Isabelle Lehns „Frühlingserwachen“: Die Autofiktion wird erwachsen

Das Leben ist gut – solange wir es nicht daran messen, wie wir es uns vorgestellt haben. Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn. Poetisch, selbstironisch und umwerfend offen.“ So lautet die kurze und knappe Verlagsankündigung zu Isabelle Lehns neuem Buch „Frühlingserwachen“. „Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn“ klingt erst mal kryptischer als es sein müsste. Bei anderen Verlagen hieße es an dieser Stelle schließlich irgendwas von schonungslosem Einblick in das Leben der Autorin. Bei Knausgård sprach der Verlag von „radikaler Ehrlichkeit“. Wozu also diese distanzierende Formulierung? Und wer ist diese Isabelle Lehn, von der Isabelle Lehn erzählt?

Frühlingserwachen begibt sich damit in eine fiktionstheoretische Fragestellung, die der Text lustvoll weiterführt. Zunächst muss man konstatieren, dass hier zwei Leseerwartungen aufeinanderprallen: Die Bezeichnung „Roman“ auf dem Cover legt eine Lesehaltung nahe, die sich dem ganzen als Fiktion nähert. Die Identität von Autorin – Erzählerin – Protagonistin suggeriert dazu konträr, dass der Leser bei diesem Buch den „autobiographischen Pakt“ (ein Begriff, den Philippe Lejeune geprägt hat) erfüllt sehen kann, also es mit „authentischen“ Äußerungen der „authentischen“ Isabelle Lehn zu tun hat.

Mein Lama heißt Gonzales. Wenn ich Glück habe, trottet es friedlich hinter mir her.

Nun ist Frühlingserwachen wahrlich nicht der erste Roman, der sich in dieses Spannungsfeld begibt. Das Spiel mit Autor/Erzähler-Identitäten gibt es schon so lange wie es Literatur gibt, die Postmodernisten haben dieses Spiel zur Meisterschaft gebracht und bis heute hat das Spiel Bestand in der Gegenwartsliteratur, bei Autorinnen und Autoren wie Thomas Glavinic, Annie Ernaux oder jüngst Lisa Halliday. Nicht umsonst verweist der Text auch mehrfach auf Thomas Glavinic, dem Lehn am Ende des Buches noch einmal als Einfluss dankt. Vielleicht könnte man sogar so weit gehen, zu behaupten, Frühlingserwachen ist die weibliche Gegenrede zu Glavinic.

Ich mag es, wenn mir jemand die Zukunft weissagt, meine Aura spürt und mir sagt, wer ich bin.

Dass es Grund genug für eine weibliche Gegenrede bei Glavinic gibt, hat er in der Vergangenheit allzu häufig mit seiner breitbeinigen, verprollten Art deutlich gemacht. Wobei Lehn dem Österreicher nicht insofern entgegentritt, als dass sie grundsätzliche Überlegungen zum schwierigen Status der authentischen Rede in der Literatur nicht teilen würde. Sie modifiziert sie aber. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Gesellschaften andere Erwartungen an Frauen richten als an Männer, womit man beim Thema des Buches angekommen ist.

Fürs Erste betrinke ich mich.

Denn Isabelle Lehn erzählt in Frühlingserwachen über Isabelle Lehn und diese textliche Gestalt mit Namensidentität leidet. Sie leidet am Leben, sie leidet am Erwartungsdruck, der ihr von ihr selbst, aber auch ihrer Umwelt als Autorin entgegenschlägt und sie leidet vor allem daran (da kommt die weibliche Perspektive ins Spiel), dass sie eine Mutter sein möchte, die einfach nicht zur Mutter wird. Sie lebt mit Vadim zusammen, doch diese Beziehung soll über den Lauf der Erzählung unter dem ganzen Druck zusammenbrechen, bis man getrennte Wege geht. Text-Lehn befindet sich in Therapie und dieser Therapeut ist auch der erste, der im Roman die Verbindung dieser zweier Krisenherde offen artikuliert: „Mein Therapeut denkt, dass meine Krise auch eine Schreibkrise ist.“

Liebes GMX, bitte frag mal für mich: Wann ist man zu alt, um sich zu jung für ein Kind zu fühlen?

