Jochen Schmidts „Zuckersand“: Es grönemeyert

Zuckersand

Kindermund tut Wahrheit kund, Kinder sind unsere Zukunft, Kinder an die Macht – die deutsche Sprache ist wahrlich voll von Floskeln über Kinder. Auch in die entgegengesetzte Richtung: Kinder können so grausam sein! Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, doch wer würde schon jenen widersprechen wollen, die das Kindsein zu einem paradiesischen Zustand unverfälschter Wahrheit hochstilisieren, schließlich ist die Kulturgeschichte reich an kinderhassenden Schreckensfiguren. Das Kind in sich zu bewahren ist mittlerweile das Lebensziel einer ganzen Generation geworden. Die Großstädte sind voll von Mittdreißigern, die im erarbeiteten Wohlstand der Babyboomer-Generation großgeworden sind und in Sorglosigkeit die eigene Jugend verlängern. Das mag noch niemanden zum Vorwurf erwachsen, doch die lebensklügsten Zeitgenossen erwachsen aus solch einem Milieu nicht. Für diese Generation hat Jochen Schmidt nun den Roman „Zuckersand“ geschrieben, der sich anstatt für Erzählkunst für gegrönemeyerte Aphorismen entscheidet.

Karl ist zwei Jahre alt und Karl ist neugierig. Seine Welt, das ist die elterliche Wohnung und der Bezirk (natürlich irgendwo zwischen Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg). Mutter Karla (hierin deutet sich schon eine Umkehrung der Machtverhältnisse an, der Sohn bekommt den Namen der Mutter) arbeitet in der Denkmalschutzbehörde. Der Vater, Ich-Erzähler, ist der moderne Typ: Er bleibt zuhause, sorgt sich um das Kind und ist sich auch nicht zu fein dafür, Kommandos von Karla anzunehmen. Was man nun für eine Exposition halten könnte, ist im Grunde auch schon das Ganze: „Zuckersand“ erzählt nicht viel, „Zuckersand“ beobachtet. Der väterliche Ich-Erzähler beobachtet seinen Sohn und der Leser beobachtet die Beobachtungen des Vaters.

Solches Wissen brachte einem bei Gleichaltrigen nur Unglauben und Ablehnung ein.

Denn wie es der Schutzumschlag des Buches schon ankündigt, soll es in Schmidts Roman, der die Gattungsbezeichnung „Roman“, wie viele andere auch, nur wegen der besseren Verkäuflichkeit trägt,  um die Wahrnehmung des Kindes gehen. Der zweijährige Karl entdeckt die Welt mit großen Kulleraugen und sieht jede Faser der Welt verwandelt. Der schnöde Bezirk wird zum Abenteuerspielplatz, der Gang nach draußen zur Safari. Dahinter steckt natürlich die schriftstellerische Sehnsuchtsvorstellung, die Welt noch mal neu wahrnehmen zu können, sich denen Dingen mit Unvoreingenommenheit zu nähern. Karl ist das Wesen, das als neuer Mensch in die Welt stolpert und das Privileg erhält, ohne Vorkenntnisse den Dingen auf die Schliche kommen zu können.

Als Schüler hatte ich auf Kindergeburtstagen die Gelegenheit genutzt, mir von meinen Mitschülern Zähne zu klauen, die jeder in irgendwelchen Döschen und Schachteln aufhob, um mir zu Hause mit Knete ein Klassgengebiß daraus zu basteln.

So viel Freude an der Wahrnehmung löst im väterlichen Ich-Erzähler Rührung, aber auch Neid aus, denn narzisstisch wie der Mensch nun mal ist, erkennt er in seinem Sohn nicht nur seinen Sohn, sondern auch eine frühere Version seiner selbst. Der Mann ist alt geworden, zugänglich ist die naive Seele des kindlichen Selbst nur noch über Zeugnisse: „Manchmal lese ich ein Buch ein zweites Mal und wundere mich über meine alten Anstreichungen, die mir etwas über ein fernes, abgelegtes Ich erzählen.“ Trauer macht sich im Ich-Erzähler darüber breit, was einem da verlustig geht, wenn man die Schwelle ins Erwachsensein überschreitet: „Was passiert mit der Freude, wir als Kind an so etwas haben? Wogegen tauschen wir sie ein, wenn wir groß werden? Oder bekommen wir gar nichts als Ersatz?“

Ich brauche länger als geplant für diesen Bericht, weil Karl mit einem solchen Vergnügen auf die Tastatur eingedroschen hat […]

Stattdessen wartet das triste Erwachsenenleben auf den Ich-Erzähler, mit einer Frau, die ihm nicht viel zutraut („Aber sie sagte, daß ich ja sowieso jedesmal etwas vergessen würde.“) und seine kleinen Spielchen, um den Alltag interessanter zu machen, nicht richtig lustig findet. Und als Leser von Jochen Schmidts „Zuckersand“ kann man nur sagen: Recht hat sie! Der Ich-Erzähler krankt an den gleichen Problemen wie dieser Roman. Er hat ein simples Weltbild, ist viel zu harmlos und begnügt sich mit lauwarmen Kalauern: „Wäre mein Gehirn ein Tier, würden selbst die Chinesen es nicht essen.“

Ich lernte auch, daß alle Menschen Frühgeburten sind. Wir müßten eigentlich 20 Monate im Bauch der Mutter bleiben, aber dann wäre unser Schädel zu groß für das Becken, weshalb wir die Welt hilflos betreten und weshalb es überhaupt nur Paarbeziehungen gibt.

Anstatt dass „Zuckersand“ mit den geschärften Waffen der Satire dem neuen Mief der Jungerwachsenen auf den Leib rückt, setzt der Roman das gleiche friedfertige Gesicht auf. Sein Versuch, den Wahrnehmungsapparat noch mal auf null zu stellen, resultiert in quälender Banalität: „Das Salz hat mehr Löcher, um aus dem Streuer zu rieseln, der Pfeffer nur eines, so behält man den Überblick, manchmal bilden die Löcher aber auch die Buchstaben S und P, damit man sich nicht verwürzt.“ Dahinter steckt die naive Vorstellung, in dem Gesagten eines Kindes würde von vornherein eine tiefere Weisheit stecken, die es nur gilt wieder herauszuarbeiten. Dabei weiß jeder, der einem Kind für längere Zeit zuhört, wie viel Stuss sie auch reden können. Vielleicht liegt darin auch die eigentliche kindliche Freiheit – so viel Unsinn reden zu dürfen, wie man will, ohne sich mit den Konsequenzen auseinandersetzen zu müssen.

Wenn Klara nicht da war, wurde mir manchmal bewußt, daß ich seit Jahren alles mit ihr gemeinsam erlebt hatte.

Anstatt also Kindern die Rolle der Weisheitsfindung aufzubürden, sollte sich die Literatur vielleicht reflektierten Wahrnehmungsformen verschreiben. Denn wie heißt es schon bei Herbert Grönemeyer? „Gebt den Kindern das Kommando / sie berechnen nicht / was sie tun“ Literatur liest man dann jedoch schon eher von Leuten, die wissen was sie tun.


Wir danken dem C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

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