Isabelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“: In Twittergewittern

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Liama Menina schließt ihren Bericht über ihre Zeit im US-Stützpunkt in Hohenfels mit den Worten: „Freedom, finally, enduring!“ Liama Menina ist nicht ihr richtiger Name, doch die 26 Tage, von denen sie berichtet, könnten nicht (ir)realer sein. Zur Vorbereitung auf den Afghanistan- und schließlich auch Irakkrieg nutzten die amerikanischen Streitkräfte den deutschen Stützpunkt, um ein afghanisches Dorf zu simulieren, in dem reale Gefechtssituationen trainiert werden. Die in der taz berichtende Studentin hat die Geldnot dazu bewegt, in die Haut einer afghanischen Frau zu schlüpfen, ihr Bericht konzentriert sich vor allem auf die Strapazen, das schlechte Essen, den Stress, den der andauernde Theaterdonner auslöste. Der Bericht diente der Autorin Isabelle Lehn zur Inspiration für ihren Debütroman „Binde zwei Vögel zusammen“, in dem sich in dem Potemkinschen Dorf eine waschechte Subjektkrise vollzieht.

Isabelle Lehn ist ein Kind des deutschen Literaturbetriebs. Sie ist nicht nur Leipziger Literaturstudentin, sondern hat auch die Ochsentour der vielen Wettbewerbe hinter sich. Open Mike, Prosanova, Ingeborg Bachmann-Preis – Lehn war überall dabei. Dem Klischee zufolge müsste „Binde zwei Vögel zusammen“ demnach eine unerträgliche Nabelschau sein, die über den Kosmos des eigenen Berliner Kiezes nicht herausweist. Doch davon kann im Fall Lehn keine Rede sein. Zwar aus der Ich-Perspektive erzählt, ist ihr Roman die Aneignung einer Fremderfahrung, die eine Überlegung über die Verselbstständigung von Bildern und die Möglichkeiten der Literatur auslöst.

Jeden Morgen öffne ich die Tür des Cafés. Sie ist nicht abgeschlossen, es gibt keine Schlösser an den Türen unserer Häuser, die wie leere Kartons entlang der Dorfstraße stehen.

In Lehns Version des bayerischen Stützpunkts findet sich Albert Jacobi in einem Kulissendorf afghanischer Ausprägung wieder, in dem er den Cafébesitzer Aladdin verkörpern soll. Der Alltag im Dorf ist stark reglementiert und folgt einer strikten Routine: „Ich spule meine Bewegungen ab, ein begrenztes Repertoire an Schritten und Handgriffen, ich habe mir angewöhnt langsam zu fegen, um nicht zu früh fertig zu sein.“ Um die Wirkung des Szenarios nicht zu gefährden, wird das Herausfallen aus der Rolle bestraft. Kontakte zu anderen Bewohnern sind möglich, aber jede Interaktion ist in der Simulation selbst Simulation: „Faruk, ein Mann, den es außerhalb des Dorfes nicht gibt.“ Schnell beginnen die Bewohner jedoch das System zu untergraben, schaffen sich Räume des Regelverstoßes: „Wer sich Alkohol leisten konnte, trank am besten in der Moschee.“

Wir sprechen eine Sprache, Aladdin und ich.

Untergraben wird jedoch nicht nur das simulierte Dorf, sondern auch Albert selbst. Denn mittlerweile wieder zurück bei seiner Freundin fällt es ihm schwer, sich von Aladdin zu verabschieden:  „Der Augenblick, in dem es zu kippen beginnt und man vergisst, dass man bloß eine Rolle verkörpert, dass es ein anderer ist, der dort am Boden liegt, ein Knie in den Rücken gedrückt, eine Kapuze über den Kopf gezogen.“ Albert hat Aladdin mit nach Hause gebracht und dieser stellt nun dessen Identität in Frage. Denn seine afghanische Version emanzipiert sich zunehmend, fordert Anerkennung und gibt keine Ruhe mehr.

