„Jenseits der Pässe“: Stephan Braeses Hildesheimer-Biographie

Braese_Hildesheimer

Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Christa Wolf  – über die Stars der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, deren Werke noch heute zu den meistgelesenen und meistbeforschten gehören, gibt es viele Lebensbilder. Einige von ihnen gerieten aber zunehmend in Vergessenheit, obwohl ihr Rang nicht weniger relevant war. Zu ihnen gehört Wolfgang Hildesheimer. Dabei ist seine Biographie eine der spannendsten. Der Literaturwissenschaftler Stephan Braese hat anlässlich des 100. Geburtstags von Hildesheimer eine umfassende Biographie vorgelegt.

Braese, der als Professor für europäisch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte tätig ist, wählt Hildesheimers jüdische Herkunft als Ausgangspunkt, der später zum Fixpunkt wird.
Bereits 1933 emigrierte er mit seinen Eltern und seiner Schwester über England nach Palästina. Die Auswanderung war, vom zionistisch engagierten Vater Arnold, bereits länger geplant gewesen.

In diesem Sinn standen Arnold und Hanna Hildesheimer für durchaus typische Ausprägungen mitteleuropäischen Jüdisch-Seins, die zwar historisch einen gemeinsamen Ausgangspunkt hatten – das Projekt einer Verbindung zwischen jüdischem Wissen und europäischer Kultur im Zeichen der Aufklärung –, die aber unterschiedliche, ja partiell entgegengesetzte Richtungen der Entwicklung genommen hatten. War in der Familie Hanna Goldschmidts im Zuge der Identifikation mit europäischer Kultur‚ das Jüdische’ allmählich blasser geworden, hatte Arnold Hildesheimer sich seinerseits zwar ebenfalls von der religiösen Überlieferung abgewendet, aber im Zionismus den politischen Ausdruck eines hochgradig bewussten, zeitgemäßen Jüdisch-Seins gefunden.

Nach einer Tischlerausbildung in Jerusalem ging Hildesheimer 1937 nach London, wo er an der Central School of Arts and Crafts seine Ausbildung fortsetzte und nach einem Weg suchte, um Kunst und Handwerk zu vereinen. Er versucht sich als Bühnenbildner, er beginnt zu schreiben, er zeichnet, skizziert und arbeitet grafisch: Hildesheimer ist als junger Mann vielseitig interessiert. Und er genießt seine Jugend. Schon bald macht er sich in den Londoner Künstlerkreisen einen Namen und gilt als Dandy. Als jedoch der Zweite Weltkrieg ausbricht, kehrt er – als palästinensischer Staatsbürger – zurück nach Jerusalem.

Auch später in Deutschland wehrte sich Hildesheimer immer wieder gegen die Stigmatisierung als Geflüchteter, aus dem Exil Zurückgekehrter: Dass er 1933 nach Palästina ging, fasste er selbst keineswegs als Exil auf. Auch in Israel suchte Hildesheimer nur marginal den Kontakt zu anderen Deutschen, denen er durchaus begegnete. In einem Almanach veröffentlicht er neben Lasker-Schüler, Arnold Zweig und Max Brod – nicht auf deutsch, sondern auf englisch: eine „deutlicher kaum denkbare Absage an die deutsche Sprache als das konkurrenzlose Idiom poetischem Ausdrucks zumindest all jener, die sie als Muttersprache gelernt hatten.“
Eindrucksvoll schildert Braese das Schriftsteller- und Künstlermilieu im „multiethnischen und multikulturellen“ Jerusalem der 1930er und 1940er Jahre, in dem Hildesheimer sich bewegte, und in dem er zum Kosmopoliten wurde. Es sind jene Jahre vor dem Unabhängigkeitskrieg Israels, in denen Emigranten und Einheimische noch friedlich zusammenleben.

1946 kehrt Hildesheimer in seine ‚Wahlheimat’ London zurück, wo er als Übersetzer – einige Erfahrung konnte er hier schon vorweisen – für die Nürnberger Prozesse engagiert wird. 1947 reist er – erstmals seit 1933 – nach Deutschland.

„Unter Deutsche mischen wir uns nicht.“

Hildesheimer arbeitet als Simultan-Übersetzer bei den Nürnberger Prozessen und zieht – nach Abschluss der Arbeit im Oktober 1949 – nach Ambach am Starnberger See. Bereits früh bemerkt er: „Was sich hier in den allerersten Jahren in Ambach zu erkennen gab, war die Unmöglichkeit im deutschen Kulturbetrieb dieser Zeit ein Auskommen zu finden, ohne auf Funktionäre und Kollegen zu treffen, die keine NS-Vergangenheit haben.“ Später wird er als einer der Ersten den Mythos der „Stunde Null“ des deutschen Kulturbetriebs brechen.

In jener frühen Zeit in Ambach entscheidet sich Hildesheimer  bewusst für das Schreiben in deutscher Sprache. Er sieht sie als „Bekämpfung“ des „Missbrauchs der deutschen Sprache im NS-Alltag“. Schnell findet er Anschluss im Literaturbetrieb, namentlich der Gruppe 47. In dieser Gemeinschaft knüpft er nicht nur professionelle Kontakte, sondern auch lebenslange Freundschaften, vor allem zu Hans Werner Richter, Heinrich Böll und Günter Eich. Dessen brauner Vergangenheit ist sich Hildesheimer bewusst – er entschuldigt sie nicht, gestattet aber das „Eingeständnis des Irrtums“.

Besonders verdienstvoll an Braeses Biographie ist die detaillierte Aufschlüsselung der Produktionsbedingungen von Hildesheimers Texten, die oft parallel entstehen. Charakteristisch für das Werk des Schriftstellers, das arbeitet Braese heraus, sind die Intermedialität – so illustriert Hildesheimer teils seine Texte selbst mit Zeichnungen oder Aquarellen –, die Mehrsprachigkeit (auch später wird er noch poetologische Vorträge wie „The end of fiction“ halten, die erst später auf deutsch erscheinen) und die Parallelproduktion von Texten, die gegenseitig Einfluss aufeinander nehmen.

„Die Wirklichkeit, die nicht mehr erzählt werden kann, ist ersetzt worden durch den Mikrokosmos. Marbot, über den alle Quellen bekannt, weil erfunden sind.“

Ein besonderes Augenmerk legt Braese auf die Gattung der Biographie selbst, denn sie ist es, mit der sich Hildesheimer vor allem in seinem Spätwerk beschäftigt. „Mozart“ und „Marbot“ gehören noch heute zu seinen meist gelesenen Texten. Hildesheimer betreibe ein „Realismus-Spiel“ mit dem biographischen Genre.
Das tut Braese mit Verlaub nicht. Seine Hildesheimer-Biographie ist eine durch und durch wissenschaftliche Studie mit vielen Fußnoten und keine leichte Lektüre. Da Braese aber Grundlagenforschung betreibt und erstmals sämtliche Quellen zusammenführt, ist dies zu entschuldigen. Ohne Vorwissen und zumindest einer Grundkenntnis des Werks von Wolfgang Hildesheimer ist man in dieser Biographie verloren – bringt man jenes Wissen jedoch mit, verliert man sich in der detaillierten und minutiös recherchierten Studie eines Werks und eines Lebens, das zu den wichtigsten und interessantesten der deutschen Nachkriegsliteratur gehört.


Wir danken dem Wallstein Verlag für das Rezensionsexemplar.

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