Janko Markleins „Florian Berg ist sterblich“

marklein florian berg

Janko Marklein, der 2010 den open mike gewann, legt mit „Florian Berg ist sterblich“ seinen Debütroman vor. Abwechselnd erzählen die fünfzehn Kapitel von Florians erstem Semester an der Universität Leipzig und von seiner Vorgeschichte, der Jugend in Wulsbüttel, seinem Heimatdorf. Wie der Protagonist, der vor allem unfreundlich, unsensibel und gefühlslos daherkommt, zu dem werden konnte, der er ist, versucht der Roman zu erklären: „Florian Berg ist sterblich“ handelt vom Erwachsenwerden, von dem, was einen Menschen prägt, wenn er jung ist.

Zum Inhalt: Florian Berg kommt 2010 zum Philosophiestudium an die Uni Leipzig, wo aufgrund des Lehrmangels kaum Kurse zugänglich sind, und lernt Line kennen, die sich in der Fachschaft engagiert. Line verliebt sich in ihn, stellt Florian ihre Freunde vor, unter anderem ihren Exfreund Stefan, einem hochintelligenten Mathematik- und Linguistikstudenten, mit dem Florian eine WG gründet, und besorgt ihm schließlich einen Platz in einem Logiktutorium, das von Anna geleitet wird. Florian, der Line gar nicht attraktiv findet und ihr das auch unverblümt mitteilt, interessiert sich für Anna, die jedoch einen Freund namens Tobi hat, der zusammen mit Stefan in einem Stipendiumsprogramm ist. Als Anna durch eine Dummheit ihre Stelle am Institut verlieren soll, schläft Florian mit Line, um Anna zu retten. Anna trennt sich von ihrem Freund und fliegt nach Santiago de Chile, wo sie den Bildungsstreik unterstützen will. Florian fliegt hinterher, sie schlafen miteinander, doch mehr will Anna nicht von ihm. Am Ende bleibt offen, ob Florian in Santiago bleibt oder nach Leipzig zurückkehrt. Der Handlungsverlauf liest sich ein wenig wie der Plot einer Seifenoper, das mag vor allem daran liegen, dass sich alle Figuren untereinander kennen und von allen Beziehungen ein hohes Konfliktpotenzial ausgeht. Ob das die studentische Realität in Leipzig abbildet (oder überhaupt realistisch abbilden soll), sei dahingestellt.

Die Vergangenheitspassagen von Florians Jugend beginnen eine Woche nach seinem 13. Geburtstag und enden vier Jahre später. Als Sohn der Pastoreneltern hat er es nicht leicht. Nicht nur, weil sie als Pastoren die Moralinstanz des Dorfes sind, sondern auch, weil ihre Ehe alles andere als glücklich ist. Auf dem Dorf besteht Florians Leben ausschließlich aus Harry Potter und dem Verein „Grüne Garde“, den er mit seinem besten Freund Paul gründet und der für die Bewachung und Instandhaltung der Natur zuständig ist: Erwachsene und Mädchen sind natürlich verboten. Die Jungs patroullieren um den Forellenteich und sorgen für Ordnung. Er freundet sich auf seinen Rundgängen mit Udo an, einem Vogelfotografen, den er mit in den Bücherbus nimmt, der alle paar Wochen im Dorf hält und Florian mit den neuesten Harry Potter Büchern versorgt. Udo verliebt sich in Bibliothekarin Sally, sie weist ihn jedoch ab. Florian muss beobachten, wie Udo sie zu nötigen versucht, doch Sally kann entkommen und zieht nach Kiel, weshalb Udo Suizid begeht. Aus den Patrouillen um den Forellenteich werden zusehens LAN-Partys, dann Partys mit Alkohol und Mädchen, bei der er unfreiwillig, so scheint es, seine Unschuld an Line verliert, die fast ausschließlich in Songzitaten spricht. Und letztendlich wird aus der „Grünen Garde“ von früher die „Grüne Jugend“ des Dorfes, die in den politischen Wahlkampf für B/90 Grünen zieht.

Aus den beiden Sätzen „Alle Menschen sind sterblich“ und „Florian Berg ist ein Mensch“ folge logisch „Florian Berg ist sterblich“.

„Florian Berg ist sterblich“ – diese Feststellung, die Anna beim Logikseminar als Beispielsatz spricht und die programmatisch zum Titel des Romans wird, soll deutlich machen, dass der Protagonist „menschlich“ ist. Und das sollte bei der Lektüre des Romans tatsächlich noch einmal festgehalten werden. Denn obwohl Markleins Text vor allem die Entwicklung der Figur Florian Berg von der Jugend bis zum Studium erzählt, bleibt der Protagonist eine unzugängliche Figur. Florian scheint selbst kaum Gefühlsregungen auszudrücken. Frauen, die sich in ihn verlieben, begegnet er mit Ablehnung, körperlicher Gewalt im Fall von Isa, die zum ersten Mal mit ihm schlafen will, oder verbaler Unverschämtheiten im Fall von Line:

Florian fiel nichts besseres ein, als Line noch einmal zu versichern, wie unattraktiv er sie fand. Um die Wirkung seiner Worte zu verstärken, beschrieb er Line im Detail, was genau er an ihrem Aussehen nicht mochte. Er begann mit den buschenigen Augenbrauen, fuhr fort mit dem faustgroßen Leberfleck.

Er verliebt sich selbst stattdessen in unerreichbare Frauen wie die in einer Beziehung steckenden Anna, die zu Beginn in gewisser Weise immerhin seine Dozentin ist, oder in die chilenische Bildungsstreik-Führerin Camila Vallejo. Sucht man eine Erklärung und damit nach einer Psychologisierung der Figur Florian Berg, kommt man zwangsläufig bei der zerrütteten Ehe seiner Eltern und der Fast-Vergewaltigungsszene von Udo und Sally heraus, die möglicherweise erklären könnte, wieso Florian Berg offenbar nicht weiß, was Liebe ist.

Olga Grjasnowa spricht Marklein auf dem Buchrücken zu, ein phänomenaler Chronist der Abgründe westdeutscher Jugend zu sein. Der Einwurf von Harry Potter-Szenen, die Nennung von LAN-Party geeigneten Computerspielen oder Verse aus Ärzte-Songs machen allein noch keine „phänomenale Chronologie“, die über ein „Ach ja, stimmt, ich erinnere mich“ bei Lesern, die zwischen 1985 und 1995 geboren sind, hinausgeht.

Vielmehr ist der Roman die Geschichte einer Bewegung vom Kleinen ins Große, nämlich vom Dorf in die Kleinstadt in die Großstadt, und eine Charakterstudie, die nach den Gründen für die verkappten Liebesentscheidungen der Figur in seiner Vergangenheit sucht. „Mich interessieren Figuren, die ein kaputtes Verhältnis zur eigenen Emotionalität haben“, sagt Janko Marklein im Interview mit der Campuszeitschrift der FU Berlin „FURIOS“ hier. Das alles wird vor den politischen Hintergrund der Bildungsstreiks gesetzt, die heute schon vergessen scheinen. Sprachlich noch nicht bei einem wirklich eigenen Ton angelangt, ist Sokrates…pardon, Florian Berg ist sterblich [ähnlich wie Kress von Aljoscha Brell] ein Buch für junge Leser, die vielleicht selbst aus der Kleinstadt gerade ihre Studium in der Stadt beginnen und von einem Buch vor allem Identifikationspotenzial erwarten.


Wir danken dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.

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