Jörg Späters „Siegfried Kracauer“: Ein vergessener Mann

kracauer

In dem Moment als die Literaturwissenschaft die weibliche Literatur der Weimarer Republik und ihre Protagonistinnen wie Irmgard Keun, Vicky Baum oder Marieluise Fleißer wiederentdeckte, entdeckte sie auch Siegfried Kracauer für sich neu. Er hatte den zentralen Text zu dem Milieu geschrieben, das die Autorinnen immer wieder beschrieben: die Angestellten. Dass Kracauer überhaupt wiederentdeckt werden muss, scheint befremdlich. Doch Kracauer war ein höchstintelligenter Hansdampf in allen Gassen, was für die Rezeption immer eine Schwierigkeit darstellt. Wer fühlt sich für ihn zuständig? Die Literaturwissenschaften? Die Filmwissenschaften? Die Soziologie? Kracauer bespielte alle diese Felder, meist immer mit Bravour. Diesem „vergessenen Mann“, wie er sich selbst bezeichnen sollte, widmet Jörg Später nun die erste umfassende Biographie und gibt einen Eindruck von einem Epochenumbruch und einem, der diesen wie kaum ein anderer zu beschreiben wusste.

Dass sich bislang niemand an einer Biographie versucht hat, führt Später genau auf jene Zuständigkeitsfrage zurück: „Wahrscheinlich erklärt sich das Fehlen einer Biographie so, dass Biographien über Schriftsteller von Literaturwissenschaftlern geschrieben werden, Biographien über Sozialphilosophen von Soziologen und Philosophen und Biographien über Filmschaffende von Filmwissenschaftlern. Kracauer gehörte aber keiner wissenschaftlichen Disziplin an und fällt damit sozusagen durch das Zuständigkeitsraster.“ Vielleicht ist es deshalb nur folgerichtig, dass Später in erster Linie Historiker ist und damit aus einem Fach kommt, zu dem Kracauer freilich einen Bezug, aber keine direkte Verbindung hatte. Wenn sich keiner zuständig fühlt, macht es halt der Historiker.

Er wirkt nicht wie ein führender Kopf der Literaturszene in der Weimarer Republik, sondern fast wie jemand, den man in einen Anzug gesteckt hat.

Das heißt jedoch nicht, dass Später in seiner Kracauer-Biographie sich auf eine historische Darstellung beschränkt. Eins ums andere Mal beweist der Text, dass der Autor in den vielen Diskussionen, in die sich Kracauer über die Jahrzehnte eingeschaltete, mitreden kann. Dennoch bleibt die Persönlichkeit Kracauer natürlich auch eine Abfolge von Daten und Ereignissen und das erste Datum ist direkt mit einer süßbitteren Pointe verbunden: „Siegfried Kracauer wurde am 8. Februar 1889 geboren im selben Jahr wie Charlie Chaplin und Adolf Hitler, zwei Figuren, die sein Leben beeinflussen sollten.“ Es ließe sich noch zugespitzter sagen: Chaplin und Hitler sind für Kracauer die zwei zentralen Gestalten der Moderne bzw. die jeweilige Kehrseite der Moderne.

Denn Siegfried Kracauer war ein wenig sonderbar und leistete sich den einen oder anderen Spleen – zum Beispiel, dass niemand wissen sollte, wie alt er ist.

Der junge Kracauer wuchs im Frankfurt am Main der Vorkriegszeit auf. Frankfurt war damals das oder zumindest eins der wichtigsten Zentren des deutschen Judentums. Insofern war Kracauers Position als Jude in Deutschland immer noch marginalisiert, aber die jüdische Bevölkerung gehörte zum Frankfurter Alltag. Dennoch stach Kracauer hervor: „Als fremdländisch negroid wurde seine Physiognomie oft empfunden, vor allem wegen der großen platten Nase und den dunklen Augen.“ Eine gewisse Sonderstellung sollte er für sein Leben lang behalten, so richtig gehörte er nirgendwo dazu. Schon gar nicht war er für das Architekturstudium geboren, das seine erste akademische Lebensstation war. Schon bald hörte er lieber die Vorlesungen Georg Simmels als über Bauplänen und Stilkunde zu brüten.

Die Soziologie war eine Wissenschaft, die mit der sogenannten Moderne verschwistert war.

Seine Vielseitigkeit, so beschreibt es Später, war schon früh angelegt. Bereits in Frankfurt feierte Kracauer erste Erfolge im Feuilleton, damals bei der wichtigen „Frankfurter Zeitung“. Gleichzeitig erlebte er die ersten Gehversuche einer modernen Soziologie am Frankfurter Institut für Sozialforschung, wo er auch Adorno kennenlernte. Der dritte wichtige Einfluss ist der Kreis um den Frankfurter Rabbiner Nehemia Anton Nobel, der das Freie Jüdische Lehrhaus zu einem Reflexionsort über das Judentum in der Moderne machte und Persönlichkeiten wie Martin Buber anzog. Auch wenn die theoretische Auseinandersetzung mit dem Judentum in den späteren Jahren zurücktreten sollte, sah er sich wie viele andere seiner Freunde und Bekannten bald schon gezwungen sich ganz praktisch damit zu beschäftigen, als seine Schriften eine der ersten waren, die von den Nationalsozialisten dem Feuer geopfert wurden.

