Ismail Kadares „Die Verbannte“: In einem Land ohne Rätsel

Die Verbannte

Nichts fürchtet ein Staat so sehr wie das Geheimnis – das Geheimnis einer gegnerischen Macht, aber auch das Geheimnis seiner eigenen Bürger, die immer im Verdacht stehen können, den eigenen Staat untergraben zu wollen. Dass das längst nicht mehr nur für paranoide Diktaturen gilt, hat der Fall Edward Snowden gezeigt, nichtsdestotrotz waren und sind es natürlich die totalitären Regime, die das Geheimnis besonders misstrauisch beäugen. Die Misstrauischsten unter den Staaten waren sicherlich die realsozialistischen Regime des Ostblocks – und auch wenn Albanien sich nicht zum Warschauer Pakt zugehörig fühlte, waren dessen Machthaber nicht minder versessen darauf, ihr eigenes Volk bis ins Kleinste auszuleuchten. Darüber, was es heißt, in einem Land ohne Geheimnisse zu leben, hat Ismail Kadare 2009 den Roman „Die Verbannte“ geschrieben, der nun im S. Fischer Verlag publiziert wurde.

Dem Leben das Geheimnis auszutreiben – das war ein breit angelegtes Programm. Während die Geheimdienste das Individuum als politisches und gesellschaftliches Subjekt in den Blick nahmen, wirkten die von oberster Stelle verordneten ästhetischen Richtlinien in die Kunst selbst hinein. Sozialistischer Realismus hieß das und verhängte nicht nur, aber auch der Literatur eine gnadenlose Selbstbeschränkung. Eine, gegen die sich Ismail Kadara immer zur Wehr gesetzt hat, mit dem Preis eben nicht der große sozialistische Schriftsteller zu werden. Stattdessen erinnerte er daran, dass in einem ideologisch überfrachteten Raum die bestimmende Kraft zwischen den Menschen immer noch die Psychologie, das Zwischenmenschliche ist.

Bis zum Ende der Dibraner Straße glaubte er tatsächlich, es sei ihm gelungen, seinen Denkapparat abzuschalten.

So auch in „Die Verbannte“, das damit beginnt, dass der Theaterautor Rudian Stefa von einem Beamten des Staatsapparats verhört wird: Bei einer Premierenfeier hat er einer Frau ein Buch signiert und diese Frau ist nun tot. Das ist schon skandalös genug, doch die Frau, die tot ist und der auch die Signierung gewidmet war, Linda B., ist nicht die Frau, die an diesem Abend die Feier besucht hat und vor Rudian Stefa stand. Jemand ist gestorben, es gibt eine offensichtliche Spur und die Staatsgewalt kann sich trotzdem keinen Reim darauf machen? In einem Land, das von sich selbst glaubt, alles zu wissen, die ultimative Provokation. Doch „Die Verbannte“ erzählt keine Kriminalgeschichte im herkömmlichen Sinne. Stattdessen handelt Kadares Roman von der Liebesgeschichte zwischen Rudian Stefa und der dritten Frau: Migena.

„Aber es ist nun einmal so, daß die junge Frau, von der wir sprechen, sich umgebracht hat.“

Die ist schon über ihren Namen als geheimnisvoll beschrieben: „Da machte er plötzlich eine Entdeckung. Migena, Enigma, das war ein Anagramm!“ Mit dem wandelnden Fragezeichen fängt der Theaterautor eine Liebesbeziehung an, die wiederum im Geheimnis endet – Migena verschwindet und nun scheint wieder eine Spur erkennbar, als die Ermittler sich bei ihm melden. Ein männlicher Erzähler und zwei geheimnisvolle Frauen – der Eindruck drängt sich auf, hinter dem Geheimnisvollen steckt eigentlich eine Männerphantasie. Stattdessen versucht der Roman jedoch das abzubilden, was im albanischen Staat tagtäglich passierte. Linda B. – so stellt sich später heraus – wurde interniert und so zum Schweigen gebracht. Doch statt dieses Schweigen darin abzubilden, dass im Roman nur über diese Frauen gesprochen wird, hätte ein emanzipierter Kunstgriff darin bestanden, den Frauen selbst eine Stimme zu geben.

Das kann kein Zufall sein, dachte er müde.

Doch zumindest findet Kadare darüber einen Weg um die Thematik des Rätsels von zwei Seiten zu beleuchten: Das Problem an totalitären Staaten sind nicht nur die Geheimnisse, die nicht sein dürfen, sondern auch die Geheimnisse, die er selbst schafft – in seinen Folterkellern und Arbeitslagern. Für diesen ambivalenten Status findet der Roman ein treffendes Motiv: „Als Orpheus die Hölle verließ, folgte ihm keine Euridike. Das Verbot, sich umzudrehen, war demnach eine heimtückische Finte.“ Die hinter einem vermutete Euridike ist gleichzeitig Verheißung und ideologische Verblendung zugleich.

Das Rätsel, das ihn so beschäftigte, wies weit über den Ermittler und sogar über den Staat hinaus.

Ideologisches oder psychologisches Geheimnis – das ist für den Roman auch eine Frage, die auf der Theaterbühne geklärt wird. Nicht ohne Grund ist die Hauptfigur Dramatiker und nicht ohne Grund werden zwei Großdramatiker samt prominenter Stücke genannt: Shakespeare „Hamlet“ und Brechts „Die Maßnahme“. Es ist die Spannweite dessen, was „Die Verbannte“ als Ausdrucksmöglichkeiten des Politischen ansieht und es braucht nicht viel Fingerspitzengefühl, um herauszuschmecken, welchem ästhetischen Vorbild der Roman eher zugeneigt ist.

Ein persönliches Drama, sowas darf es im realsozialistischen Staat nicht geben. Daran erinnert Kadare, wenn er schreibt: „Der dunkle Kern, das ist der blanke Neid, wie man so sagt.“ Dabei ist der albanische Schriftsteller keineswegs unpolitisch. Doch er schreibt mit seiner Literatur gegen Systeme an, die ihre Bürger als rein ideologische Subjekte verstehen. „Die Verbannte“ ist dabei ohne Frage einer der schwächeren Romane von Ismail Kadare, dafür sind die Frauenfiguren zu schwach und der Kunstdiskurs zu oberflächlich. Doch für sein Einstehen für das Geheimnis in der Literatur und der Welt erweist sich Kadare als einer der großen Schriftsteller Europas.


Wir danken dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Direkt beim Cover hatte mich das Buch für sich gewinnen können. Manches Mal reicht das schon aus. Zumindest, dass es mein Interesse weckt.

    Neri, Leselaunen

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