Jonas Lüschers „Kraft“: Akademische Kraftmeierei

Lüscher_Kraft

Jonas Lüschers literarische Karriere ist die Geschichte einer Prokrastination. Eigentlich sollte der Schweizer schon längst seine Dissertation zur narrativen Bewältigung von sozialer und philosophischer Komplexität geschrieben haben. Vielleicht ist es nur folgerichtig, dass er sich im Laufe seiner akademischen Tätigkeit dafür entschieden hat, Dissertation Dissertation sein zu lassen und die literarische Durchführung gleich selbst erprobt hat. Mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ hat Lüscher dann ganz einfach die gesellschaftliche Komplexität in die Literatur gebracht und eine kluge Arabeske über die Finanzkrise geschrieben. Vier Jahre später ist die Dissertation immer noch nicht fertig, dafür sein erster Roman. „Kraft“ heißt er und irrlichtert um das Thema Liberalismus in Zeiten von Transhumanismus und Silicon Valley. In diesem Fall ist es leider mehr wissenschaftliche Arbeit, weniger Literatur geworden.

„Weshalb alles, was ist, gut ist und weshalb wir es dennoch verbessern können.“ – So lautet die Frage eines Wettbewerbs, für dessen Gewinner ein finanzschwerer Silicon Valley-Magnat die stolze Summe von einer Millionen Dollar ausgeschrieben hat. Richard Kraft, Protagonist des Romans und Dozent für Rhetorik in Tübingen, ist im Gegensatz zu dem Geschäftsmann wirtschaftlich ausgebrannt, hat Ex-Frauen und Kinder und könnte das Geld gut gebrauchen. Für ihn und den Roman Anlass, eine alte Diskussion wieder aufzuwärmen: die der Theodizee. Die Frage danach, wie das Leid in der Welt im Angesicht der Existenz eines allmächtigen Gottes zu erklären sei und weshalb wir trotzdem in der besten aller möglichen Welten leben, hat in den Jahrhunderten die größten aller Philosophen beschäftigt, jüngst hat der Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl den Begriff der „Oikodizee“ geprägt und versucht zu beschreiben, wie in der Wirtschaftswissenschaft die Vorstellung herrscht, der Markt sei ein sich selbst regulierendes Wesen, das am Ende immer nur Gutes produziert. An dieser Schnittstelle setzt Lüschers „Kraft“ ein und begibt sich in die Welt des Silicon Valleys und eines untergegangenen, bürgerlichen Liberalismus.

Kraft ist nur mit seiner Verachtung allein.

„Kraft“ ist immer dann überzeugend, wenn er in die Vergangenheit seines Protagonisten zurückschaut. Anhand Richards früher Unikarriere wird eine verspätete 68er-Geschichte unter anderen Vorzeichen erzählt. Anstatt sich in Maoistischen Zirkeln umzutun oder Marx-Lesekreise zu organisieren, sind die Hausgötter Richard Krafts Margaret Thatcher und Otto Graf Lambsdorff. Das provoziert das eher linksgerichtete Studentenmilieu: „Sie hatten sich vorgestellt, man werde sich auf sie stürzen, waren sie doch an der Universität als glühende Verfechter einer ultraliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik nach angelsächsischen Vorbild wohlbekannt […].“ Seine zentrale Bezugsperson ist in dieser Zeit Freund István, einem Ungar, der vor dem kommunistischen Regime in den Westen geflüchtet ist. An seinem Schicksal wird deutlich, wie es in Europa eine Zeit gab, in der der Liberalismus noch ein Versprechen auf Freiheit und Selbstbestimmung in sich barg.

Im Grunde seines Herzens, so sagte er sich, war ja ein Anarchist, ein Punk, aber hygienischer und mit besserem Geschmack und guten Manieren.

Gleichzeitig sind die Achtziger für Lüscher auch jene, in der sich der Liberalismus zum letzten Mal aufbäumt. Mit Ronald Reagan betritt ein Idol beider die internationale politische Bühne und im Bundestag stürzt die CDU mit Hilfe der FDP die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt. Bei Lüscher kommt dieses politische Narrenstück noch mal zu literarischen Ehren, ohne dass der Autor eine Form findet, die diese Episode für die Narration wirklich rechtfertigt. Das wirkt wie in einem schnellen Feuilletonstück zusammengeschrieben, Wegwerfprosa, aber nichts für einen Roman: „Sicherlich, in ihrer Überheblichkeit nahmen sich die beiden Männer nichts, aber während Barzels Überheblichkeit etwas Rohes anhaftete, wirkte Schmidt, als stünde ihm die seine zu.“ Der Erkenntnisgehalt tendiert gegen null, die Darstellungsleistung ist bestenfalls unauffällig.

Nicht, dass Kraft keine Erfahrung mit Texten gehabt hätte, in denen die seltsamsten Ideen aus der Geistesgeschichte mit den krudesten weltanschaulichen Überzeugungen legitimiert wurden.

In der Gegenwart der erzählten Zeit wieder angekommen, kämpft Kraft mit sich und der kalten Welt des Silicon Valleys, die er von seinem Meditationsort, der Stanford University, aus wahrnimmt. In der Tradition der philosophischen Aufklärung geschult ist der Akademiker in dieser neuen digitalen Welt intellektuell obdachlos geworden. Dargestellt wird daher auch kaum Handlung, sondern vor allem Diskussionen und Denkvorgänge. In einer Mischung aus Essay und Thomas Mannschem Bildungsroman kreist „Kraft“ um das Thema der Theodizee und inwieweit das Irrationale fester Bestandteil des Silicon Valley-Kults ist. Da der Autor seine abgebrochene akademische Karriere selbst immer wieder in den Vordergrund rückt, muss er sich nun den Vorwurf gefallen lassen, dass sich „Kraft“ wie ein Zettelkasten in Vorbereitung auf die ausbleibende Dissertation liest.

Durchfall statt Kopfschuss, das ist keine Option.

Jonas Lüschers Roman „Kraft“ ist nicht arm an relevanten Themen. Den Untergang des Liberalismus gerade an dem Ort zu inszenieren, der für sich beansprucht, gerade auch im Angesicht der Trumpschen Verwüstungen Zentrum der Liberalen zu sein, ist eine erfrischende Perspektive auf das berühmteste Tal der Welt: „Unter ihm flimmernd die Lichter des Silicon Valleys. In der Ferne verliert sich San Francisco im Nebel.“ Dass ein Liberalismus ohne aufgeklärtes Bürgertum zu einer ausbeuterischen Ideologie der Großkonzerne wird, macht Lüscher deutlich. Rückendeckung erhält er dabei von den vielen Zitaten, von Leibniz bis zu den Freiburger Thesen der FDP. Doch ein spannender Gedanke macht noch keinen guten Roman. Neben manch starken Passagen liest sich vieles von Lüscher wie angelesen und reingeschmuddelt. Nie traf das alte Leitwort „Show, don’t tell“ mehr zu.


Wir danken dem C.H. Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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