Jörg Magenaus „Martin Walser“: „Was ihm zustößt, beantwortet er mit Literatur.“

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Walter Jens, Siegfried Lenz, Günter Grass oder Marcel Reich-Ranicki – mit dem Tod der großen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit scheint endgültig eine Literaturepoche zu enden, die die BRD wie keine andere geprägt hat. Mit Hans Magnus Enzensberger und Martin Walser sind der Literatur nur noch zwei zentrale Gestalten dieser Zeit und der wichtigen Gruppe 47 verblieben. Während Enzensberger immer mal wieder von sich reden macht, wenn er zum Beispiel in der FAZ empfiehlt, das Smartphone wegzuwerfen, hat sich Martin Walser, seit dem Eklat um seine Rede in der Frankfurter Paulskirche, weitgehend ins Private zurückgezogen. Das scheint verständlich, denn Walser focht seine Konflikte im Rampenlicht aus. Der Autor vom Bodensee war in der öffentlichen Wahrnehmung erst als Kommunist, dann als Antisemit verschrien, womit ihn die zwei schwersten Vorwürfe trafen, die in Deutschland überhaupt erhoben werden können. Deswegen lässt sich an seinem Leben auch eine Geschichte der Bundesrepublik im pars pro toto erzählen, denn Martin Walser war ein ständiger Begleiter der großen Konfliktlinien dieses Landes.

Jörg Magenau machte zuletzt mit seiner kleinen Geschichte des Treffens der Gruppe 47 in Princeton von sich Reden, der freie Journalist ist der Intimus des kulturellen Betriebs im Nachkriegsdeutschland, in Ost und West. 2005 erschien seine Biographie Martin Walsers zum ersten Mal, 2008 in einer aktualisierten Fassung. Bis heute ist es die einzige umfassende Biographie des Schriftstellers. Das verwundert nicht, schließlich ist Walser ein immer noch sehr produktiver Literat, dessen Werk im Fluss ist. Doch da das Leben des Wasserburgers Stoff für einen ganzen Biographie-Zyklus bereithalten würde, ist Magenaus Text ein wichtiger Beitrag zu dessen Rezeption, die – wie man es von ihm gewohnt ist – extrem kenntnisreich, thesenstark ist und vor allem, und das ist selten, über eine eigene literarische Qualität verfügt.

Einer, der auf den Fortschritt setzt, ist immer zu früh geboren.

Der Text hält sich streng an die Chronologie der Ereignisse in Martin Walsers Leben und gibt einen Überblick der wichtigsten Stationen des Deutschen: Die Jugend im bayrischen Wasserburg am Bodensee im katholisch geprägten Elternhaus, der Zweite Weltkrieg, den Walser aus Pflichtgefühl als Soldat zu Ende gehen sieht, das Studium in Regensburg und Tübingen. Als jemand, der in einer verschlafenen Kleinstadt aufgewachsen ist, ist das Heranwachsen von Differenzerfahrungen geprägt. Die Welt konnte immer nur noch größer werden und Magenau beschreibt den Schriftsteller als jemanden, der ein feines Sensorium für den Habitus der Großstädter hat. So war eine erste Erfahrung nicht dazuzugehören. Walsers literarische Erweckung hatte viel mit Franz Kafka zu tun, über den er später auch promovieren sollte. Das kann man nicht hoch genug bewerten, schließlich war mit dem Nationalsozialismus jede Verbindung zu der Literaturtradition Kafkas abgebrochen. Die Deutschen mussten ihn erst mal wiederentdecken. Bei Kafka sollte Walser viel für sein eigenes Schreiben lernen, so sind seine ersten Texte noch stark von ihm inspiriert.

Mißerfolg macht empfindlich. Empfindlichkeit aber ist das wichtigste Kapital des Schriftstellers. Er hatte also gute Voraussetzungen.

Die Lektüre Magenaus Text ist vor allem deswegen ein Gewinn, weil er ein Licht auf den unbekannten Walser wirft. Beispielsweise den Walser, der seine ersten kreativen Gehversuche, wie viele seiner Zunft, in den mäzenatischen Strukturen des Süddeutschen Rundfunks macht. In Magenaus Beschreibung ist die frisch gegründete Rundfunkanstalt ein El Dorado der künstlerischen Avantgarde, noch nicht vom Parteiproporz heutiger Tage lahmgelegt und prinzipiell offen für alle – mit ein bisschen Glück. Walser konnte sich ausprobieren und tat das auch eifrig, bis irgendwann der schriftstellerische Ehrgeiz zu groß wurde und die teilweise seichten, teilweise zu journalistischen Formate ihn nur noch zu hindern schienen.

