Joseph Roth im „Völkerlabyrinth“ – Reisen in die Ukraine und nach Russland

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Es gibt Städte, in denen es nach Sauerkraut riecht. Dagegen hilft kein Barock.

1926 machte sich Joseph Roth für die „Frankfurter Zeitung“ auf eine Reise in das seit neun Jahren sowjetisch regierte Russland. Für den 1984 in Brody geborenen Schriftsteller bedeutete dies eine dreifache Rückkehr. Eine Rückkehr in die Landschaft seiner Kindheit, eine Rückkehr an die Front des Ersten Weltkriegs, in dem er als Infanterist in der österreichischen Armee gedient hat und eine geistige Rückkehr in die verlorengegangene Peripherie des K.u.K.-Reiches.

Dabei herausgekommen sind episodische Schilderungen eines bis heute unbekannten europäisch-asiatischen Raumes. Anders als vermutet treibt den kakanischen Nostalgiker Roth nicht die Vorstellungen eines mythischen Raums Galizien in die Ukraine, sondern eine tiefe Neugier, die auf ein Land im politischen und kulturellen Schwebezustand trifft. Lenin ist 1926 zwei Jahre tot, aber die Sowjetunion noch nicht völlig der blutigen Herrschaft Stalins unterworfen. Roth verbindet mit dieser Reise auch Hoffnungen auf ein geglücktes gesellschaftliches Projekt. Diese Hoffnungen sind aber nach seinen Beobachtungen obsolet, wie er in späteren Zeugnissen preisgibt.

In seinen Beschreibungen schildert er die fatalen Kontraste zwischen den urbanen Zentren, die sich zwischen immer noch existierenden zaristischen Zeremoniell und sowjetischer Fortschritt- und Technikgläubigkeit bewegen und einem ländlichen Raum, der von Armut und ethnischen Konflikten zerrissen scheint. Seine fundamentale Diagnose, zu welchem Unglück die Nationalitätenpolitik in Russland führen kann, scheint uns heute aktueller denn je.

Ein neugewecktes Nationalbewußtsein wächst sich leicht zu Nationalismus aus.

Wie fremd dem Wiener Autor diese abgelegenen Landstriche vorkommen und wie feindselig sich diese ihm gegenüber stellen, zeigt nicht zuletzt die Schilderungen „Russische Ansichten“ – ein kleines Prosastück über den Wanzenbefall, der ihn Nacht für Nacht in den Karpaten heimsucht. An anderer Stelle kommt er zu dem Schluss: „Die Fliegen, nicht die Fische, machen achtundneunzig Prozent der Astrachaner Fauna aus.“

Das mag man Joseph Roth als städtische Befindlichkeiten auslegen, noch mehr spricht daraus aber die tiefe Erschütterung über die Tatsache, dass es den sowjetischen Machthabern nicht gelungen ist, das Elend der Bauern zu beenden.

Wer nicht nach Astrachan kommen muß, der vermeidet es. Wer einmal nach Astrachan gekommen ist, der bleibt nicht lange dort.

Das verblüffende Gegenteil findet Roth in Moskau und Petersburg. Im Kampf gegen das reaktionäre Element verschreiben sich die neuen Machthaber in Russland der Moderne und finden ihre Vorbilder gerade dort, wo man sie nicht vermutet hätte:

Die alten Kulturleistungen Rußlands: der Mystizismus, die religiöse Kunst, die Poesie der Slawophilie, die Romantik des Bauerntums, die gesellschaftliche Kultur des Hofes, Turgenjew und Dostojewski: sie alle sind selbstverständlich reaktionär. Woher also die geistige Grundlage für die neue Welt nehmen? Was bleibt übrig? Amerika! Die frische ahnungslose, gymnastisch-hygienische rationale Geistigkeit Amerikas […]

Englische Autobusse, Reklame, Lichterwelten, Modeboutiquen und Kinotheater – die sowjetische Großstadt der Zwanziger erscheint in diesem Text als Hort des Tempos und der Rasanz. Jan Bürger, dem Herausgeber der Texte, gelingt mit dieser Auswahl zweierlei: Er zeigt auf der einen Seite ein tief erschüttertes Russland, dessen fundamentalen Konflikte bis heute virulent sind und auf der anderen die Enttäuschung einer Bildungsgeschichte des Autors Joseph Roth.