Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“: Of Wolf and Man

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Wer einmal einen kurzen Blick über die bisher zusammengetragenen Pressestimmen zu Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“ wirft, dem kann ganz schwindelig werden. Der junge deutsche Autor aus der niedersächsischen Provinz muss vor Selbstbewusstsein kaum laufen können: ein junger Thomas Pynchon soll er sein, tarantinoeske Literatur schreiben, der wahnsinnigste Künstler seit David Lynch. Vergleiche in der Kritik haben immer zwei Funktionen: Sie dienen der Orientierung, machen Querverbindungen auf und sollen Kontinuitätslinien aufzeigen. Und sie dienen dem Kritiker als Beweis der eigenen Belesenheit. Dass bei Nolte der Hang zum Vergleich besonders groß ist, mag einmal daran liegen, dass er noch kein Werk vorweisen kann, aus dem heraus man den Roman erklären könnte, aber auch daran, dass „Schreckliche Gewalten“, wie viele bekundeten, mit seiner Wucht überfordert. Vielleicht ist daher der Vergleich im Fall von Jakob Nolte das größte Lob – anders kriegt man ihn nicht in den Griff.

Damit das so ist, holt Nolte die ganz großen Kanonen raus. Doch „Schreckliche Gewalten“ ist keine Überforderungsprosa, keine Sprache, die nur überwältigen will. Für einen so jungen Autor weiß Nolte schon sehr gut, die Balance zu wahren, stillere Episoden auf Paukenschläge folgen zu lassen. Gewalt ist das Thema dieses Buch, es findet seine Übereinstimmung aber auch in der Form. Nolte scheut das Pathos nicht, zeigt aber auch, wie gewalttätig Literatur sein kann, welche Verführungskraft in der Literatur steckt. Damit unterscheidet er sich von vielen seiner Altersgenossen, bei denen die leisen Töne dominieren. Viele legen ihm das als überhöhtes Selbstbewusstsein aus, literarische Arroganz. Doch auch dort unterscheidet sich Nolte vom Trend der Gegenwartsliteratur, in der sich Selbstbewusstsein vor allem dadurch auszeichnet, dass die eigene Person in den Mittelpunkt gerückt wird. Nolte, wenn er denn angeben will, verlässt sich ganz allein auf seine literarischen Fähigkeiten, um Eindruck zu machen.

Iselin und Edvard Honik wuchsen in einem Haus auf. Sie verlebten eine Jugend und eine Zeit als Erwachsene.

Doch was erzählt „Schreckliche Gewalten“? Direkt am Anfang wird jedem Realismus die Gefolgschaft verweigert. Hilma Honik verwandelt sich in einen Werwolf und tötet ihren Mann. Es ist das Ereignis, das alles in Gang setzt, das die Kinder Iselin und Edvard Honik allein lässt. Die beiden ziehen unterschiedliche Schlüsse aus der Gewalt, die die Familie zerreißt: Edvard macht sich auf eine Aussteigerreise nach Afghanistan durch die peripheren Orte der Sowjetunion. Iselin richtet sich hingegen in der norwegischen Stadt Bergen ein, um dort Teil einer Terrorgruppe zu werden. Doch ob Weltreise oder die Entscheidung zum Bleiben – beide sind auf der Suche: „Sie wollten in die Natur. Sie wollten ihren Ursprüngen auf die Spur kommen. Iselin erhoffte sich von dem kleinen Trip eine Auskunft über ihre ganz persönliche, innere Wildnis – ihre Vergangenheit.“

„Das Einzige, wofür ich tödlichen Hass empfinde,“ gab sie ihrem (kleinen) Bruder mit auf den Weg, „ist das Vergessen.“

Vergangenheit ist in „Schreckliche Gewalten“ die Familiengeschichte und Globalgeschichten, denn zusammenhängen tut beides sowieso. Und die Geschichte, die hier erzählt wird, ist die Geschichte des 20. Jahrhundert und damit eine Geschichte der Gewalt. Der Vater war Nazi, natürlich, aber Noltes Roman ist keine durchgekaute Geschichtsbewältigung. Das Thema Gewalt ist hier als historische Kontinuität gedacht, globalhistorisch, vom Bürgerkrieg in Angola bis zu den Attentate der Münchner Olympischen Spiele, von der Unterdrückung der christlichen Gemeinden in Riga bis zu den wenigen positiven Gegenbeispielen, zum Beispiel der portugiesischen Nelkenrevolution.

In einem Reiseführer las Edvard die gesamte Geschichte des Landes Afghanistan und konnte es schwer glauben. Die Abfolge der Ereignisse wirkte wie ausgedacht.

