James Wood: Die Kunst des Erzählens

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Wer sich mit Literatur auseinandersetzen will – sei es als Kritiker, Schriftsteller oder als ambitionierter Leser – muss sich mit Erzähltheoretischem auseinandersetzen. Die literaturwissenschaftliche Narratologie ist bis heute primär geprägt von F.K. Stanzel und Gérard Genette, deren theoretische Schriften das Fundament des Diskurses bilden.

In Die Kunst des Erzählens präsentiert James Wood, der den Lehrstuhl für praktische Literaturkritik in Harvard innehält, seine narratologische Überlegungen in insgesamt 123 Teil-Abschnitten. Sein Ton ist jedoch nicht der eines Professors. Die Kunst des Erzählens möchte keinen neuen theoretischen Ansatz begründen und auch nicht Lehrbuch sein. Wood reflektiert anhand praktischer Textbeispiele die Möglichkeiten von Erzählprosa und Realismus in Vergangenheit und Gegenwart.

Das „moderne Erzählen“ lässt nach Wood keinen allwissenden Erzähler mehr zu. Als zeitgemäßer empfindet er die erlebte Rede (vgl. Stanzel: personale Erzählsituation), welche Autor und Figur verbinde. Exemplarisch wird die Figur des Flaneurs als Vertreter des Autors im Text und als „auktorialer Kundschafter“ identifiziert. Neben der erlebten Rede ist das Detailreichtum ein Charakteristikum des modernen Erzählstils, der maßgeblich von Gustave Flaubert begründet wurde.

Literatur und Leben unterscheiden sich darin, dass das Leben eine ungestalte Fülle an Details bereithält und uns kaum einen Weg hindurch weist. Dagegen lehrt und sie Literatur Aufmerksamkeit.

Der Detail-Diskurs in der Narratologie hat Tradition. Auch Roland Barthes arbeitete sich in seinem Essay „Der Wirklichkeitseffekt“ daran ab und argumentiert – wie Wood – mit Gustave Flaubert, um darzustellen, dass durch „unnütze Details“, die im weiteren Verlauf der Erzählung keine Bedeutung mehr spielen, ein realistischer Eindruck erzeugt wird. Wood widerspricht: Es geht nicht um die Relevanz des Details (irrelevante Details, vorbeiziehende Kleinigkeiten ohne Bedeutung gibt es auch in der Realität, sie sind in der Literatur „auf bedeutende Weise unbedeutend“), sondern um den Eindruck verstreichender Zeit, der mit ihnen erzeugt wird. In detaillierten Beschreibungen moderner Prosa stehen habituelle und dynamische Details nebeneinander, ihre literarische Vermischung ist der „wahre“ Wirklichkeitseffekt des Realismus.

Das Konzept von „runden“ und „flachen“ Charakteren, welches auf E. M. Forster zurückgeht, lehnt James Wood ebenfalls ab: die vollkommen ausgeformte Figur hält er für eine Utopie. Die Konzeption der Charaktere in der modernen Erzählung strebt vielmehr nach einer Ausdifferenzierung. Exemplarisch steht Diderot’s „Rameaus Neffe“ für die moderne Figur, die durch ihre Ambivalenz, Psychologisierung und Transformation auch neue Form-Möglichkeiten für die Prosa entwickelt.

Schlussendlich geht es Wood um die Aktualität des Realismus. Das literarische Realismus wird missverständlicherweise bis heute für ein Konzept gehalten, bei dem Referenzialität angestrebt wird. Dem Autor von Die Kunst des Erzählens geht es in realistischer Literatur jedoch um die Erzeugung Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit („Hypotypose“-Konzept). Deshalb ist Realismus seit dem 19. Jahrhundert aktuell und kann nicht als ein verstaubtes Kapitel der Literaturgeschichte abgetan werden. Die Aufgabe der Autoren und Kritiker ist es, „nach jenem Element eines Stils zu suchen, das nicht ohne weiteres zu reproduzieren oder zu reduzieren ist“. Der individuelle Stil, mit dem James Wood die Komplexität von narratologischen Grundfragen für jeden verständlich beantwortet, sucht ebenfalls nach seinesgleichen. Ein tolles Buch!

James Wood: Die Kunst des Erzählens. Mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2013, 9.99 €.

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