Das Problembewusstsein für die sozialen Verhältnisse, die er für Reportagen hautnah erkundete, verlor Walser nie. So geht auch auf sein Hinwirken die Gründung des VS (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller) zurück. Während am Anfang des 20. Jahrhunderts Vereinigung wie der P.E.N.-Club für die literarische Freiheit unter totalitären System kämpfte, heißt im Wirtschaftswunderland BRD die Aufgabe, den Schriftsteller in die Absicherungssysteme der sozialen Marktwirtschaft zu integrieren und seine Stellung gegenüber den Verlagen zu stärken. Die soziale Verfasstheit der Bundesrepublik ließ nicht mehr viel Raum für die falsche Romantik des ständig vom Ruin bedrohten Autors. Er ging entweder in den Arbeitskampf oder zum Arbeitsamt. Martin Walser war immer mit den wichtigen Institutionen verquickt, weswegen Magenau eigentlich eine Geschichte der BRD unter dem Gewand einer Walser-Biographie schreibt.

Martin Walser ist bekannt als Vervielfältigungstalent. Er schreibt seine Romane, um sich darin zu verstecken.

Auch Walsers Rolle im Suhrkamp-Verlag räumt Magenau viel Raum ein. Unseld war einer der frühen Fürsprecher des Autors – er begleitete ihn zu den frühen Treffen der Gruppe 47 -, doch bis Walser schließlich bei Suhrkamp unterkam, brauchte es einige Anläufe, bis der skeptische Peter Suhrkamp schließlich überzeugt war. Über die Jahre wuchs Martin Walser über die Rolle des vom Verlag vertretenden Autors hinaus. Auf einem mittlerweile ikonographisch gewordenen Foto sieht man Unseld zusammen mit Walser, Uwe Johnson, Hans Magnus Enzensberger und anderen am Tisch in Wasserburg sitzen und die Edition Suhrkamp aus der Taufe heben. Walser war an strategischen Entscheidungen beteiligt und Mediator, wenn mal wieder einer der eigensinnigen Großschriftsteller aus der Reihe tanzte. Umso schwerwiegender erscheint im Nachhinein die Entscheidung, den Verlag 2004 zu verlassen. Magenau beschreibt wie das Verhältnis zu Unseld in der Endphase immer belasteter war, unter anderem – ähnlich wie bei einem Thomas Bernhard – durch publizistische Ausflüge Walsers zu anderen Verlagen. Doch den endgültigen Bruch führt Jörg Magenau auf eine persönliche Animosität zwischen dem Autor und Ulla Berkéwicz zurück und dem Umstand, dass Unseld irgendwann zu krank war, um die Wogen zu glätten.

Walser aber sagt: Es gibt kein Scheitern. Daß einer gescheitert sei, behaupten immer nur die anderen.

Doch in all seinem Kenntnisreichtum und Gespür für die gesellschaftlichen Implikationen des Lebensweges hat Magenaus Walser-Biographie seine fundamentalen Schwächen. Der Text ist darum bemüht, festgeschriebene Urteile mit argumentativen Gegengewichten zu behängen, verliert dabei um das ein oder andere Mal die Ausgeglichenheit aus dem Auge: der Biograph wird zum Anwalt. So ist natürlich der Eklat um Walsers „Tod eines Kritikers“ Thema, das Magenau als eine der ersten medialen Treibjagden beschreibt, rund zehn Jahre vor der Wulff-Affäre. Dem Autor ist damals, sehr prominent von Schirrmacher in der FAZ, vorgeworfen worden, in Form eines Schlüsselromans die Mordphantasie an Marcel Reich-Ranicki auszuleben und dabei mit antisemitischen Klischees zu bespielen. Um den Roman zu rehabilitieren, rettet Magenau sich auf die Metaebene: „Das Buch ist nicht antisemitisch, sondern handelt davon, wie Antisemitismus zum Medienthema wird.“ Ähnliche Verrenkungen vollführt er, wenn es um Walsers Rede in der Paulskirche geht. Zwar ist es Magenau anzurechnen, dass er versucht, Diskussionsräume wieder zu öffnen, er könnte jedoch seinem Gegenstand durchaus kritischer gegenüberstehen. „Princeton 66“ war deshalb ein so großer Wurf, weil er sich mit wohlmeinender Ironie den Protagonisten der Gruppe 47 genähert und sie in ihrer Inszenierung entlarvte, ohne sie bloßzustellen. In seiner Walser-Biographie ist es zu häufig die kniende Adjutantenstellung, die er gegenüber seinem Beobachtungsobjekt einnimmt. Vielleicht ist Magenau mit „Princeton 66“ auf einem Höhepunkt seiner beachtlichen Fähigkeiten angelangt, die hier immer wieder aufblitzen und die Lektüre insgesamt zu einer erhellenden Freude machen.

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