Joseph Roth und der Kampf gegen den Antichrist – Briefwechsel mit Stefan Zweig

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Briefwechsel – vor allem Literaten-Briefwechsel – sind eine intrikate Sache. Der Leser erwartet von der Korrespondenz zweier Geistesmenschen Diskussionen über Fundamentales, Epochenzeugnisse und Einblicke in das Werk beider Autoren. Was dann aber häufig dominiert, sind Schmeicheleien, seitenlange Auskünfte über körperliche Befindlichkeiten und Terminabsprachen über Treffen, die dann entweder nicht zustande kommen oder über dessen Inhalte der Leser im Unklaren bleibt. Der Briefwechsel zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig (1927-1938) bewegt sich im Dazwischen.

Joseph Roth ist 1927 gerade viel auf Reisen, während Stefan Zweig seine Sternstunden veröffentlicht. Der Briefwechsel der Beiden lässt sich in vielerlei Weise erzählen: als Zeugnis einer Freundschaft, als Beispiel für den ökonomischen Überlebenskampf einer Autorenexistenz, als Verfallsdrama oder als Geschichte der politischen Irrtümer.

Die Beziehung zwischen Zweig und Roth scheint von Anfang an auf ungleichem Fundament zu stehen. Zweig feiert literarische Erfolge, kann sich das teure Hobby des Autographen-Sammelns leisten und gilt gemeinhin als Kosmopolit. Auch Joseph Roth führt ein nomadisches Leben, gerät aber zunehmend in finanzielle Probleme. Er führt einen verschwenderischen Lebensstil und ist Alkoholkrank.

Der Alkohol ist der Antichrist und das Geld […] – Stefan Zweig an Joseph Roth

Rasch wird dem Leser deutlich, dass Stefan Zweig nicht nur Freund, sondern mindestens auch Finanzberater, Advokat und Psychiater ist. Er setzt sich für das Werk Roths ein und versucht es auch in der Zeit des Exils mit größtmöglichen Profit zu verwalten. Der dauerklamme Roth – so scheint es – könnte ohne diese Hilfe keinen Monat überleben. An mehreren Stellen übermittelt Roth an Zweig akribische Auflistungen seiner Vermögensumstände und gibt dadurch einen Einblick wie ein Autor, dem der große Erfolg eines Zweigs oder Thomas Mann verwehrt geblieben ist, überlebt.

Der absolut rechtschaffene Professor Thomas Mann ist einfach naiv. Er hat die Gnade, besser zu schreiben, als er denken kann. – Joseph Roth an Stefan Zweig

Kaum ist der eine Roman publiziert, verhandelt Joseph Roth schon über den nächsten und übernächsten. Roth lebt nicht von seinem Werk, sondern von dem Versprechen auf ein zukünftiges Werk. Er finanziert sich durch Vorauszahlungen, die zu schnell aufgebraucht sind. Er verkauft Filmrechte – trotz seiner tiefen Abneigung gegen den Film – und gerät dennoch immer wieder in Schulden. Dazu kommt die Kulturpolitik der Nationalsozialisten, so dass Deutschland als größter Markt wegfällt.

Dies alles erzählt dem Leser etwas – jenseits allen biographischen Interesses am Schriftsteller – über das Leben im Exil, die Marktgesetze, denen literarisches Schaffen unterworfen ist und über Werkpolitik in der Zeit des Nationalsozialismus. Dass trotz aller historischer Hellsichtigkeit dieses Unglück doch unvorbereitet über Teile des europäischen Judentums hereingebrochen ist, beweist die Prophezeiung, die Stefan Zweig 1927 noch abgegeben hat:

Ich glaube, daß die Monotonisierung, die Durchmischung, Anpassung und Gleichformung unseres Europa dank America so fortschreitet, daß man bald das scharfe, aufreizende Arom Jude kaum mehr im durchgewalzten Teig spüren wird. – Stefan Zweig an Joseph Roth

Als auch Stefan Zweig die verheerende politische Lage evident wird, engagiert er sich zusammen mit Romain Rolland in pazifistischen Kreisen. Joseph Roths politische Entwicklung erscheint im Gegenzug immer verirrter. Hat er sich in den späten zwanziger Jahren vom Sozialismus abgewandt, wird aus ihm spätestens in den Dreißigern ein glühender Monarchist. Für ihn läuft die Geschichte Deutschlands nicht auf den Nationalsozialismus zu, sondern auf ein neues katholisches Habsburger-Reich. Dazu kommt sein problematisches Verhältnis zum Judentum.

Mein Judentum ist mir nie anders, als eine akzidentelle Eigenschaft erschienen, etwa wie mein blonder Schnurrbart […] – Joseph Roth an Stefan Zweig

Als assimilierter Jude, der sich eher als katholischer Patriot des Habsburger-Reiches versteht, zwingt ihn erst der gewaltsame Antisemitismus in Deutschland und Europa sich als Teil des Judentums zu sehen. Anders erscheint es nicht erklärlich, wieso sich Roth in Tiraden über jüdische Sozialisten ergeht und an einer Stelle den Zionismus mit dem Nationalsozialismus vergleicht.

Schließlich verstummt der Briefwechsel von Seiten Joseph Roths. Er stirbt am 27. Mai 1939 in Paris unter anderem an den Folgen seiner Alkoholsucht. Drei Jahre später folgt ihm Stefan Zweig im brasilianischen Exil. Vermutlich ist es auch ihm zu verdanken, dass das Werk Roths so umfangreich geworden ist.

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