Ismail Kadares „Die Dämmerung der Steppengötter“: In der Höhle des Parteilöwens

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Der Staat Albanien spielt in der Weltgeschichte nur eine marginale Rolle. Jahrhundertelang war Albanien Teil des Osmanischen Reiches, im 20. Jahrhundert war es eingekeilt zwischen Groß- und Mittelmächten, schließlich errichtete der kommunistische Diktator Enver Hoxha eine stalinistische Herrschaft und trieb das kleine Land mehr und mehr in die Isolation. So wenig wie Albanien politisch Aufmerksamkeit geschenkt wurde, so wenig ist auch über dessen Kulturlandschaft bekannt. Eine der wenigen literarischen Leuchttürme, die aus dem Balkanstaat herausragen, ist Ismail Kadare. Kadare ist keineswegs unumstritten, sein literarisches Werk ist gleichzeitig kanonisch und trotzdem immer wieder vergessen worden. Der S. Fischer-Verlag hat nun seinen 1978 erschienen Roman „Die Dämmerung der Steppengötter“ wieder aufgelegt. Im literarischen Quartett rühmte Maxim Biller das Buch vor allem für seine melodische Sprache und den in ihm präsenten Weltschmerz, der nicht pessimistisch sei. Tatsächlich ist Kadares Roman ein Text über einen Außenseiter, der sich nicht einfügen will.

Während in Deutschland die Debatte über die Rolle von Literaturinstituten gerade erst so richtig losgeht, waren sie im realsozialistischen Teil der Welt schon lange zentraler Bereich des Literaturbetriebs. Eins der traditionsreichsten Institute dieser Art war und ist das Maxim-Gorki-Literaturinstitut, das auf einen Anstoß des späteren Namensgebers gegründet worden ist. In der UdSSR waren solche Orte natürlich auch eine Möglichkeit, jungen Schriftstellergenerationen die ästhetische Linie der Partei aufzudrücken. Auch Ismail Kadare hat eine Zeitlang dieses Institut besucht, zu der Zeit als das kommunistische Albanien noch ein befreundeter Bruderstaat der Sowjetunion war. In „Die Dämmerung der Steppengötter“ verwandelt der Autor diese Erfahrung in Literatur und entlässt seinen Ich-Erzähler in eine Welt, die ihn zu einem Fremden macht und immer fremd bleiben wird.

Damals war mir plötzlich klargeworden, daß Geld in den Werken zeitgenössischer sowjetischer Künstler praktisch nicht vorkam.

Die späten fünfziger Jahre waren eine konfuse Zeit in der UdSSR. Nach dem Tod des großen Führers Stalin hatte mit Chruschtschow die sogenannte Tauwetter-Periode angefangen. Der Führerkult war abgeschafft, Gefangene wurden aus den Gulags befreit und die Gesellschaft auf einen leicht liberaleren Kurs dressiert. Dass der neue Parteisekretär die Zügel etwas lockerer hielt, stieß nicht nur auf Gegenliebe. Brüderstaatlern wie Mao war die Sowjetunion plötzlich zu verweichlicht geworden und wendeten sich ab. Auch Enver Hoxha lehnte den Kurs ab und fing an, die Bande zur Sowjetunion zu lockern. Es ist diese historische Situation, die Kadare in seinem Roman schildert, die die Ungewissheit des Erzählten ausmacht.

„Und alles in Technicolor…“

Denn obwohl die Sowjetunion etwas luftiger geworden war, war sie in ihren Grundfesten natürlich immer noch ein ideologischer Staat, der keine Abweichung kannte. Das Gorki-Institut, das Kadare dem Leser schildert, ist dieser Staat in der Nussschale, ein Konglomerat aus verschiedensten Biographien, Ansichten und Typen, die sich allesamt arrangieren oder resignieren. Die Gesellschaft der „Dämmerung“ ist dabei klar gegliedert und strukturiert:

Erdgeschoß: Hier waren die Studenten der unteren Jahrgänge einquartiert, deren literarische Sünden sich noch in Grenzen hielten. Erster Stock: Literaturkritiker und speichelleckerische Dramatiker, die alles schönfärbten. Zweiter Stock, nein Höllenkreis: Schematiker, Lobhudler, Slawophile. Dritter Kreis: Frauen, Liberale, vom Sozialismus Enttäuschte. Vierter Kreis: Verleumder, Denunzianten. Fünfter Kreis: Denationalisierte, die ihre eigene Sprache aufgegeben hatten und auf russisch geschrieben…

