Judith Hermanns „Lettipark“: Bruchware Leben

Lettipark

Es gibt nur wenige Autoren, die von sich behaupten können, sie haben den Ton einer ganzen Generation, einer Zeit gleichzeitig aufgefangen und geprägt. Von Goethes „Werther“, über Döblins „Berlin Alexanderplatz“ bis hin zu Jack Kerouacs „On the road“ kann man sagen: Wer wissen möchte, wie sich eine Zeit angefühlt hat, muss in diese Bücher schauen. Auch Judith Hermann ist 1998 mit ihrem Erzählband „Sommerhaus, später“ ein solcher Paukenschlag gelungen. Der programmatische Titel, der das Begehren in eine vage Zukunft verlegt, beschreibt das Lebensgefühl der sich dem Ende zuneigenden Neunziger: Der kalte Krieg war gewonnen, das Ende der Geschichte wurde proklamiert, Frieden und Wohlstand, so glaubte man, würde sich nun überall durchsetzen. Solch ruhige Zeiten sind keine politischen Zeiten, weswegen sich eine ganze Generation junger Menschen ins Private zurückzog, entweder in die Leere der Spaßgesellschaft oder aber ins Reihenhaus am Stadtrand. Es war diese politische Windstille in die Judith Hermann mit ihren Erzählungen reinplatzte und, wenn man ihrem neusten Erzählband „Lettipark“ folgen möchte, hat sich seit dem nicht viel verändert.

Ein Erfolg, wie ihn „Sommerhaus, später“ erzeugt hat, kann, ja muss auch Hypothek sein, das weiß man aus vielen Künstlerbiographien. Und so ist die Geschichte Judith Hermanns auch eine Geschichte der Beweisführung – einer Beweisführung, kein literarisches One-Hit-Wonder zu sein. Zuletzt wurde ihr erster, 2014 erschienener Roman „Aller Liebe Anfang“ im Feuilleton ordentlich verprügelt; möglicherweise ein Indiz für den Entschluss, sich nun wieder der kleinen Form zu widmen. Und klein meint hier tatsächlich klein, denn viele der 17 Erzählungen, die sich unter das Dach von „Lettipark“ flüchten, sind gerade mal zehn Seiten stark. Die Themen der einzelnen Erzählungen laufen alle auf den gleichen Punkt hinaus: dem Bruch des Lebens. Eigentlich alle Protagonisten müssen mit irgendeiner Art Zäsur umgehen, dem Tod der Eltern, Misserfolg, Scheidung, Betrug. Dabei geht es Hermann gar nicht darum, besonders tragische Fälle aufs Tableau zu stellen, sondern jene Brüche vorzuführen, die das bürgerliche Leben tagtäglich produziert.

Es war kein wirkliches Gespräch, es war eher eine Situation.

Da sich die Autorin mit ihren Erzählungen in die Privatheit der menschlichen Schicksale hineinbegibt, spielen – im Sinne des Wortes – die Privaträume auch eine große Rolle in „Lettipark“. Der Wohnraum, das ist keine ganz neue These, wird zum Spiegelbild des in ihm Wohnenden und in dem bürgerlichen Milieu, das schon immer Judith Hermanns Thema war, ist das ganz besonders richtig, da die eigene Wohnung zum Ort von Selbstverwirklichung wird. Der biedermeierliche Fetisch für die eigenen vier Wände kehrt zurück und wird zum eigentlichen Punkt, an dem sich die Figuren offenbaren. Raumkonstellationen zeigen Nähe und Fremde von Beziehungen an, zwei Freundinnen wohnen in jungen Jahren direkt nebeneinanderliegenden Zimmern, nur um – kaum ist der Wohlstand erreicht – in Häuser zu ziehen, die so groß sind, dass man sich darin verliert.

Die Zimmer gehen ineinander über, sie bilden einen Kreis.

Die Wohlstandsbiographien in „Lettipark“ produzieren in erster Linie Einsamkeit und Fremde, was sich am Zentrum des bürgerlichen Lebens manifestiert: dem Esstisch. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er entweder unterbelegt ist – „Ich hab eine Sehnsucht nach einem Tisch der für drei gedeckt ist.“ – oder dass die Ritualhaftigkeit des Mahls Konflikte überdecken soll. Hermann spitzt solche Situationen zu: Lauter sich selbst fremdgewordene Pärchen sitzen beieinander, selbst nicht mehr sicher, was sie dort überhaupt machen, wie sie dahingekommen sind, wo sie sind und mit wem sie da eigentlich ihr Leben verbringen – während draußen die Hölle los ist: „So sieht es aus. Wir sitzen in einem brennenden Haus.“

Sie ist Mitte vierzig, irgendwas in ihrem Leben muss zur Ruhe kommen.

Die verschiedenen Erzählungen operieren dabei alle nacheinem relativ ähnlichen Strickmuster: Kurze Exposition, Formulierung des bestimmenden Bruchs, Eskalation. In dieser Weise erzeugt der Erzählband am laufenden Band derangiertes Personal, das einer schlichten Argumentation dient: Unser modernes, wohlstandsverwöhnte Leben macht traurig. Das ist als These nicht mehr ganz so aufregend, aber ein wichtiges Thema für die Literatur. Nur auf die Weise wie die Autorin ihre Erzählung zu einer immer gleichen Produktionsstätte für neureiche Melancholiker degradiert, kann das nicht funktionieren. Anstatt 17 verschiedene Erzählungen zu versammeln, die alle das gleiche Thema haben, ist es 17 mal die gleiche Erzählung mit einer müden Pointe.

Und sie nannte diesen Zustand das Insichselbereingeschlossensein.

Das größere Übel steckt jedoch in der Sprache selbst. Der typische knappe, ornamentlos-pointierte Stil walzt über alles drüber, was an Leben in diesen Erzählungen steckt, vernichtet jede Menschlichkeit, von der die Figuren beseelt sein könnten. Das, was Judith Hermann da treibt, hat Iris Radisch die „Verrätselung des Offensichtlichen“ genannt, was wohl so viel bedeuten sollte, wie die Fähigkeit, tiefgehende Konflikte hinter der Schilderung simpler Vorgänge zu verbergen und gleichzeitig zum Leuchten zu bringen. Das Versprechen auf eine zweite Ebene, dem doppelten Boden, formuliert eine der Erzählung selbst: „Es ging um all das, und darunter ging es sicher noch um etwas ganz anderes.“ Nach der Lektüre von „Lettipark“ wartet man jedoch immer noch darauf, dass dieses Versprechen eingelöst wird.


Wir danken dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

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