Das Großstadtleben war temporeich wie die sich bewegenden Bilder auf der Leinwand; der Großstadtmensch war ein Zuschauer.

Doch bevor es dazu kommen sollte, standen die Berliner Jahre Kracauers an. In dieser Zeit sollte er Bekanntschaften schließen, die das kulturelle Deutschlands maßgeblich prägten und für ihn zu richtigen Lebenslinien wurden. Später beschreibt es als Peer-Group oder philosophisches Quartett, man mag auch sagen: Deutschlands erste Boy-Group. Sie bestand aus Ernst Bloch, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin und eben Kracauer. Jörg Später vermag es glänzend zu beschreiben, wie man an einzelnen Konstellationen, wer gerade mit wem besonders eng befreundet oder besonders hart zerstritten ist, ablesen kann, wie es um das gesellschaftliche Klima in Deutschland oder innerhalb der deutschsprachigen Exilantencommunity bestellt war.

Dass am Ende der Sozialismus siegen werde, dachte niemand mehr – außer Bloch. Der melancholische Benjamin glaubte zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal an den Fortbestand der Freundschaft.

Dass es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen den Vieren kam, ist natürlich auf grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zurückzuführen, aber auch auf eine besondere Mediensituation in der Weimarer Republik: „Das gegenseitige Rezensieren und Protegieren zeigt an, wie sehr in der Weimarer Zeit das Rezensionsgeschäft von Seilschaften dominiert war, Kracauer bedauerte dies: ‚Dilettantische Willkür, Cliquenwirtschaft und unsachliche Interessen beherrschen das Feld.‘“ Die Vier beschafften sich gegenseitig Zeitungsaufträge, nur um sich dann untereinander über die Rezension des jeweilig anderen zu zerstreiten. Doch so putzig das auch klingen mag, inhaltlich ging es dabei häufig ordentlich zu Sache, wie in einem jahrlangen Streit zwischen Adorno und Bloch über Blochs Haltung zum Stalinismus.

Man könnte sagen: In Kracauer tobte der Kampf zwischen den eher staatsmännischen politischen Anschauungen seiner Lehrer Simmel, Scheler und Max Weber und den utopistisch-sozialistischen Entwürfen ihrer Schüler Susman, Bloch und Lukács.

Kracauer war mit allen vieren, wenn nicht befreundet, dann mindestens intellektuell vertraut, Adorno blieb jedoch der wichtigste Protagonist dieser Viererbande, besonders nach dem Tod Benjamins 1940. Später beschreibt jedoch, wie das Verhältnis zunehmend ins Ungleichgewicht geriet, da Kracauer immer wieder von Niedergeschlagenheit und einem anwachsenden Verfolgungswahn geplagt wurde. Aus einem Freund wurde ein Protegé.

Nur in einer Sache zeigte sich Kracauer konsequenter als Bloch und Adorno (Benjamin erlebte das Kriegsende nicht mehr) – in seinem Verhältnis zu Deutschland: „Deutschland hingegen war kein Sehnsuchtsort. Die Heimat war verloren.“ Anders als vielen anderen Exilanten fühlte sich Kracauer direkt in seiner neuen Heimat New York wohl und konnte sich auch nach dem Krieg nicht vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren. Bei jemanden wie Kracauer, der ein feines Sensorium für die Moderne hatte, mag es einen jedoch nicht verwundern, dass er sich in der modernsten Stadt der Welt direkt angekommen fühlte.

In den Straßen der Metropolen lief Kracauer wie im Rausch herum.

Schließlich starb Kracauer im Jahr 1966 in New York. Seine finanzielle Situation entspannte sich zuletzt, vor allem weil der Suhrkamp Verlag begann, seine Schriften ins Programm zu nehmen, auch dank seines immer noch treuen Begleiters Adorno. Dass es lange brauchte, bis er in der neuen Welt auf die Füße kam, erklärte er einmal so: „Mein Pech ist, daß ich zu bekannt bin, als daß jemand auf den Gedanken käme, mir einen untergeordneten Job anzubieten, und noch nicht berühmt genug, um die eigentlich interessanten Angebote zu bekommen. Ich sitze dazwischen.“ Nicht nur finanziell hat Kracauer ein Leben im Dazwischen geführt und Jörg Später ist ein kundiger Archäologe dieser Zwischenräume. Eine glänzende Biographie!


Wir danken dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

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