Jiří Weils »Mendelssohn auf dem Dach«: Die entkernte Stadt

Die Liste der vergessenen europäischen Schriftsteller ist Legion. Dass sich der tschechische Schriftsteller Jiří Weil auf dieser Liste wiederfindet, hat sicherlich mit seinem widerständigen Geist zu tun, aber auch damit, dass er als jüdischer Schriftsteller im Realsozialismus unter ständiger Bedrohung stand. So passt es, dass im Nachwort zu »Mendelssohn auf dem Dach« die Anekdote erzählt wird, wie Klaus Wagenbach auf seinen Kafka-Recherchen nach Prag kam und Hilfe von einem netten unscheinbaren Herrn bekam, ohne damals zu wissen, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Später sollte sich rausstellen: Es war Jiří Weil. Folgerichtig bemüht sich der Wagenbach Verlag nun, Weil wieder ins kulturelle Gedächtnis zurückzubringen und publiziert mit »Mendelssohn auf dem Dach« einen vergessenen Roman über ein Prag unter nationalsozialistischer Besatzung.

Der literarische Schatz, den es um die Stadt Prag herum zu bergen gibt, ist reich – zuletzt tat das der homunculus Verlag mit Auguste Hauschners Der Tod des Löwen. Die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft über das sogenannte Protektorat Böhmen und Mähren ist jedoch auffälliger Weise eine geblieben, die vor allem filmischen Wiederklang fand. Filme wie Hangmen Also Die oder Hitler’s Madman widmen sich dem Attentat auf Reinhard Heydrich, der sich in den 40ern den Namen des »Henker von Prag« ermordete.

»Die Stadt ist bis zum letzten Stein deutsch.«

Mit Mendelssohn auf dem Dach liegt nun also ein literarisches Beispiel in glänzender Übersetzung vor, das ungewöhnlicher nicht sein könnte. Denn die Dramaturgie des Textes wird ganz und gar vom Ton bestimmt und weniger von den Ereignissen. Zwar spitzt sich am Ende auch auf der Handlungsebene das Schicksal der Protagonisten (und die dahinterliegenden historischen Kontexte) zu, dennoch ist vor allem auffällig, wie trotz der Thematik leichtfüßig der Roman beginnt und mit welcher existenziellen Schwere er den Leser wieder entlässt.

Schuld war sein Name.

Ausgangspunkt der Handlung ist ein kurioser Umstand: »Julius Schlesinger, Magistratsbeamter und Anwärter der SS, ohne Rang, traute sich nicht aufs Dach.« Weshalb soll Julius Schlesinger überhaupt aufs Dach? Weil sich auf dem Prager Rudolfinum eine Statue des deutschen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy steht, in dem in der Sicht der Nazis trotz christlicher Taufe immer noch zu viel Judentum steckte und sich deshalb nicht mehr gut an einem Gebäude macht, in dem im Zukunft nur noch Wagner und andere deutsche Musiküberwältiger gespielt werden sollen.

»Herr Chef, auf den Sockeln sind keine Inschriften. Wie sollen wir den Mendelssohn erkennen?«

Das Problem dabei: Weder Schlesinger, noch seine tschechischen Arbeiter wissen, wie dieser Mendelssohn Bartholdy eigentlich aussieht. Auch eine – wiederum im Sinne der nationalsozialistischen Denke – einfache Methode will nicht an ihr Ziel führen: »›Wer die größte Nase hat, ist der Jude.‹« Nachdem auch die Beteiligung der SS nicht recht funktionieren will, wird ein »jüdischer Experte« dazu geholt. Diese Farce, die das erste Drittel des Romans einnimmt, zeigt den ganzen konstruierten Wahnsinn der sogenannten Rassenreinheit der Nationalsozialisten und steht dem Rest des Romans parabelhaft vorangestellt.

Beim Wort Dresden zuckte er zusammen.

Denn dass dieser parodistische Ton nicht der Ton (obgleich Jiří Weil nie zum Pathos neigt) des Gesamtromans bleiben wird und kann, das deutet der Text bald an: »Es gehen Transporte in die Festungsstadt und von dort aus weiter, nach Osten […]« Anfang der Vierziger wird das KZ Theresienstadt als Lager und als Station zu den Vernichtungslagern im Osten eingerichtet, was der Roman mehr und mehr thematisiert. Das tut er einmal auf der Ebene der Opfer, die verhaftet und abtransportiert werden und auf der Ebene der Täter, die allerdings im Roman weniger als brutale Schlächter vorkommen, sondern als grausame Bürokraten: »Die Tür des Judenzimmers führte zu den Amtsräumen der niederen Mitarbeiter, der Leichenbeschauer und der Finanzfachleute.«

Es tat nichts zur Sache, daß die Stadt stumm und unterjocht war, besiegen konnte diese Stadt niemand […]

Mendelssohn auf dem Dach setzt sich mit der nationalsozialistischen Herrschaft nicht nur in seinen konkreten Gewaltausbrüchen auseinander, sondern blickt dahin, wo die Maschinenpistole gegen den Stift, das Lager gegen das Büro getauscht wurde: »Nachdem die Feinde in Nummern verwandelt worden sind, müssen die Zahlen in Diagramme verwandelt werden, zuerst steigen die Kurven der Diagramme stetig und unaufhörlich, dann sinken sie, wiederum stetig, sie sinken sauber und ordentlich bis die Zahlen schwinden, verschwinden, sich in nichts auflösen.«

»Wenn wir, statt die Zeche zu zahlen, dem Wirt eins in die Fresse hauen, macht er eine Verbeugung.«

Was daraus folgt, ist nicht nur der Verlust zu vieler Menschenleben, sondern auch der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, wo sich wieder der Kreis zur Mendelssohn Bertholdy-Statue schließt. Denn in ihrem Versuch, Prag als deutsche Stadt zu erhalten, unterschlagen die Nationalsozialisten, dass das tschechisch-böhmisch-christlich-jüdische Prag immer schon das Produkt der verschiedenster kultureller Einflüsse war. Das Phantasma eines deutschen Prags wäre am Ende nichts anderes als ein Museum einer fiktiven Vergangenheit. Stellvertretend dazu ist Gréta (die mit ihrer Schwester Adéla) am Ende des Romans ihren Nazi-Drangsaleuren auch nicht mehr auskunftsfähig: »›Ich kann mich an nichts erinnern‹, versicherte Gréta, ›ich habe kein Gedächtnis.‹«.

Das Wasser ist rein, aber die Menschen verschmutzen es.

Mit Jiří Weils Mendelssohn auf dem Dach tritt ein Roman auf die deutschsprachige Bühne, den man gar nicht genug schätzen kann: Nicht nur, dass der Text von einem bitterem Humor durchzogen ist, wie man ihn selten liest, auch liest man selten so viel übers Vergessen, bei dem gleichzeitig so viel vorm Vergessen gerettet wird.


Wir danken Wagenbach für das Rezensionsexemplar.