Es klingt fast ein bisschen abgeschmackt, wenn man es schreibt, doch dass es eine Verbindung zwischen „sich zur Welt bringen“ und „ein Kind zur Welt bringen“ gibt, liegt auf der Hand. Und ist gleichzeitig der Punkt, an dem sich der Roman von seinen literarischen Vorbildern beginnt zu emanzipieren. Denn wo das Ringen um Authentizität bei Autoren wie Glavinic noch viel Spielerisches hat, wird bei Lehn bitterer Ernst daraus. Denn es geht bei Lehn nicht nur um literarische und echte Existenzen, es geht auch um Existenzielles. Dass hier die Weiblichkeit das Alberne aus der Auseinandersetzung verbannen muss, wird vielleicht auch über den Titel deutlich: „Frühjahrsmüdigkeit, die; Substantiv, feminin. Des Frühjahrs müde zu sein.“

Der erwähnte Hintern war schließlich fiktiv!

Das gelingt dem Roman vor allem deswegen, weil er vordergründig so viel Ähnlichkeiten, vor allem zu Glavinics Das bin doch ich, aufweist. Auch Lehn erzählt von einer Lehn, die sich dem Literaturbetrieb ausliefert, sie sucht einen Verlag, findet einen Verlag, wartet auf das Buch, hat eine glückliche halbe Stunde, bis die Euphorie schon wieder abflaut und wartet dann auf Rezensionen. Als diese ausbleiben, nimmt sie das Ruder selbst in die Hand: „Ich schreibe meine erste Amazon-Rezension. Ich schreibe über meinen Roman, den bei Amazon noch immer niemand bewertet hat.“ An die Buchveröffentlichung reiht sich schließlich der triste Lesungsalltag: „Was mir auch immer gefällt: Wenn nach einer Lesung jemand kommt, um mit mir über das Schwitzen zu sprechen.“

Ich schreibe in der ersten Person, aber auch „ich“ ist nur ein zweckmäßiges Wort für jemanden, den es nicht wirklich gibt (schreibt Virginia Woolf)

Auch dass Figuren als tatsächliche Figuren herausgestellt werden oder sich gar selbst als Figuren anfangen zu verstehen, ist sehr ähnlich zu den Romanen, in deren Tradition sich Frühlingserwachen stellt: „Aenne, die eigentlich anders heißt und ausgewählte Sätze im Gespräch jetzt mit Aenne sagt einleitet, um mich auf ihre Verwertbarkeit hinzuweisen.“ Somit verläuft die Trennlinie gar nicht so sehr in den Werkzeugen der Autofiktionalisierung, sondern mehr über das Sujet, das die Text-Isabelle Lehn eben nicht nur als Autorin mit ganz ernsten Sorgen zeigt, sondern auch als Frau, deren Privatleben in ähnliche Krisen gerät.

Auch ich fühle mich schuldig, weil ich darunter leide, dass die Verlage sich nicht melden, obwohl im Mittelmeer wieder Menschen ertrinken.

Darum vollzieht der Roman eine dialektische Bewegung, der man sich erst mal stellen muss: Um die frühlingshafte Spaßigkeit eines Glavinic der frühjahrsmüde gewordenen Literatur auszutreiben, muss der Roman Glavinic zunächst mal wiederholen. Die Gefahr dabei besteht darin, dass man das Klischee der ernsthaften Frau und des infantilen Mannes perpetuiert. Andererseits tun Autoren vom Schlage Glavinic nun auch nicht viel dafür, dass dieses Klischee aus der Welt geschafft wird. Mit dem Erwachsenwerden der Autofiktion hat dieses Genre zumindest die Chance, einen dauerhaften Platz in der Gegenwartsliteratur einzunehmen. Dazu liefert Isabelle Lehn – welche auch immer – einen Beitrag.


Wir danken dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.