Jan Böttcher: Gefangener der Perspektive

Y

Jeder Erzählakt ist ein Gewaltakt. Die Gewalt besteht darin, sich das Recht herauszunehmen, die Stimme zu erheben und die Geschichte jemandes zu erzählen. Nun könnte man einwenden, dass im autobiographischen Erzählen diese Gewaltstrukturen nicht zu Tage treten, da man von sich spricht. Aber immer dort, wo einer spricht, müssen andere schweigen. Seit den neunziger Jahren beschäftigt sich die Kulturwissenschaft in all ihren Ausformungen mit der Frage der Sprecherpositionen: Wer spricht? Wer kommt im Diskurs vor? Und wer nimmt sich das Recht heraus, das Wort für andere zu ergreifen? Das Ergebnis dieser Beschäftigung ist eine allgemeine Verunsicherung des Denkens und Sprechens. Aussagen müssen sich nicht mehr nur auf ihre argumentative Konsistenz prüfen lassen, sondern auch darauf, ob sie die Erfahrungen anderer miteinschließen. Wenn Jennifer Lawrence die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen fordert, dann tut sie das aus der Erfahrungswelt einer weißen, wohlstandsverwöhnten Hollywood-Schauspielerin. Der Realität einer indischen Frau aus der Kaste der Unberührbaren entspricht dies nicht, zudem hat sie Jennifer Lawrence nicht das Mandat dafür gegeben, in ihrem Namen zu sprechen. In solchen Diskussion ist der Vorwurf des Rassismus schnell erhoben.

Der kritische Status von Sprecherpositionen berührt einen elementaren Punkt in allen erzählerischen Akten und damit die Literatur. Gerhart Hauptmanns Eltern waren Hotelbetreiber und ermöglichten ihm das Studium, trotzdem schrieb er „Die Weber“ und gab den Unterdrückten des Frühkapitalismus eine Stimme. Anna Seghers konnte ins Exil flüchten, bevor ihr im Dritten Reich schlimmeres geschah und dennoch schilderte sie in „Das siebte Kreuz“ das Schicksal von KZ-Häftlingen. Wie soll es die Literatur also mit Erfahrungen halten, die nicht ihre eigenen sind? Jan Böttchers neuster Roman „Y“ führt über den Kosovo-Krieg und eine tragische Liebesgeschichte an genau jene Thematik heran.

Ich verstand nichts vom Leben meines Sohnes.

Wir schreiben den 24. März 1999: Nachdem Jugoslawien fast ein ganzes Jahrzehnt damit verbrachte, in blutigen Konflikten auseinanderzubrechen, droht ein weiterer Teil des alten Vielvölkerstaates verlorenzugehen. Serbien, das sich unter Slobodan Miloševic als rechtmäßiger Nachfolger des Tito-Staates sieht, möchte verhindern, dass sich die Kosovaren aus dem Staatsgebiet lösen und drangsaliert die hiesige Bevölkerung. Nachdem die Westmächte den Konflikt lange Zeit unkontrolliert schwelen ließen und Kriegsverbrechen wie das Massaker von Srebrenica nicht verhinderten, war an jenem Märztag die Zeit der Intervention gekommen – die NATO flog Bombenangriffe auf Belgrad. Böttchers Roman setzt ein Jahr vor den ersten Bomben ein. Protagonistin Arjeta ist mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Hamburg geflohen und lernt dort, versteckt vor ihrem muslimischen Vater, Jakob Schütte kennen, einen manisch-veranlagten Gamer-Nerd. Die beiden versenken sich in einer heimlichen On-Off-Beziehung, die zum endgültigen Bruch führt, als Jakob sie bei einer gemeinsamen Achterbahnfahrt fast zu Tode erschreckt, in dem er mitten auf der Achterbahn die Schutzstange löst.

Die Geschichte eines Landes, so zitierte sie ihn, fängt in dem Augenblick an, wo man sich mit ihr beschäftigt.

Arjeta geht mit ihrem Vater zurück in den Kosovo, genauer gesagt nach Priština. Doch auch dort ist sie vor Jakob nicht sicher, er steht eines Tages vor ihrer Tür. Von einer Wiedervereinigung kann jedoch nicht die Rede sein. Arjeta bringt zwar ein gemeinsames Kind zur Welt, doch der Bruch ist nicht zu kitten. Und so, alleine in einem fremden Land, versucht sich Jakob auf seine Weise einen Reim auf dieses kuriose und sehr junge Land zu machen. Er beschäftigt sich schon länger mit der Spieleprogrammierung und fängt deshalb an, einen Shooter zu entwerfen, der einen fiktiven Bürgerkrieg thematisiert, der dem historischen Kontext jedoch sehr ähnlich ist. Es ist seine Aneignung der Thematik, womit die Brücke zum Anfang geschlagen ist.

