Jonathan Franzen: Information und Wahrheit

Purity

Die Antwort auf die Frage, wie viel Transparenz wir unserer Gesellschaft zumuten können und wollen, wird unser Zusammenleben am entscheidendsten verändern. Diese Antwort zu finden gestaltet sich jedoch kompliziert, denn die Forderung nach Transparenz wird von allen Seiten gestellt und häufig falsch verstanden. Während der Staatsbürger ein Interesse am transparenten Staat hat, sind die staatlichen Geheimdienste dabei, den transparenten Bürger zu schaffen. Großkonzerne wie Google oder Facebook sind da längst weiter, sie haben die neue Ware „Information“ zu ihrem Geschäftsmodell gemacht. Doch ein allzu simples Verständnis von Transparenz kann auch zu Fehlschlüssen führen: Muss ein funktionsfähiger Staat und seine Sicherheitsdienste nicht auch Geheimnisträger sein können, um seine Bevölkerung effektiv zu schützen? Wer hat ein Anrecht auf Transparenz? Der Bürger? Die Parlamentsausschüsse?

Das wachsende Misstrauen gegenüber den Geheimdiensten hat ein in der Form bislang unbekanntes Phänomen hervorgebracht – jenes der Whistleblower und Leaker. Sie sind Renegaten, ehemalige Geheimnisträger und investigative Journalisten, die geheime Informationen gezielt in die Öffentlichkeit bringen, um auf verborgene Missstände aufmerksam zu machen. Allerdings schafft die neue Offenbarungsstrategie auch neue Transparenzprobleme. Die teilweise tausende an Seiten umfassenden Datenleaks können nur bedingt durch einen redaktionellen Prozess gehen. Sie selbst treffen die Entscheidung, welche enthüllten Informationen möglicherweise Leben in Gefahr bringen können. Mit dieser forcierten Öffentlichkeit des Nichtöffentlichen wird auch so manch einer der Leaker zur medialen Figur. In dieser unübersichtlichen Gefechtslage hat Jonathan Franzen seinen neuen Roman „Purity“ (im Deutschen unglücklicherweise als „Unschuld“ übersetzt) positioniert.

„Can you keep a secret?“ he said.
„I don’t know.“

Franzen nähert sich diesem Phänomen über die Protagonisten der Leaker-Szene. Purity Tyler, meist nur „Pip“ genannt, ist eine kalifornische Studentin – hoch verschuldet und emotional verstört. Das Verhältnis zu ihrer scheinbar weltfremden Mutter ist irritiert, ihren Vater kennt sie nicht. Ein Ausweg aus dieser misslichen Lage bietet eine Anstellung beim „The Sunshine Project“, eine fiktionale Plattform für Enthüllungen, vergleichbar mit WikiLeaks. Sie reist dafür nach Bolivien und lernt den zwielichtigen Andreas Wolf kennen.

Jonathan Franzen hat ein Faible für die deutschsprachige Kultur. Er studierte zeitweise in Deutschland (München und Berlin) und übersetzte Frank Wedekind und Karl Kraus. Auch dieses Mal betritt er auf literarischem Wege Deutschland, zumindest zeitweise, nämlich die DDR der Wendezeit. Es ist der Ort, an welchem dem Leser Wolf vorgestellt wird. Er ist der Stiefsohn eines SED-Bürokraten. Auch Wolf ist psychologisch auffällig, gerät mit der Obrigkeit in Konflikt. Die dysfunktionalen Familienverhältnisse und die daraus resultierenden emotionalen Auswirkungen sind der Punkt, an dem sich Pips und Andreas‘ Biographien treffen. Doch Wolf geht einen Schritt weiter. Als er die junge Annagret kennenlernt, bei der sich die Dysfunktionalität von Familienverhältnissen fortsetzt, und ihr dabei hilft, ihren Stiefvater umzubringen, scheint seine Existenz bedroht. Die Umbruchszeiten der sozialistischen Republik erlauben es ihm jedoch davonzukommen. Die Stasi hat zwar von dem Mord Notiz genommen, doch es gelingt ihm, seine Akte verschwinden zu lassen. Es ist die Kehrseite der Transparenz: Dort, wo Archive gestürmt werden, können auch Akten verschwinden.

„There’s the imperative to keep secrets, and the imperative to have them known.“

Franzens Weg über die Protagonisten der Leaking-Szene führt zu grundsätzlichen Fragen über Wahrheitsfindung: Aus welchen Gründen haben Menschen Interesse, gewisse Dinge zu enthüllen? Gibt es einen moralischen Impetus der Offenbarung? Und gibt es einen Punkt, an dem investigative Enthüllungen in ihrer Wirkung ins Gegenteilige umschlagen? Der Moment, an dem in „Purity“ zwischenmenschliche Beziehungen scheitern, ist der des Vertrauens. Der Autor zeigt uns eine Welt, in der Wahrheit keine metaphysische Kategorie ist, sondern längst als reine Information zur Ware geworden ist. Vertrauen hat in dieser Welt einen kritischen Status, weil sie das Zusammenleben gerade im Verzicht auf Informationen organisiert. Und so vereint alle das berechtigte Misstrauen gegenüber dem anderen.

