Juli Zehs „Leere Herzen“: Was ist Populismus?

Haben Sie auch so eine Angst? Glauben Sie, dass mit dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen das Ende der Demokratie gekommen ist? Dass Angela Merkel die letzte aufrechte Regierungschefin sein wird, bevor der faschistische Sturm der Barbaren das Land übernimmt? Möglicherweise ist das der Grund, weshalb Sie sich hinter einer frischgezapften Bio-Rhabarberschorle auf dem schwedischen Design-Sofa verkriechen? Ist die Gegenwart nicht furchtbar hektisch geworden? Und diese neuen Medien! Machen alles so furchtbar schnell, chaotisch und unübersichtlich. Vielleicht sollte man nach draußen ziehen, aufs Land. Aber das wäre ja auch schon wieder so zeitgenössisch! Diese schreckliche Landlust mit artgerechter Tierhaltung und zwei Kind-Familie – natürlich mit klassischen Namen wie Charlotte-Sophie und Maximilian-Friedrich. Ist schon verrückt unsere Gegenwart, gell? Hat sich auch Juli Zeh gedacht und den vielleicht dümmsten Roman des Jahres geschrieben.

Juli Zeh ist ein engagierter Mensch. Wer würde ihr daraus einen Vorwurf machen? Sie demonstriert, sie unterzeichnet Protestnoten, sie kommt mit Politikern ins Gespräch – eigentlich macht sie all das, was die Öffentlichkeit, von Phantomschmerz des Verlustes streitbarer Figuren wie Heinrich Böll oder Günter Grass gezeichnet, immer von heutigen Künstlern einfordert. Doch nimmt man sich Günter Grass zum Beispiel, erkennt man schnell das Risiko eines solchen öffentlichen Engagements. In dem Moment, wo das Politische nicht mehr aus der Kunst entsteht, sondern das Politische die Kunst kapert, wird aus dem Schriftsteller der Eiferer, der Prediger. Günter Grass hat der deutschen Sprache beispielsweise eins der scheußlichsten Gedichte jüngerer Vergangenheit geschenkt, weil er glaubte, es sei die Zeit gekommen, da müsse der ehemalige SS-Soldat dem Staat Israel seine Grausamkeit aufzeigen. So schlimm ist die Lage bei Juli Zeh freilich nicht.

Durch die Kinder haben sich die Tagesabläufe verschoben.

Die hat sich stattdessen entschlossen, dem gesellschaftlichen Unwohlsein Wind in die Segel zu blasen und sich an einer Houellebecqschen Nahdystopie zu versuchen, einer deutschen „Unterwerfung“. Dafür entwickelt sie eine Welt, in der die BBB, die „Besorgte Bürger Bewegung“ die Wahlen gewonnen und die Machtapparate übernommen hat. In solch unruhigen Zeiten hat sich das, was Juli Zeh scheinbar als das Charakteristikum unserer Zeit erkannt hat – eine bürgerliche Biedermeierlichkeit, die sich am Designgegenstand und nativen Olivenöl entzündet -, ins Extrem gesteigert. Die großstädtische Existenz wird aufgegeben, um sich dort hinzuflüchten, wo man sich ungestört der eigenen Langweiligkeit widmen kann: „In Scharen verlassen die Freiberufler Prenzlauer Berg, um in kriegszerstörte Mittelstädte zu ziehen, die im Geist des Rationalismus wiederaufgebaut wurden – Funktion, Konstruktion und Form.“

Die Küche ist Richards Reich.

Zwischen Rechtspopulisten und bürgerlichen Politikverweigerern tritt Britta, die Protagonistin dieses Romans. Sie arbeitet mit Kollegen Babak bei der Organisation die „Brücke“, die vordergründig einen psychotherapeutischen Anspruch hat, mit ein bisschen Selbstoptimierung, denn klar, wir sind ja heutzutage alle Selbstoptimierer. Was sich hinter der „Brücke“ jedoch eigentlich versteckt ist eine Art Selbstmordattentäter-Headhunter-Agentur. Diejenigen, die zur „Brücke“ kommen und sich in ihrem Selbstmordwunsch derart stur zeigen, dass sie auch die größte Folter überstehen, werden an Organisationen wie ISIS vermittelt, um für deren Zwecke in den Tod zu gehen. Die gedankliche Marschroute ist klar: Der Kapitalismus hat auch im Terror ein Geschäftsmodell entdeckt und hat den Nachschub an willigen Selbstmordattentäter derart professionalisiert, dass er als Nebenwirkung dem üblichen, ungeregelten Terror ein Ende gebracht hat.

