Irmgard Keun: Kindermund tut Unsinn kund

Kind aller Länder

Auf der letzten Seite von Anna Seghers atemberaubenden Roman „Transit“ heißt es: „Sie läuft noch immer die Straßen der Stadt ab, die Plätze und Treppen, Hotels und Cafés und Konsulate auf der Suche nach ihrem Liebsten. Sie sucht rastlos nicht nur in dieser Stadt, sondern in allen allen Städten Europas, die ich kenne, selbst in den phantastischen Städten fremder Erdteile, die mir unbekannt geblieben sind. Ich werde eher des Wartens müde als sie des Suchens nach dem auffindbaren Toten.“ Das Leben im Wartestand, das Verharren in Transiträumen waren Schicksale, die viele der Exilanten während des Dritten Reichs erleiden mussten. Sie wurden zu Kosmopoliten wider Willen: Weltreisen als Fluchtgeschichten. Auch Irmgard Keun war eine dieser Exilanten, obgleich sie noch während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland zurückkehrte. Dieses Thema verarbeitete sie im 1938 erschienen Roman „Kind aller Länder“, der nun von Kiepenheuer & Witsch neuaufgelegt wurde.

Die Wiederentdeckung der Irmgard Keun ist ein Segen für die deutsche Literatur. Mit ihren Romanen „Gilgi, eine von uns“ sowie „Das kunstseidene Mädchen“ – beide kurz nacheinander am Anfang der dreißiger Jahren erschienen – hat sie die Lebensrealität junger Frauen und die sehr spezifische Arbeitswelt der Angestellten wie kaum eine andere Literatin eingefangen. Keun hatte ein geschärftes Sensorium für ihre Zeit, so arbeitet „Das kunstseidene Mädchen“ mit Anleihen an das damals bahnbrechende Medium des Kinos. Als sogenannte Asphaltliteratin kamen ihre Werke im nationalsozialistischen Deutschland auf die schwarze Liste. Sie verließ Deutschland, hielt sich unter anderem in Ostende auf, wo sie eine Schicksalsbegegnung mit Joseph Roth zusammenführte, mit dem sie zwei Jahre die Schriftstellerei und den Alkoholismus teilte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor sie ihr Thema und die Kontrolle über ihr Leben: Die Alkoholsucht zwang sie schließlich in Behandlung. An ihren früheren Ruhm konnte sie nie wieder anknüpfen.

Wenn man den Pass verliert, ist man für die Welt gestorben.

Keun weiß also wovon sie spricht, wenn sie in „Kind aller Länder“ über das Leben im Exil schreibt. Anders jedoch als die biographische Autorin, die zum Zeitpunkt ihrer Flucht bereits in ihren Dreißigern war, entscheidet sich Keun in ihrem Roman dazu, als Ich-Erzählerin ein zehnjähriges Mädchen einzusetzen: Kully heißt sie und musste mit ihren Eltern Deutschland verlassen. Ihr Vater Peter ist selbst Schriftsteller und muss die Familie durchbringen. Das bedeutet als Autor vor allem durch Europa reisen und neue Absatzmärkte für das eigene Werk finden. So führt „Kind aller Länder“ im rasanten Tempo von Österreich, der Tschechoslowakei, Polen, Frankreich, Belgien, Italien, schließlich in die USA und wieder zurück. Häufig trennt sich der Vater von Ehefrau und Kind, um Verhandlungen zu führen. So sind die beiden Frauen der Familie dazu gezwungen, in Hotels zu verharren, bis Peter wieder Geld aufgetrieben hat, um die Rechnung zu begleichen. Vaterlosigkeit heißt in diesem Kontext auch immer Vaterlandslosigkeit. Das Hotel als literarischen Ort kennt man unter anderem von Keuns Zeitgenössin Vicki Baum. Doch in Exilromanen haben sie all ihren Glanz verloren und sind zu Gefängnissen des Wartens geworden.

Nach Deutschland gehen wir nie mehr zurück. Das brauchen wir auch nicht, denn die Welt ist sehr groß.

