Jérôme Ferraris „Ein Gott ein Tier“: Im Krieg mit sich selbst

Ferrari-Ein Gott ein Tier

Ein Mann kehrt zurück in sein Heimatdorf, irgendwo in der Peripherie Frankreichs. Nichts hat sich dort verändert, nur er selbst. Er kommt aus dem Ausland, nicht aber aus einer Großstadt, er kommt aus der Wüste, aus dem Krieg. Der namenlose Protagonist blickt in „Ein Mensch ein Tier“, dem erstmals 2009 veröffentlichten Kurzroman von Jérôme Ferrari, der nun in deutscher Übersetzung im Secession Verlag vorliegt, auf sein Leben zurück und stellt die existenzialistischen Fragen des Daseins.

All die unabänderlichen Gespenster deiner Vergangenheit sind anwesend, wie sie stets anwesend waren, aber erst jetzt, da sie dir entrissen sind, kannst du sie alle sehen und sie alle wiedererkennen.

Freiwillig ist der Mann, der im Zentrum des Erzählten steht, nicht in sein Heimatdorf zurückgekehrt. Nach einem Selbstmordanschlag am ‚checkpoint’, an dem er als Söldner in einem nicht weiter spezifizierten Konflikt irgendwo im Nahen Osten eingesetzt war, wird er verletzt nach Frankreich gebracht. In seinem Heimatdorf willkommen geheißen wird er ebenfalls nicht, denn er kommt allein. Jean-Do, seinen besten Freund seit Kindertagen, hat er im Krieg gelassen. Er und auch die anderen des Dorfes glauben, er trage die Schuld daran, denn er war es, der den eigentlich wegen „schwerer psychischer Instabilität“ ausgemusterten Freund auf die schiefe Bahn brachte.
Denn „Ein Gott ein Tier“ thematisiert nicht nur die Verheerungen, die die Konflikte unserer Epoche in unseren Persönlichkeiten anrichten, wie Dirk Fuhring in seiner Besprechung auf Deutschlandradio Kultur behauptet, es thematisiert auch die Lebensumstände einer Dorfjugend.

Die Episoden, die von der Jugend in dem Dorf ohne Namen, irgendwo in Frankreich, erzählen, sind trist. Nichts passiert in diesem zunächst zeitlos anmutenden Raum, der von Olivenhainen umgeben ist und in dem man Vögel jagen geht. Selbst der Militärdienst verspricht nur einen kurzen Ausweg. Nach dem zweijährigen Dienst besteht für den jungen Mann, der im Zentrum des Romans steht, keine Perspektive. Er wird nach Hause zurück geschickt, wo er – zusammen mit Jean-Do – als Türsteher arbeitet und schließlich drogenabhängig wird. Die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen führt zu Hass, Wut, Gewalt, „Frustration und Zorn“. Bevor beide vom Conti als Söldner in das Kriegsgebiet geholt werden, verprügeln sie regelmäßig wahllos die Gäste der Disko, bei der sie arbeiten.

Denn indem man dich aus der Welt verjagte, hat man dich von der Frustration und von deinem Zorn geheilt, die deinen Blick vernebelten, und deine Augen haben sich geöffnet.

Die einzige Hoffnung der Jugend des Söldners verkörpert Magali, die Jugendliebe des Protagonisten, die ihre Ferien auf dem Dorf verbrachte und in einer Stadt nach einem Studium der Arbeitspsychologie als Headhunterin arbeitet. Im Gegensatz zum archaisch anmutenden Leben des jungen Söldners ist Magalis Leben modern; sie reist zu Kongressen, surft im Internet auf Facebook und ist per Handy jederzeit erreichbar. Trotzdem ist auch sie als Headhunterin in gewisser Weise eine Art Söldnerin, wie Dirk Fuhring bereits erkannte, die sich im Krieg gegen ihre Kollegen befindet. ‚Life is competition’ oder die Wahlen zu den ‚besten Mitarbeitern des Jahres’ zeugen davon.

Magali ist es, an die sich der Mann nach seiner Rückkehr in einem Brief wendet, bei ihr sucht er nach Sinn: „ … und bist du auch von oben bis unten verwandelt und jenseits all dessen, was du ihr zu erklären vermagst, so ist sie jener Teil von dir, der heil geblieben ist. Vielleicht der einzige.“ Sie sehen sich wieder, doch die Liebe scheitert. Er verschwindet so plötzlich aus ihrem Leben, wie er es betreten hat.

Ich aber, ich weiß es.

Ebenso radikal wie das Erzählte ist die Erzählperspektive, die „Ein Gott ein Tier“ einnimmt: Erzählt wird nicht in dritter Person, sondern von einem Ich, das allwissend ist, selbst jedoch nur vereinzelt in Erscheinung tritt, und den Protagonisten als Du adressiert. Die Erzählinstanz kann als göttlich-allwissend interpretiert werden, aber auch als sich selbst adressierender, monologisierender Ich-Erzähler in einer Innenperspektive aus dem Jenseits, das zurückblickt. Dabei fokussiert er abwechselnd den jungen Mann und seine Jugendliebe Magali, in den Episoden ihres Zusammenseins beide gleichzeitig, in personaler Perspektive. Ferraris Text erinnert damit narratologisch stark an Ilse Aichingers „Spiegelgeschichte“ in der das Leben einer jungen Frau von ihrem Tod bis zu ihrer Geburt rückwärts gewandt, ebenfalls auf ein Du gerichtet, erzählt wird.

Nicht nur die Schilderungen der Peripherien des Dorfes und der Wüste sind archaisch, auch die mäandernden, langen Sätze haben epischen Charakter und wirken zeitweilig feierlich-überhöht, trotzdem aber nicht albern oder fehl am Platz.
Auf nur 110 Seiten erzählt „Ein Gott ein Tier“ die Geschichte eines Verfalls, in gewissem Sinn eine negative Bildungsgeschichte modernster Art. Einen sympathischen Protagonisten mit Identifikationspotenzial darf man sich nicht erwarten. Ferrari changiert gekonnt zwischen schockierender Gewalt im Erzählten und einer hoch poetischen Sprache im Erzählen, die dieses Buch nicht gerade zu einer leichten, aber durchaus lohnenswerten Lektüre machen.


Wir danken dem Secession Verlag für das Rezensionsexemplar.

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