Josefine Rieks‘ „Serverland“: Archäologie der Zukunft

Vielleicht werden in ein paar Jahrzehnten Historiker behaupten, die Entwicklung und weltweite Verbreitung des Internets hat einen größeren gesellschaftlichen Wandel ausgelöst als die industrielle Revolution. Doch längst hat sich die Sicht auf das weltweite Informationsnetz gewandelt. Stand am Anfang noch der emanzipative Gedanke im Fokus – freier Austausch von Ideen, das Zusammenwachsen der Welt etc. –, ist das Internet in der öffentlichen Wahrnehmung längst zu einem Werkzeug von Repression und Überwachung geworden. Die Großfirmen des Silicon Valleys, die sich liberal und freiheitsliebend geben, sind eine unheilige Allianz mit Sicherheitsdiensten eingegangen. Wie viel Freiheit, aber auch wie viel Unfreiheit schafft das Internet? Diese Frage stellt Josefine Rieks in ihrem Debütroman aus der Rückschau: Denn in „Serverland“ ist das Internet abgeschaltet.

Deshalb wirft der Roman den Leser auch in eine Welt von Archäologen: „Das MacBook Air war perfekt. Viel mehr noch. Das minimalistische Trackpad, das schlanke Design, die Resistenz gegen Probleme, Systemabstürze oder Viren, hatten es zu etwas Schönem gemacht.“ Die Gegenstände, die in der Lesergegenwart zum Alltag gehören sind, sind in „Serverland“ Überbleibsel einer untergegangenen Zivilisation. Folgerichtig sind das hier beschriebene MacBook, aber auch andere Laptops, die Ich-Erzähler Reiner sammelt, auratische Zeugnisse aus einer Welt, in der die Dinge ihre Funktion durch das Internet zugewiesen bekamen. Dieses ist jedoch nur noch eine dunkle Erinnerung: „‘Erinnerst du dich noch ans Internet?‘“

In dem Moment fiel mir der Traum wieder ein. Mir wurde auf einmal klar, dass das riesige Ding zwischen meinen Beinen ein Glasfaserkabel war.

Irgendwann jedoch kam der große Shutdown, der in „Serverland“ gar nicht groß beschrieben wird. Wie eine apokalyptische Strafe kam er über die Welt und die hier gezeigte Gesellschaft muss nun mit den Folgen umgehen. Rieks geht es gar nicht darum, ihre Dystopie mit Konkretion auszufüllen. Es gibt weder eine Mad Max-Gesellschaft von modernen Wilden, kein totalitärer Staat hat sich gebildet und auch keine Theokratie. Stattdessen sitzen die wenigen Menschen, die im Roman überhaupt gezeigt werden, in den Trümmern des Verlorengegangenen und bestaunen ihre Schmetterlingssammlungen.

„Man braucht nicht zu glauben, dass man ohne Regeln frei sein kann.“

Doch dann durchbricht die Nostalgie eine Nachricht wie ein Donnerschlag: „Serverhallen. Es gab noch Serverhallen, in denen nach wie vor die Daten des Internets gespeichert waren.“ Eine Serveranlage wird entdeckt und der Ich-Erzähler macht sich mit einer Handvoll Leuten auf, die digitale Fundgrube zu reaktivieren. Mit aus heutiger Sicht archaischer Technik, Autobatterien, wird die Anlage wieder in Betrieb genommen und die Schätze des digitalen Zeitalters wieder geborgen: „An der Wand prangte im flackernden, schummerigen Licht ein bunter Schriftzug: Google.“ Nach der langen Zeit ohne Internet hat sich zu einem Ort wie diesem ein religiöses Verhältnis entwickelt: „‘Isn’t it like a cathedral?‘“

„The shutdown ruined our marriage!“

Rieks wählt für ihren Roman ein spannendes historisches Konzept: Sie lässt die Vergangenheit und die Gegenwart in der Zukunft aufeinandertreffen. Reiner erinnert in seiner wunderlichen Technikbegeisterung eher an die verschrobenen Garagen-Entwickler, die den Vormarsch der technologischen Revolution im späten 20. Jahrhundert gelegt haben. Ihnen gegenüber sind diejenigen, die den Sound des gegenwärtigen Silicon Valleys verinnerlicht haben: „‘Youth has always been the source of new energy, and these days it’s there in New York, where you really can feel it‘“

In diesem Spannungsfeld zwischen optimistischen und zynischen Blick auf die Technik bewegt sich auch das, was auf den Servern gefunden wird: Videomaterial. Zwischen Unsinn und Katzenvideos findet sich auch das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts auf den Servern: „Obwohl ich es nicht genau erklären konnte, hatte es etwas Heiliges, als ich mir das 18 Minuten lange Amateurvideo der Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001 ansah.“

Leider findet „Serverland“ keine Sprache, um aus diesen vielen interessanten Gedanken auch ein literarisches Erlebnis machen sollte. Was kühl und zurückhaltend sein soll, wirkt an zu vielen Stellen geradezu bieder. Für einen Roman, der in die Konfliktzonen des technologischen Fortschritts führt, ist der Roman geradezu antiquiert erzählt. Das macht „Serverland“ zu einer interessanten, letzlich aber vergebenen Chance.


Wir danken dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.