James Q. Whitmans „Hitlers amerikanisches Vorbild“: Das große Unbehagen

Die amerikanischen Rassengesetze sind in letzter Zeit wieder häufig Thema. Vor allem weil die USA in Form von Diskriminierungen immer noch unter dem Joch ihrer rassistischen Vergangenheit leidet. Die diskriminierende und segregierende Gesetzgebung, die die Gesellschaft der Vereinigten Staaten lange teilte und dessen Auswirkungen bis heute nicht überwunden sind, werden vor allem immer als amerikanische Thematik verhandelt, obwohl sich Vergleiche beispielsweise zum System Südafrikas anbieten würden. Die Verbindungslinien, die der Jurist James Q. Whitman in seiner Publikation „Hitlers amerikanisches Vorbild“ zieht, erstaunen: Die Nürnberger Rassengesetze sollen ihre Inspiration in den USA gefunden haben? Ein Gedanke, der auch dem Autor unheimlich ist.

Das Unbehagen, das einen sofort befällt, wenn die nationalsozialistischen Gesetzgebungen mit den amerikanischen Rassengesetzen in Verbindung gebracht werden, so schrecklich die Unterdrückung von Schwarzen in den USA auch war, ist eines, das der Autor teilt und er baut einige Schutzwälle auf, um sich gegen den Vorwurf vor der Relativierung nationalsozialistischer Gräuel zu immunisieren: „Trotzdem ist die Vorstellung, amerikanisches Recht habe auf irgendeine Weise direkten Einfluss auf die nationalsozialistische Rassenverfolgung und Unterdrückung gehabt, schwer zu verdauen.“ Wieso ist das eigentlich so? Vergleichen kann man schließlich einiges, wichtiger scheint, welche Schlüsse man daraus zieht. Doch der Nationalsozialismus ist in der Nachbetrachtung immer als das grauenhafte Unvergleichbare bestimmt worden: „Die Verbrechen der Nazis sind das nefandum, der unbeschreibliche Abstieg in die Niederungen dessen, was wir gern das ‚radikale Böse‘ nennen.“

Jeder Vergleich, den man zieht, könnte einen verdächtig machen, den Vergleich nur in Stellung zu bringen, um die Schuld Deutschlands abzuschwächen. Gerade aus amerikanischer Sicht erscheint es besonders obszön, in die Nähe der Nürnberger Rassengesetze gebracht zu werden: „Das Gefühl, wenn wir den Nationalsozialismus beeinflusst hätten, hätten wir uns auf eine Weise schmutzig gemacht, die sich nie wieder ganz abwaschen lässt, ist schwer zu überwinden.“ Diejenigen, die den Nationalsozialismus niedergerungen haben, sollen ihn inspiriert haben? Undenkbar. Whitman ist da anderer Meinung und legt eine Studie vor, in dem er sich vor allem darauf konzentriert, zu zeigen, mit welchem Interesse deutsche Rechtswissenschaftler und schließlich auch führende Nationalsozialisten nach Amerika schauten.

Grund dafür ist auch, dass Amerika keineswegs von Anfang an als ideologischer Gegenpol zum Nationalsozialismus betrachtet wurde: „Insbesondere in den ersten Jahren des Regimes betrachteten die Nationalsozialisten die USA keineswegs als eindeutigen ideologischen Gegner.“ Stattdessen gab es genug Figuren in der nationalsozialistischen Elite, die in den USA ein arisch-angelsächsisches Paradies sahen, das alles dafür tut, sich vor den Einflüssen Nicht-Weißer abzuschotten. Auch in der Weise, wie der Kontinent unterworfen wurde, erkannte manch ein Nationalsozialist eine Inspirationsquelle: „Hier finden sich einige der erschütterndsten Belege, denn die nationalsozialistische Expansion in Richtung Osten war begleitet von Verweisen auf die amerikanische Eroberung des Westens und die damit einhergehenden Kriege gegen die Ureinwohner.“

Was aber war nun das Hauptmotiv für die Nazis, sich so eingängig mit den Vereinigten Staaten zu beschäftigen? Selbst wenn man die These der schrecklichen Einzigartigkeit des NS-Regimes vertritt, muss man trotzdem konzedieren, dass der Nationalsozialismus nicht im luftleeren Raum entstanden ist. Trotz aller Willkür und tyrannischen Herrschaftswerkzeugen war der Hitler-Staat daran interessiert, Unterdrückung und Ermordung mit staatsrechtlichen Konstrukten zu legitimieren. Whitman nun behauptet, dass die USA dafür ein Muster vorgab: „Besonders bekannt war Amerika für sein neuartigen Formen einer de facto und de jure bestehenden Staatsbürgerschaft zweiter Klasse für Schwarze, Ureinwohner, Filipinos und Puerto-Ricaner.“

Eine der Grundentscheidungen der Nürnberger Rassengesetze war, die in Deutschland lebende Bevölkerung in Staatsangehörige und Reichsbürger aufzuteilen und ihnen unterschiedliche Privilegien zuzusprechen oder abzusprechen. Ziel war jedoch – im Unterschied – nicht die Errichtung eines Apartheidstaats, sondern die schrittweise Entrechtung: „Für ein Regime, dessen Ziel es war, die angeblich ‚Blutsfremden‘ aus dem Land zu treiben, spielte das Staatsbürgerschaftsrecht eine zentrale Rolle.“

Whitman geht es vor allem darum, die lange und reiche Rezeptionsgeschichte des amerikanischen diskriminierenden Staatsbürgersystems in vielen Beispielen darzustellen, während seine Grundthese schnell zusammengefasst ist. Vielleicht ist seine Akribie im Zusammentragen nicht nur der wissenschaftlichen Ordentlichkeit zuzuschreiben, sondern auch eben der Angst vor den Gegenstimmen.

Was „Hitlers amerikanisches Vorbild“ jedoch leider fehlt, ist eine dringend notwendige Darlegung der ideologischen Bedingungen, aus denen beide beschriebenen Systeme erwachsen sind. So hätte man eben auch schlüssige Erklärungen dafür liefern können, warum sich in den USA aus der diskriminierenden Gesetzgebung kein Vernichtungssystem entwickelt hat. Zum Schluss legt Whitman seine immer durchscheinende Furcht vor den Vorwürfen der Gegenseite ab, wenn er fordert, dass sich die USA nicht nur der rassistischen Vergangenheit stellen muss, sondern auch ihre Rolle als Ideengeber. Er verlangt von der amerikanischen Gesellschaft nicht weniger als zu akzeptieren, dass Rassismus Teil des nationalen Narrativs ist und dieser Rassismus über die Grenzen hinaus Nachahmer fand. Ob diese Forderung gehört wird, bleibt fraglich. Genauso zweifelhaft ist, ob jemand für die monströse Übersteigerung dieses Rassismus durch die Nationalsozialisten überhaupt jemand anders Verantwortung tragen kann außer die Deutschen selbst. Dennoch leistet „Hitlers amerikanisches Vorbild“ zumindest eines: Es zeigt, welche ungewöhnliche Wege historische Ideen leider nehmen.


Wir danken C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.

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