Ich bin langsam, schwerfällig und untrainiert, ich schleppe Aladdin mit, jedes Kilo, das er zusätzlich wiegt, selbst mein Körper gehört mir nicht mehr.

In den Quellen für ihren Roman gibt Isabelle Lehn neben dem schon angesprochenen taz-Artikel Horst Bredekamps „Theorie des Bildakts“ an, das natürlich komplexere Reflexionen über das Bild an sich anstellt, aber hier vor allem in der Feststellung einer Bilderinflation aufgegriffen wird und dem, was diese Dauerpräsenz von Bildern mit unserer Wahrnehmung macht. Lehns Roman zerfällt in zwei Teile: dem Beginn im simulierten Dorf und der ersten Zeit zurück in der Heimat sowie einem zweiten Teil, in dem plötzlich auf mediale Dauerbefeuerung gestellt wird: „Ich traue den Bildern nicht mehr, dem Summen der Frontliteratur, in Twittergewittern, wenn in real time darüber berichtet wird, wie sich alle Grenzen verschieben.“ Der Erzähler drückt einen Zweifel über die „Authentizität“ dieser Bilder aus, die Simulationssituation der Militärausbildung überträgt sich auf die Bilder: „Ich traue den Bildern nicht mehr, seit ich sie selbst nachgestellt habe.“

Seit ich wieder in Deutschland bin, ernähre ich mich von Klischees.

Gleichzeitig fallen die Bilder der Flüchtlingskrisen, der Katastrophen und angeschwemmter Leichname bei dem Halbzeit-Afghanen auf fruchtbaren Boden. So wie die Flüchtlingskrise in Deutschland angekommen ist, ist Aladdin in Albert angekommen und zwingt zu einer fiktiven Vergangenheitsarbeit, zum Kampf um Anerkennung. Albert stellt in Form von Aladdin einen Asylantrag, bei dem das Wort Anerkennung ganz greifbar und handfest wird.

Für einen Debütroman versteht es Lehn schon sehr gut, diesen Bildkomplex mit Fragen der Literatur zu verweben. Denn das afghanische Dorf ist natürlich eine Simulation in einer Simulation (die Literatur) und wenn diese Simulation von etwas erzählt, dann von der empathischen Einfühlung in das Leben anderer, die hier zugespitzt zu einer Identitätskrise wird. Doch wo diese Identitätskrise sich auf der einen Seite durch Überidentifikation auszeichnet, schafft sie auf der anderen Seite Distanz: „Ich schiebe ihren Rock nach oben, den Slip zur Seite, und dann fühlt es sich an wie zu dritt. Ich kann mir dabei zusehen.“ Die Rolle Aladdins realisiert den zweiten Blick auf Albert, womit die Möglichkeit gegeben ist zwischen verschiedenen Erzählperspektiven zu wechseln.

Sie begann, um meinen Körper zu spannen, ein Körper für zwei, binde zwei Vögel zusammen, sie werden nicht fliegen können, obwohl sie nun vier Flügel haben. Ich war Aladdin, und Aladdin war supersized me.

Bei aller Begeisterung ist Isabelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“ nicht ohne Makel. Zwischendurch merkt man immer wieder, dass ihr gerade in den Episoden, die vom Alltag Alberts mit seiner Freundin erzählen, die Ideen ausgegangen sind und sich ins Klischee retten. Auch dass die Narration den Militärstützpunkt so schnell wieder verlässt, ist bedauerlich. Doch das rüttelt nicht an der Tatsache, dass Isabelle Lehn hier ein sehr reifes und intelligentes Debüt gelungen ist, das alle Lügen straft, die behaupten, aus der Hölle der Literaturinstitute kommt nur selbstbesoffene Konfektionsware.


Wir danken dem Eichborn Verlag für das Rezensionsexemplar.

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