Stück für Stück setzt sich aus diesen historischen Querverweisen und Anekdoten ein Bild des 20. Jahrhunderts zusammen, das in seinem Gewaltpotential noch mal eskaliert. Die Siebziger sind die Zeit des Terrors, der anders als heute seinen Ort nicht am Rand der Gesellschaft hatte, sondern von jenen erträumt wurde, die aus dem Schoß der Bürgerlichkeit stammen. Verwoben sind diese Geschichten der Gewalt mit Motiven der Schauerromantik, ganz vorne dabei der Wolf, der die Mutter leibhaftig beseelt und auch sonst überall in den Köpfen der Menschen heimisch zu sein scheint: „Der Begriff Lykantrophie wird nun zum einem dazu verwendet, das Kippen der menschlichen Gestalt in die des Wolfs zu beschreiben, verweist in der Psychologie aber genauso auf die Wahnvorstellung oder Psychose, sich in ein Tier zu verwandeln.“

Im späten Mittelalter bezeichnete man zum Beispiel Inzesttäter als Wölfe.

Man könnte Noltes Roman als Versuch beschreiben, eine moderne Form für die Erzählung im Sinne der Psychoanalyse zu finden. Nur anders als die klassische Psychoanalyse sucht sie ihre Vorbilder nicht in der griechischen Antike, kein Narziss und kein Ödipus, sondern Schauergestalten aus dem finsteren Bild des Mittelalters sind jene Figuren, die dem psychischen Kleid der Figuren ihre Gestalt borgen. Der geschichtliche Fortschrittsgedanke bekommt seinen irrationalen Umschlagspunkt vorgeführt, das 20. Jahrhundert, in dem gewaltige technische Errungenschaften erlangt wurden, war gleichzeitig auch eines der Gewaltsamsten und Irrationalsten.

Der Hass aber entspringt dem Gehirn. Er gärt in den Ritzen und Windungen, irgendwo verborgen zwischen den Synapsen.

Dass der Roman sich damit in einen Diskurs einklinkt, der sich auch mit dem Deutschen in der Geschichte beschäftigt, ist dem Autor dabei völlig klar und er lässt die Frage danach offen. Er lässt die Figuren Dinge sagen wie: „Für die Revolution bedarf es vor allem des Rückblicks, einer tiefen und aufrichtigen Traurigkeit und des Willens, sich der Vergangenheit zu stellen, sich der Vergangenheit zu besinnen, und sie Raum einnehmen zu lassen. Kurz gesagt: Gefühl. Kein Deutscher hat je getrauert.“, nur um sich dann ein paar Zeilen später zu revidieren und zu dem Schluss zu kommen, sowas wie „die Deutschen“ könne man eigentlich gar nicht sagen. Dennoch kommt auch „Schreckliche Gewalten“ nicht daran vorbei, dass wohl an keiner Geschichte besser die tragische Dialektik der Aufklärung, dass in jedem zivilisatorischen Fortschritt auch dessen Umkehrbewegung eingeschlossen ist, ablesbar ist, als an der Geschichte der Deutschen und man meint ein gewisses Unbehagen darüber ablesen zu können, in die Mottenkiste der deutschen Gewaltphantasien herumkramen zu müssen.

Die Psychoanalüge (wie er sie nannte) sei ja bloß der schleimige Blinddarm der Aufklärung.

Diese sehr konsequent betriebene Auseinandersetzung mit dem Wesen der Gewalt wird höchstens dann unterbrochen, wenn den Erzähler die Fabulierlust packt, wenn ihm die Zügel durchgehen: „Der Unterschied zwischen W.G. Besald und dem Mond ist, dass der Mond mit seinen knapp 74 Trillionen Tonnen Gewicht unerklärlich leicht ist, während die Bücher von W.G. Besald (trotz ihres durchschnittlichen Taschenbuchgewichts von 370 Gramm) unerklärlich schwer sind.“ Das mag man dem Roman als Schwäche anlasten oder als große Stärke – tatsächlich aber beweist es in erster Linie, was hier an literarischem Talent zur Formulierung angelegt ist, ganz gleich ob damit zielgerichtet oder verschwenderisch umgegangen wird.

Die Liebe will immer die Wiederholung und der Hass will immer das Nichts.

„Schreckliche Gewalten“ heißt dieser Roman und selten passen Form und Inhalt derart gut zusammen. Nolte erzählt von Gewalt und Noltes Roman ist ein gewaltsamer, ein gewalttätiger, aber auch ein gewaltiger Roman. Mag er großspurig daherkommen, soll er großspurig sein, denn die Literatur kann gar nicht großspurig genug sein, so sie denn als ästhetischen Form verstanden wird und nicht als Bühne zur Feier der eigenen Person. Hier wird nichts anderes gefeiert als die Literatur selbst, als Sprache und ihre schreckliche Gewalt, die sie auf den Leser ausüben kann.


Wir danken Matthes & Seitz für das Rezensionsexemplar.

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