Juli Zehs „Unterleuten“: Die Hölle, das sind die anderen

Unterleuten

Die Beziehung zwischen Berlin und Brandenburg war schon immer eine ganz besondere. Normalerweise interessiert sich das Zentrum nicht besonders für die Peripherie, solange sich das Umland – ganz im marxistischen Sinne – nur freigiebig vom Zentrum ausbeuten lässt. Anders hier. Die Mark Brandenburg hat die Hohenzollern groß gemacht, mit Berlin wurden nicht alle auf dem Preußenthron warm, zeitweise war Potsdam der politisch wichtigste Ort für das Königreich. Spätestens im 20. Jahrhundert schien sich dieses Zentrum-Peripherie-Gefüge zu normalisieren – bis zur Wende. Plötzlich strömten aus dem Westen Gutbetuchte in die Hauptstadt, die vor lauter Zuzug bald selbst schon wieder die Nase voll hatten, denn wer will schon da wohnen, wo alle wohnen. Und so suchten sie sich ein neues Ziel und fanden es im Brandenburger Speckgürtel. Seit dem versuchen sich Naturverliebte, Impfgegner und andere Wohlstandsverrückte in alternativen Lebensentwürfen und haben eine neue Form der Ausbeutung gefunden. Denn den politischen Ansichten der Neubewohner haben sich die Eingesessenen zu fügen. So könnte man die Geschichte erzählen. Oder ganz anders. Genau darum geht es Juli Zeh in ihrem neuen Roman „Unterleuten“.

„Unterleuten“ ist ein fiktives Dorf in unmittelbarer Nähe zu Berlin. „Unter Leuten“ ist aber auch ein Zustand dieses Dorfes. Denn Juli Zehs Schauplatz ist die klassische Dorfgemeinschaft: Man kennt sich, man mag sich, man mag sich nicht, man beäugt sich. In Unterleuten wohnt man nicht zur Miete, in Unterleuten hat man Eigentum, Haus plus Grundstück. Das bringt Freiheiten, aber auch Verantwortung. Denn wer Grund besitzt, hängt auch daran und lässt sich nicht gerne vertreiben. Diese Konstellation gerät ins Wanken, als das Dorf ins Zielvisier des Kapitals gerät. Die Windkraft soll Energie und Geld bringen, aber nicht jeder der Dorfgemeinschaft ist von der Idee verzückt, riesige, lärmende Türme in die Natur zu setzen, die das Landschaftsbild stören und die Tiere verschrecken. Doch das Interessensgefüge ist unübersichtlich: der eine möchte das große Geld, der andere hofft auf Arbeitsplätze, der nächste hat Naturschutzbedenken und die übernächste möchte schlicht ihr Stück Land nicht veräußern, um den Windkrafträdern Platz zu machen. Dem Text geht es darum, aufzuzeigen, wie schwierig gesellschaftliche Entscheidungsfindung sein kann.

„Politik“ war, wenn sich gelangweilte Westdeutsche mehr für Vögel als für Menschen interessierten.

Eine solche Gemengelage lässt sich nur als die Summe ihrer Akteure erzählen und so setzt Juli Zeh auch keine Hauptfigur ins Zentrum des Romans, sondern arbeitet mit ständig changierenden Perspektiven. Programmatisch dazu formuliert der Text: „Es gibt eben keine Wahrheit, dachte er, während er nach der zweiten Brust griff und Linda sich auf den Rücken sinken ließ, sondern immer nur Perspektiven.“ Man könnte ganze Bibliotheken mit der Diskussion darüber füllen, welche Implikationen dieser Satz mit sich bringt, doch für die Literatur und für diesen Roman stimmt er allemal. Einer dieser Perspektiven, aus denen sich „Unterleuten“ zusammensetzt, ist die des Herrn Gombrowskis. In ihm bildet sich die Kontinuität des Grundbesitzes ab: Vor dem Krieg war sein Vater einer der reichsten Menschen des Ortes, mit den Sozialisten kamen die LPGs und die Familie wurde enteignet. Nun, nach der Wende, gilt es das Zurückgewonnene zu erhalten und zu mehren. Da sich mit Landwirtschaft nicht mehr viel holen lässt, hofft er auf Westgeld und eine zweite Wende, die Energiewende. Mit der Windkraft soll der Reichtum kommen.

„So etwas wird in Städten beschlossen und auf dem Land gebaut.“

Doch das ruft die Gegenseite auf den Plan: Herr Fließ ist ehemaliger Soziologie-Dozent der Humboldt-Universität und mittlerweile Einwohner von Unterleuten. Früher hat er sich in seinem kleinen, stickigen Büro Gedanken über Machtkonstellationen gemacht, mittlerweile hat er sich frustriert aufs Landleben beschränkt. Er hat – womöglich berechtigte – Bedenken, welche Folgen die Windkraft für Flora und Fauna haben könnte. Gleichzeitig zeugt er von der Anmaßung, die bei den Eingesessenen für Unmut sorgt: Wer soll dort verstehen, dass das Wohlergehen von Vögeln über den wirtschaftlichen Wiederaufbau einer Region geht? Am Ende entscheidet eine der unbedarftesten Figuren: Linda Franzen, Pferdenärrin und ein bisschen doof. Ihr ist es überlassen, ob sie ihr Land dem Windkraft-Konsortium überlässt oder für sich behält und die Pläne damit zunichtemacht.

Unterleuten war ein Panoptikum.

Juli Zeh zeichnet Unterleuten als archaischen Raum. Der Staat und seine Institutionen interessieren sich nicht besonders für diesen Ort und die Menschen wurden während der DDR-Zeit mit einer natürlichen Abneigung gegen die Mächtigen aus Berlin imprägniert: „Eine Weile schwiegen sie, Zeit, die Jule brauchte, um einzusehen, dass er recht hatte. Dörfer wie Unterleuten hatten die DDR überlebt und wussten, wie man sich den Staat vom Leibe hielt. Die Unterleutner lösten Probleme auf ihre Weise. Sie lösten sie unter sich.“ Auch hier bietet der Text unterschiedliche Deutungen an: Man kann das als großen Freiheitswillen interpretieren oder kritisch anmerken, dass in solchen Kontexten sich längst ausgestorbene Stammesformen ausbilden. Gombrowskis Wort war hier nämlich lange Gesetz und persönliche Konflikte zwischen den Einwohnern sollen idealerweise ohne polizeiliche Einmischung gelöst werden. Damit ist das Parkett dafür gelegt, was schon länger im Verdeckten brodelt: ein vermeintlicher Mordfall, in den Gombrowski verwickelt sein soll.

Jule musste an den Goethe-Satz denken, der seine wahre Tragik erst erreichte, wenn man ihn falsch zitierte. Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.

Die Autorin verknüpft eine politische Dorfgeschichte mit Thriller-Elementen und hebt ihren Roman damit auf die nächste Ebene. Denn erst in dieser Übersteigerung der hiesigen Konfliktlinien wird der ganze Irrsinn deutlich, der in deutschen Dörfern gärt. Juli Zehs „Unterleuten“ ist ein spannender und intelligenter Roman, der sich vor allem durch seine sehr präzise Figurenschilderung auszeichnet. Zwar würde man sich wünschen, dass die Autorin – wenn schon ein Mordfall auftritt – auch richtig durchdrehen würde, denn ein bisschen zu brav ist der Text. Dennoch: in diesem Literaturfrühjahr ist Juli Zeh bei viel Dunkel ein echter Lichtblick.


Wir danken dem Luchterhand-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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