„But it turns out tob e the hardest thing in the world to do right. To see the way it really is.“

Man könnte nun den Eindruck bekommen, wir haben es bei „Purity“ mit einem reaktionären Roman zu tun. Es geht Franzen allerdings nicht darum, den aufklärerischen Auftrag gegenüber Missbrauch des Staates zu desavouieren. Viel mehr möchte er zeigen, wie ökonomisch-geformte Strukturen aus Wahrheitsfindung Informationshandel und Medieninszenierung gemacht haben. Andreas Wolf als psychopatisch-narzisstischer Spektakelunternehmer dient dazu, auf ein Souveränitätsproblem aufmerksam zu machen, das entsteht, wenn Privatpersonen sich entscheiden, Informationen zu vermarkten.

Andreas Wolf is a man so full of his own dirty secrets that he sees the entire world as dirty secrets.

Die Absenz der metaphysischen Überlegungen innerhalb seines gezeigten Milieus fängt Franzen durch sein Erzählverfahren ein. Durch mehrere Wechsel der Erzählinstanz und Text im Text-Konstruktionen versucht der Autor, den Unterschied zwischen Wahrheit und Information herauszuarbeiten. Die titelgebende Figur Purity ist diejenige, die den Roman zusammenhält. Als traditionsbewusster Autor bedient sich Franzen klassischen Motiven des Bildungsromans, bricht sie allerdings in der Hinsicht, dass Puritys Charakterentwicklung weniger durch eigenes Erleben motiviert ist, sondern durch Erzählungen anderer Lebenswege. Die Geschichte Andreas Wolfs – ihr wiederum als Information zugespielt – führt schließlich zur Entscheidung, dem „Sunshine Project“ den Rücken zu kehren.

„I’m a writer, baby. Voicing thought is what I’m poorly paid and uncharitably reviewed for.“

Zwar verhandelt Franzen die angesprochenen Themen mit literarischer Virtuosität, dennoch lahmt sein Roman auch an vielen Stellen. Dem Autor ist bewusst, dass die neue Ware Information sich in unserer Kommunikation konstituiert. Deswegen ist „Purity“ über weite Strecken ein Dialogroman. Das wäre erst mal kein Kritikpunkt, würden Franzens Figuren nicht über weite Strecken relativ banal und redundant daherreden. Nach der zehnten gescheiterten Ehe ist der Erkenntnisgehalt nicht mehr ganz so groß. Hundert Seiten kürzer und „Purity“ würde einen deutlich dynamischeren Eindruck machen. Ähnlich befremdlich wirken die zwei DDR-Kapitel des Romans. Zwar sind sie für die Figur Andreas Wolf und dessen Grundkonflikt von elementarer Bedeutung, allerdings wirken sie auch blutleer. Franzen mag sich in der deutschsprachigen Literatur bestens auskennen, seine DDR bleibt über weite Teile farblose Staffage. Wenn der Autor auf witzige Idee kommt, die DDR als „the republic of bad taste“ zu nennen, dann hätte der Text diese Republik auch über ihre skurillen Details erzählen können. So liest sie sich eher aus einem Informationsflyer zusammengeschrieben.

Literarisch ist „Purity“ kein großer Triumph, denn die Lektüre ist nicht durchgehend eine Freude. Zwar versteht es Franzen mit Literaturtraditionen spielerisch umzugehen, seine Brechungen wirken allerdings selbst schon wieder antiquiert, auch wenn der Autor sich bemüht, durch grafische Chatverläufe mit einer veränderten Form der Kommunikation umzugehen.  Als Reflektion über das Zeitalter der Transparenz ist der Roman jedoch ein ernstzunehmender Beitrag und mit Gewinn zu lesen.

3 Kommentare

  1. Kann dir in Vielem zustimmen, habe den Roman aber vor allem wegen seiner erzählerischen Qualitäten gern gelesen. Die Beschreibung der Sexszene auf einem atomaren Sprengkopf durch eine Fastfoodketten-Mitarbeiterin ist genial und man merkt, dass Franzen angesichts der Skurrilitäten unserer verblödeten Gesellschaft in seiner Darstellung zu wahrer Größe aufblüht.

    • Ich würde dir zwar zustimmen, dass es natürlich immer wieder Passagen gibt, in denen sein schriftstellerisches Können präsent ist, trotzdem hatte ich auch regelmäßig das Gefühl, dass er zu vielen Figuren und Orten Raum gibt, zu denen er nicht viel oder eben dasselbe zu sagen hatte.

  2. Pingback: Matti Geschonnecks „In Zeiten des abnehmenden Lichts“: Der letzte Geburtstag der DDR – Zeilensprünge.

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