Als ob es jemals ‚faktische‘ Politik gegeben hätte. Was war denn faktisch?

Die Handlung orientiert sich weiter an der potentiellen Kandidatin Juliette, von deren Selbstmord sich PR-technisch ganz besonders viel versprochen wird, einem merkwürdigen Esoterik-Unternehmer, der sich als mächtig herausstellen soll, mit der Möglichkeit das etablierte politische System umzustürzen. Ist aber auch egal, denn bis es soweit ist, hat jeder Leser bei Bewusstsein eh schon die Lust verloren, die Geschichte der lieblos entworfenen Figuren in der noch liebloser entworfenen Dystopie zu folgen. Eine spannende Dystopie zeichnet sich ja nicht nur dadurch aus, dass sie eine gesellschaftliche Befürchtung aufnimmt und verdichtet, sie muss darüber hinaus auch noch so glaubwürdig aufgebaut sein, dass der Leser sich in ihr bewegen kann. Letzteres gelingt „Leere Herzen“ zu keinem Zeitpunkt.

Seit Gründung der Brücke lebt und arbeitet sie in völliger Übereinstimmung mit dem Zeitgeist.

Vielleicht weil dem Leser gar kein konsistentes Bild davon präsentiert wird, was nun eigentlich im Argen liegt. Stattdessen ruft Zeh ungefähr jedes Schlagwort auf, das man so zwischen Stammtisch und Schulhof aufschnappt: Selbstoptimierung, Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Superfoods, Filterblase, Game of Thrones und vor allem: Tofu-Würstchen. Über mehrere Seiten findet sich im Roman eine Beschreibung der Zubereitung eines Tofu-Würtchens. TOFU-WÜRSTCHEN, damit der Leser auch weiß, dass die Gegenwart ein Tofu-Würstchen ist. Auf diesem Niveau schärft der Text nicht etwa das Verständnis der Gegenwart, er nimmt einfach nur das auf, was an Vorurteilen und Halbwahrheiten in der öffentlichen Debatte vorhanden ist und jazzt sie zu einer halbgaren Gruseldystopie auf.

„Globalisierung bedeutet, nirgendwohin fliehen zu können.“

Die Autorin erweist sich damit selbst als Populistin, als literarische Populistin und wie es Populisten so an sich haben, funktioniert ihre Sprache nach simplen Mustern. So auch in „Leere Herzen“, das eine sprachliche Wüste ist, die die Poesie schon lange verlassen hat, keine Oase in Sicht. Der Roman wirkt sprachlich so völlig leergeräumt, er ist selbst die pragmatische Eigentumswohnung in einer hässlichen deutschen Mittelgroßstadt, über die er sich so mokiert. Hauptsache nichts steht im Weg, nichts macht es unnötig kompliziert. Dafür nimmt „Leere Herzen“ dem Leser auch noch die letzte Denkleistung ab.

„Ich genieße es in vollen Zügen, dass mich die allermeisten Dinge nichts angehen.“

Und so steigt am Ende natürlich das auf, was aufsteigen musste: Der erhobene Zeigefinger. „Leere Herzen“ wäre kein wahrhaftiger literarischer Populismus, wenn der Roman nicht auch die Gründe dafür kennen würde, die die Misere ausgelöst haben: „‘Leute wie ich tragen Schuld an den Zuständen, nicht die Spinner von der BBB.‘“ Wir selbst sind schuld! Das klingt erst mal sehr subversiv und selbstkritisch, entpuppt sich aber als billiger Appell an die Zeitgenossenschaft. Hier tarnt sich Pamphlet als Literatur und wenn gute Literatur sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass sie das Denken des Lesers schärft und Fragen aufwirft, hat man zwar nach der Lektüre von „Leere Herzen“ viele Antworten, fühlt sich aber trotzdem dümmer als vorher.Wir danken dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

  1. Seltsam, dass Zehs neuer Roman immer mit Houellebecq verglichen wird … auf diese Idee käme ich nie.
    Jedenfalls bin ich froh über eine weitere unzufriedene Stimme über diesen unwichtigen Roman.

    • Naja, natürlich trennen Zeh und Houllebecq ein ganzer literarischer Grand Canyon.. aber die Konstellation von „Leere Herzen“ und „Unterwerfung“ trägt natürlich ähnliche Züge. Die zeitliche Nähe, in der hier dystopisch gedacht wird, ein politisches System, das noch sehr viel Ähnlichkeiten zur Gegenwart aufweist etc. Da wo sie sich vor allem unterscheiden ist eben in der pädagogischen Agenda. Ich bin kein großer Houellebecq-Freund, aber bei ihm fehlt natürlich alles Belehrende..

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