„Du willst unser Schicksal benutzen?“
„Ausbeuten, sagt man. Ausschlachten. Das Schicksal eines ganzen Volkes.“

Böttchers Roman hat ein starkes Bewusstsein für die Problematik der Sprecherposition und versucht das in der Erzählanlage darzustellen: Der Ich-Erzähler ist in der Narration als Vater von Benji verortet. Benji ist Jugendlicher und lernt Arjetas und Jakobs Sohn Leka in Berlin kennen, nachdem dieser von Jakob aus dem Kosovo geholt wird. Diese Konstellation bringt es mit sich, dass die Erzählinstanz alle Ereignisse durch Nacherzählungen der Protagonisten vermittelt wiedergibt. Dem Ich wird das Erzählte aus den unterschiedlichen Perspektiven der Figuren geschildert und muss das tun, was Erzählinstanzen tun: einordnen. Darüber hinaus ist der Vater von Benji Schriftsteller. Böttcher arbeitet während des ganzen Romans mit solchen Verdopplungsstrategien: Der Schriftsteller Böttcher verdoppelt sich in dem als Schriftsteller arbeitender Ich-Erzähler und beide spiegeln sich in der Figur Jakob Schütte, der sich als Erzähler in Form des Videospieles betätigt.

Bitte nicht, rief der Schriftsteller hinter ihm.

Eine solche vertrackte Konstellation soll vor allem verunsichern. Und diese Verunsicherung formuliert der Erzähler auch selbst an mehreren Stellen: „Aber bewerten, ich? Lächerlich. Ich, der Espressotrinker, der Fremdkörper, der hier ganz augenscheinlich nicht der Zielgruppe angehörte. Ich, der sich von den Kindern vorführen lassen musste, wie das Spiel zu spielen war, dem dieser Mann sein ganze Lebensenergie gewidmet hatte.“ Ein Fremdkörper, das ist er tatsächlich. Denn schließlich ist „Y“ eigentlich ein Roman über den Kosovo. Wie kommt ein Berliner Schriftsteller dazu, davon zu berichten? Ist das nicht auch nur eine Variation des Ausschlachtens, das Jakob von Arjeta vorgeworfen wird?

Der Roman beantwortet diese Frage nicht eindeutig. Auch im Falle Jakobs, der eine bizarre Form der Aneignung wählt, bekommt man ein Gefühl dafür, dass es sich um einen intellektuellen Vorgang des Verständlichmachens handelt. Der Text gibt zumindest einen Ausblick darauf, wie ein unverkrampfterer Umgang damit möglich sein kann: Die zwei Söhne, Benji und Leka, sind mit den komplizierten Umständen der unbekannten Fremde aufgewachsen und gehen in einer Selbstverständlichkeit damit um, die der Elterngeneration abgeht.

Die Republik Kosovo war das Land, aus dem man nicht herauskam.

Man könnte sagen: Jan Böttchers Roman „Y“ kommt zu einer merkwürdigen Zeit. Schließlich ist der deutsche Literaturbetrieb gerade sehr durchlässig für junge Schriftsteller, die Migrationsgeschichten mit sich bringen und häufig sehr kunstvoll davon berichten. In dieser Hinsicht scheint das Problem der Perspektiven gar nicht so virulent, da es momentan genug Stimmen gibt, die ihre eigenen, nicht-deutschen Erfahrungswelten zur Sprache bringen. Allerdings kann der Literatur Selbstreflektion über ihren eigenen Status und was es heißt, zu erzählen, ja nicht schaden. Nur dann hätte man Böttcher mehr Mut gewünscht. So überlässt er den Leser am Ende mit einer schwebenden Ambivalenz, die man für sehr intelligent halten kann. Oder verschüchtert. Wie das anders geht hat im Januar, der philosophische Wüterich Sjavoj Žižek im Gespräch mit der NZZ bewiesen: „Gilles Deleuze hat einmal gesagt: Jede politische oder ethische Argumentation, die auf eine spezifische Erfahrung referiert, ist falsch. Er hat recht. Denn wäre diese Argumentation triftig, so liesse sich damit alles rechtfertigen – und der weisse rassistische Mann könnte mit gleich gutem Grund entgegnen: Sie, die schwarze Frau, könne ihn, den weissen Mann, niemals verstehen und habe deshalb kein Recht, ihn zu kritisieren oder zu verhöhnen. So lässt sich sogar eine rassistische Einstellung rechtfertigen. So kommen wir nicht weiter!“ Böttchers „Y“ ist handwerklich kein schlechter Roman, aber mit ihm kommen wir auch nicht weiter.


Wir bedanken uns beim Aufbau-Verlag für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Lieber Gerrit,

    ich kann Dir nur voll und ganz zustimmen. „Y“ hat wunderbare Ansätze und verhaspelt sich dennoch in einem Zuviel von Allem – zuviel Handlungsstränge, zuviel Handelnde, zu viele Denkanstöße mit aller Gewalt.

    Ich habe mich in meiner eigenen Rezension schwer getan, all das zu ordnen und zueinander in Beziehung zu setzen – und es einfach gelassen. Für mich ist „Y“ dennoch lesenswert. Nicht aufgrund des vielleicht von Böttcher verfolgten Immigrantenschicksals sondern aufgrund der leisen Zwischentöne, in denen sich die Beziehung von Arjeta und Jakob entwickelt und die das unabänderliche Ende bereits in sich tragen.

    Danke für Deine Sichtweise!

    Gruß
    Stefan

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