Doch das bestechende Merkmal dieses Romans sind nicht so sehr die Nicht-Orte, in denen sich die Handlung vollzieht, sondern der Erzählton der Ich-Erzählerin. Keun versucht sich an einem waghalsigen Unterfangen: Einen Roman aus Kindersicht zu schreiben, der naiv tut, aber nicht naiv ist. Um das kindliche ihrer Erzählerin einzufangen, imitiert sie die Sprech- und Denkweise einer Zehnjährigen: Während der differenzierte, distanzierte Erzähler sich aufwendige Nebensatzkonstruktionen aufbaut, ist der Modus des Kindeserzählers der Hauptsatz. Das Geschehen soll unmittelbar und ungefiltert wiedergegeben werden. Leider muss man sagen: Anstatt nur naiv zu tun, ist der Roman über weite Teile naiv bis trivial.

Meine Mutter sagt auch, alles, was sie jetzt zum Leben brauchen könne, habe sie nicht in der Schule gelernt.

Die Krux einer Erzählinstanz in Form eines zehnjährigen Mädchens ist die, dass sie – um glaubhaft zu wirken – auch über das Reflexionsvermögen eines zehnjährigen Mädchens verfügen muss. Nun mag man Kindern durchaus unterstellen, dass sie auch komplexe Zusammenhänge, gerade wenn sie mit solch dramatischen Umständen verbunden sind, intuitiv erfassen können. Dennoch nähert sich der Roman durch seine Erzählerin der Welt zwangsläufig nur empathisch. Das führt dazu, dass der Leser zwar einen Eindruck von der verzweifelten Situation und der Entwurzelung bekommt, aber der Roman bleibt auch hinsichtlich der ästhetischen Ausarbeitung und der Verdichtung der politischen Zusammenhänge auf dem Niveau einer Zehnjährigen.

Und dann sind wir hingefahren, aber Zitronen haben nicht geblüht.

Da Keun die Psychologie ihrer Erzählinstanz so anlegt, dass sie sich – einer Zehnjährigen entsprechend – vor allem dafür interessiert, ob es ihr und ihren Eltern gut geht, dass sie Auswege aus der kindlichen Langeweile sucht etc., bricht der Roman immer dort ab, wo es spannend werden könnte. Wenn Kully, mittlerweile in den USA angekommen, zum ersten Mal in ihrem Leben die Vereinigten Staaten erkundet und auf die Situation der schwarzen Bevölkerung aufmerksam wird, erfährt der Leser nichts über dieses Milieu. Stattdessen bleibt es bei dem simplen Befund: „Einmal war ich in einem Negerhaus in Norfolk. Das war schrecklich.“ Auch über das faschistische Italien hat der Roman nichts zu sagen, genauso wenig wie über alle anderen Aufenthaltsorte. Zu allem Überdruss scheut Keun kein Kinderklischee, was in diesem Dialogfetzen kulminiert:

„Können Kinder Romane schreiben, Herr Krabbe?“
„Nein. Aber die Leute, die Romane schreiben, sind Kinder.“

Schriftsteller als Kinder. Spätestens hier liest sich der Roman wie die Lyrics eines Grönemeyer-Songs. Es sind auch diese Textstellen, die verdeutlichen, dass „Kind aller Länder“ nicht in der gleichen Liga wie die großen Exilromane Anna Seghers „Transit“ oder Klaus Manns „Der Vulkan“ mitspielen kann.

Es steht bei Irmgard Keun genauso wie bei Ernst Lothars „Der Engel mit der Posaune“: Natürlich kann man nur wollen, dass das Werk einer bedeutenden Schriftstellerin wie Irmgard Keun vollständig zugänglich und ordentlich aufgearbeitet wird. Wenn sich ein Verlag findet, der sich dieser Aufgabe widmet, ist dies nur zu begrüßen. Ärgerlich ist jedoch, wenn an der Stelle des Nachworts, wo ein Kundiger darauf aufmerksam machen könnte, weshalb sich die Lektüre des Romans vielleicht trotz seines mäßigen literarischen Niveaus lohnt, ein Beitrag von Volker Weidermann aus seinem „Buch der verbannten Büchern“ recyclet wird, der mit keinem Wort auf „Kind aller Länder“ eingeht. Damit verwehrt das Nachwort einem Roman die Hilfe, die er dringend gebraucht hätte.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. March Hare

    Ich freue mich auch sehr über die so verdiente Wiederentdeckung Irmgard Keuns und dieses wunderbaren Romans. Aber das Nachwort, da hast Du Recht, hätte es nicht gebraucht.

Kommentar verfassen