Obwohl das Institut eine Schriftstellergesellschaft beherbergt, sind die Grenzen zwischen Künstler und Funktionär nicht mehr sichtbar. Der Ich-Erzähler verzweifelt an einer Riege von Kollegen, denen es nur mehr darauf ankommt, die offizielle Linie des sozialistischen Realismus‘ überzuerfüllen anstatt die großen Erzähltraditionen ihres Kulturraumes im Blick zu haben. Das führt bei Kadare zu einer Situation der mythischen Leere: „Es ist eine Staub- und Steppenmythologie voller geschrumpfter slawischer Götter.“  Das Fehlen des Mythos ist damit auch gleichzeitig immer ein Fehlen der Identität, das sich auch in einer widersprüchlichen Nationalitätenpolitik seitens der UdSSR gründete: auf der einen Seite wurde brutal umgesiedelt und zählen sollte nur noch der Sowjetmensch, auf der anderen Seite wurden die einstigen Sowjetrepubliken zu einem Großteil auf alten nationalen Grenzen errichtet und zementierten so deren Status. In dieser paradoxen Situation äußert sich bei Kadare Herkunft nur noch durch sprachliche Überbleibsel: „Ich hörte das Wort rivoluzione heraus, an das sie allerdings, lettischer Gewohnheit folgend, ein s angehängt hatten: rivoluziones.“

„Shakespeare hat über Könige geschrieben, dacht ich. Über die Revolution dagegen …“

Diese traurige und bleiernde Situation gerät in dem Moment in Unruhe, als aus Schweden die Nachricht kommt: Boris Pasternak soll den Literaturnobelpreis erhalten. Chruschtschow hin oder her, sein Doktor Schiwago ist nicht auf Parteilinie. Pasternak soll den Preis ablehnen oder kann mit der ganzen Härte der sowjetischen Propagandamaschine rechnen: „Seit vierundzwanzig Stunden wurde in der gesamten UdSSR ein Feldzug gegen Boris Pasternak geführt.“

Pasternak gilt dem Roman als Beispiel, um das Verhältnis des Realsozialismus zu seinen Künstlern zu illustrieren. Denn in „Die Dämmerung der Steppengötter“ gilt der lebende Autor nicht viel, muss sich krümmen und buckeln, während dem toten Schriftsteller, soweit er politisch bequem ist, der Sockel sicher ist. In einer hellseherischen Pointe wurde schließlich auch Pasternak erst nach seinem Tod rehabilitiert. So verschwimmen in Kadares Roman die Sphären, Schriftsteller laufen wie lebende Toten durch die Gegend, nach ihrem endgültigen Platz suchend: „Dem Heimleben haftete etwas längst Vertrocknetes, man könnte sagen, Anthologisches an, aber vielleicht kam es mir auch nur so vor, weil ich wie in Jalta das Gefühl hatte, in einer mehr als absonderlichen Welt gelandet zu sein, einer hybriden Zeit, in der das Lebendige mit bereits Gestorbenen vermengt und verwoben war […]“

Ein Mann, der keine anständigen Hosen trägt, verdient keinen Erfolg im Leben.

Wenn Maxim Biller über den lakonischen Ton von Kadare spricht, dann trifft er einen wahren Punkt. Denn so grau und trist die beschriebene Welt auch sein mag, in der Traurigkeit des Ich-Erzählers bildet sich eine Gegenwelt, in der das alltägliche, existenzielle Leid des Menschen, in den Augen der Parteifunktionäre bürgerlich-dekadent, noch einen Platz hat. So überbordend das Politische auch sein mag, am Ende ist das Individuum auf seine emotionale Erfahrbarkeit der Welt zurückgeworfen. Kadare räumt diesem Erfahrungsraum Raum ein und scheut sich nicht davor, bis ins Triviale zu gehen: „Es war schön am Wasser, aber nachts auch sehr kalt, so daß man sich nicht lange dort aufhalten konnte.“ Zwar kann einem Kadares Blick auf die nationalen Identitäten auch sauer aufstoßen, am Ende ist „Die Dämmerung der Steppengötter“ aber ein Plädoyer für ein humanistisches Menschenbild im Angesicht der politischen Abrichtung des Einzelnen.


Wir danken S. Fischer für das Rezensionsexemplar.

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