Jaroslav Rudiš »Winterbergs letzte Reise«: Lonely Planet Kakanien

Mittel- und Osteuropa ist ein topographischer Raum, der über Jahrhunderte in deutscher Sprache verzeichnet wurde. Gerade Tschechien bzw. Böhmen schien seit der Herrschaft der Habsburger geradezu deutsches Kernland, obwohl das Deutsche eher Sache der ständischen Eliten war. Mit der Gewalt, mit der Deutsche und Österreicher das 20. Jahrhundert überzogen, zerrissen sie die Bande, die Europa mit ihrer Sprache überzogen. Zurück blieb die Erinnerung an einen deutsch-kakanischen Sprachraum, von dem »Winterbergs letzte Reise« erzäht.

Wenzel Winterberg ist eine dieser Personen, in der die Erinnerung an ein deutschsprachiges Mitteleuropa noch überlebt hat. Als Sudetendeutscher ließ er sich erst ins Reich heimholen, um dann nach dem Zweiten Weltkrieg die Heimat gänzlich zu verlieren. Berlin wurde der Wohnort seines Nachkriegsdeutschlands und der Roman beginnt zu einem Zeitpunkt, als Winterberg alt und krank ist und ihn seine letzten Wünsche in die alte Heimat zurückführen.

»Wenn man im Zeichen der Schlacht bei Königgrätz geboren ist, ist man für immer verloren.«

Begleitet wird er von Jan Kraus, Altenpfleger, der schon durch seine Herkunft mit Wenzel Winterberg verbunden ist, denn er ist in Vimperk, einstmals das böhmische Winterberg, geboren. Mit Kraus möchte Winterberg eine Reise in eine Welt von Gestern machen und so gehen beide auf eine Reise durch die Gebiete des ehemaligen Habsburgerreiches. Begleitet werden sie dabei von einem Baedeker-Reiseführer aus dem Jahre 1913, den Winterberg mitführt und durch dessen Beschreibungen er die Welt wahrnimmt.

Den Baedeker für Österreich-Ungarn.
Den Baedeker für sein Leben.

1913 markiert den Zeitpunkt, an dem man zuletzt so tun konnte, als würde diese kakanische Welt nicht schon längst ihrem eigenen Untergang entgegentreten: »›Mich interessiert nur dieses Buch. 1913 war die Welt noch in Ordnung.‹« 1913 ist die eine entscheidene Zäsur in diesem Roman, die andere datiert auf das Jahr 1866. Dort stießen die preußischen Armeen auf das k.k.- und sächsische Heer bei Königgrätz, im Kampf darüber, wer deutscher Hegemon werden sollte: »›Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz‹« Für Winterberg ist diese Schlacht das Trauma seines ausgeprägten historischen Bewusstseins, mit ihr hat alles zu tun: »›Nur wegen der Schlacht bei Königgrätz müssen Sie mich pflegen.‹«

Er zeigte mir die Stresemannstaße, die früher Königgrätzer Straße hieß.

Historisch gesehen könnte man vermuten, dass die deutsche Geschichte anders verlaufen wäre, hätte sich Gesamtdeutschland nicht unter dem Banner des preußischen Militarismus versammelt, doch diese Perspektive blendet natürlich aus, dass auch das Habsburgerreich in Teilen ein imperialistisches, ein gewalttätiges Projekt war und dass der Erste Weltkrieg auch durch österreichische Aggressionen ausgebrochen ist. Insgesamt leidet Rudiš‘ Roman an einer kakanischen Verkitschung, die mal harmlos, mal ärgerlich ist.

Im Taxi zählte er alle die Berliner Bahnhöfe auf, die nicht mehr existierten.

Die Reise der beiden führt sie durch die zentralen Orte des untergegangenen Reiches: Wien, Triest, Liberec, Winterbergs Geburtsort als Liberec noch Reichenberg hieß. Treibend ist dabei nicht nur die Lust an der Erinnerung an eine untergegangene Welt, sondern auch eine Frau, Lenka, mit der sich Winterberg schicksalshaft in Sarajevo verabredete als sie, als Jüdin, während des Krieges flüchten musste. Winterberg traf sie nie in Sarajevo und so ist sie sein großes, unerfülltes Schicksal.

Es gibt kein Entkommen.
Von seiner Geschichte.
Von meiner Geschichte.

Doch nicht nur Winterberg laboriert an seiner, an der Geschichte per se, sondern über den Lauf der Geschichte enthüllt sich auch die Vergangenheit des Jan Kraus. Auch er hatte sein Rendezvous mit der Weltgeschichte als er aus der dann schon realsozialistischen Tschechoslowakei geflohen ist und so Augenzeuge dessen ist, was das 20. Jahrhundert für Mitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg bereithielt.

»Man kann nicht nur die eine Geschichte erzählen, wenn man die Geschichte, wenn man uns verstehen möchte.«

Winterberg ist eine Figur, die in zweierlei Hinsicht durch die Weltgeschichte gegangen ist: Er hat das 20. Jahrhundert in seinen Verheerungen erlebt, ist aber auch gleichzeitig ein Geschichtenautomat, der Jan Kraus mit der schieren Fülle historischer Anekdoten an den Rand des Wahnsinns treibt und sich selbst damit überfordert: »›Zu viel Geschichte. Es macht mich verrückt, dass ich mir nicht alles merken kann.‹« Winterberg Blick auf die Welt ist stets retrospektiv und so sieht er auf seinen Reisen nicht nur, das was noch besteht, sondern vor allem das, was verlorengegangen ist.

»Touristen sind die Krieger von heute, nein, die Touristen sind noch viel schlimmer, sie überfallen und zerstören alles.«

Zwar muss man Jaroslav Rudiš zugutehalten, dass hinter all dem Knödelkitsch der Horror des 20. Jahrhunderts nicht unbezeichnet bleibt, dennoch wird auch bei Winterbergs letzte Reise Geschichte »stellarisiert«. Das alte Habsburgerreich erscheint zu oft als Pappstaffage, an der eine historische Utopie erzählt wird, die es so nie gab. Und zu oft entscheidet sich der Roman für den billigen Effekt, zum Beispiel wenn Jan Kraus eine kurze Liaison mit der Tochter Winterbergs eingeht oder aber, wenn dem Roman das Vertrauen in seine eigene Fähigkeiten verlorengeht, und er die Verschiebung in der Dynamik beider überdeutlich damit bebildert, dass plötzlich Winterberg Kraus im Rollstuhl durch die Gegend schiebt.

»Ohne Königgrätz würde Königgrätz vielleicht gar nicht existieren.«

Winterbergs letzte Reise ist ein Buch vom Schlage eines Der Trafikant von Robert Seethaler. Nette historische Unterhaltung mit dem Anspruch, das Donnergrollen der geschichtlichen Schrecken nicht auszublenden. Wie schief das gehen kann, weiß eine deutsche Öffentlichkeit seit dem Fall Takis Würger. Stella war in vieler Hinsicht ein unsäglicher und unnötiger Roman, doch die Debatte über Literatur und Historie ist sicherlich eine der fruchtbarsten der letzten Jahre gewesen. Sie hat sensibel dafür gemacht, dass es auch unlauteren literarischen Umgang mit der Geschichte geben kann. Winterbergs letzte Reise ist natürlich weit entfernt von Perfidität des Würger-Romans, doch das »Stella-O-Meter« schlägt hin und wieder aus.