so ganz ein, warum er jetzt für seinen Schmaus bezahlen sollte, wenn doch eh alles Geld im geschlossenen Kreislauf der DDR-Gesellschaft bleibt. Möglichkeiten des Zechprellens werden aus moralischen Gründen abgetan: „Soll ich einfach wegrennen? Aber damit stellte ich meine eigenen Belange über die der Gesellschaft.“ Es soll das prägende Charakteristikum bleiben, das Peter Holtz ausmacht: Er handelt stets moralisch und solidarisch; gleichzeitig nimmt er die offiziellen Verlautbarungen des DDR-Apparats für bare Münze und gibt sie so der Lächerlichkeit preis.

„1956 dachten wir, endlich wird ernst gemacht mit Offenheit, Freiheit und Sozialismus. Da wurden die Verbrechen beim Namen genannt!“

Peter Holtzs Weg durch die DDR-Gesellschaft verläuft auf abseitigen Wegen. Er schließt sich einer Musikkombo an, legt sich einen Kampfnamen zu und landet schließlich in einer christlichen Gemeinde, in dessen Konsequenz er in Opposition zur Macht stehen wird. Er selbst bleibt von Repression weitestgehend verschont, jedoch bringt er durch eine Unvorsichtigkeit sein Umfeld in Schwierigkeiten. Doch auch das kann einen Peter Holtz nicht lange erschüttern und schon bald soll ihn und das ganze Land die Maueröffnung überraschen: „Die Mauer ist offen! Kein Witz!“ Wer nun denken würde, dass die schwierigen Transformationsprozesse Ingo Schulzes Protagonisten mal kräftig durchschütteln würden, hat weit gefehlt. Er wird sogar zu einem regelrechten Krisengewinnler und macht Karriere im Nachkriegsdeutschland.

Welchen langen und steinigen Weg die Arbeitenden im Westen noch vor sich haben, bis sie die Macht in die eigenen Hände nehmen können, kann ich erst jetzt wirklich ermessen.

Die Hauptfigur dieses Romans dient als Spiegel in alle Richtungen. Daher kann man Ingo Schulze auch nicht vorwerfen, er würde hier etwas verniedlichen. Immer wenn Peter Holtz etwas Gutes zustößt, hat ein anderer Unglück, wenn auch ohne sein Zutun. Vor allem aber ist seine Aufgabe, die DDR-Doktrin der gerechten Gesellschaft auf ihre Wahrhaftigkeit abzuklopfen. Immer wieder gelangt Holtz an den Punkt, wo sein naives Verständnis der Welt, in der er lebt, auf die zynische Realität trifft. Der Roman entwickelt ein Bild der DDR, das nahelegt, dass überhaupt nur der Schelm in so einer doppelzüngigen Gesellschaft als moralisches Wesen überleben kann.

„Der Sozialismus hat wenigstens noch was gewollt, der Kapitalismus will gar nichts mehr.“

Daneben arbeitet der Roman daran, die nähere Vergangenheit der Jahrtausendwende zu literarisieren. Ganz zum Ende hat auch noch, neben der von Kämmerlings erwähnten Angela Merkel, auch Gerhard Schröder seinen Auftritt, der im Roman vor allem durch die Haarschuppen auffällt, die Peter Holtz bewundert. Schulzes Buch ist damit also kein reinrassiger DDR-Roman, seine Fühler strecken sich über die Mauer hinweg in die Gefilde der Spaßgesellschaft der Neunziger und frühen Nullerjahre. Auch in dieser Zeit kann Peter Holtz tun was er will, er ist zum Erfolg verdammt. Er droht gar daran zu verzweifeln: „Meine Lage ist, kurz gesagt, die: ich bin der erste ökonomische Häftling!“ Frisch aus der DDR entlassen lernt er die Härten der freien Marktwirtschaft kennen, lernt sich selbst als marktwirtschaftliches Subjekt kennen: „Peter hat so viel Erfolg, er hat so viel geschafft – doch von Tag zu Tag wird er unzufriedener!“

„Ihr Ostler denkt, die Welt hätte darauf gewartet, dass ihr das Perpetuum mobile erfindet … Wohin denn nun?“

Dem Roman liegt jede DDR-Nostalgie fern, doch so richtig versteht man schlussendlich nicht, was Ingo Schulze hier eigentlich erzählen will. Das mag daran liegen, dass der Schelmenroman vor allem dort sein subversives Potential entfaltet, wo er unter schwierigen Umständen Kritik unter dem Deckmantel der Naivität äußern kann. Doch die Schlachten der DDR sind nun langsam alle geschlagen, hier gibt es niemanden mehr, dem die Janusköpfigkeit des SED-Sprechs aufgezeigt werden müsste. Doch die DDR lebt vor allem in der Literatur weiter. Und so reiht „Peter Holtz“ sich ein, in den Reigen der DDR-Bücher, die Jahr für Jahr auf den Longlisten des Deutschen Buchpreis stehen und schnell wieder vergessen sind. Denn so angenehm leichtfüßig wie Schulzes Roman daherkommt, so leicht macht er es sich auch damit, was er seinen Lesern zumutet: Er wiederholt vor allem alte Klischees über den ostdeutschen Staat und wartet mit Binsenweisheiten über das Leben im Kapitalismus auf. Oder aber wie Sigrid Löffler es über ein anderes Buch in ihrem letzten Literarischen Quartett sagte: Man hat es hier mit literarischem Fastfood zu tun.


Wir danken dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kommentar verfassen