Julian Rosefeldts „Manifesto“: Das ABC wollen, gegen 1,2,3 wettern

Julian Rosefeldt/ Manifesto, 2014/2015/ © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Mit Donnerhall kündigten sich zum Beginn des 20. Jahrhunderts die jungen Wilden an und ihre schärfste Waffe war das Manifest. In diesen Jahren erlebte das Manifest als Textgattung einen waschechten Boom und viele von ihnen haben die Zeit überdauert. So zum Beispiel Marinettis „Manifest des Futurismus“. In diesem heißt es an einer Stelle: „Museen: Friedhöfe!… Wahrlich identisch in dem unheilvollen Durcheinander von vielen Körpern, die einander nicht kennen. Museen: öffentliche Schlafsäle, in denen man für immer neben verhaßten oder unbekannten Wesen schläft! Museen: absurde Schlachthöfe der Maler und Bildhauer, die sich gegenseitig wild mit Farben und Linien entlang der umkämpften Ausstellungswände abschlachten!“ Marinetti speit Gift und Galle über die bürgerlichen Bildungsinstitutionen. Wo sollte man die Form des Manifests also besser behandeln als genau dort? Das hat sich auch Julian Rosefeldt gedacht und zeigt zusammen mit Cate Blanchett eine sehr kluge und virtuose Installation im Hamburger Bahnhof in Berlin.

Nach dem Ersten Weltkrieg war der Manifestantismus ausgebrochen, ein Begriff, den der Herausgeber der Zeitschrift „Die Aktion“ Franz Pfemfert prägte. Die verschiedensten Künstlergruppen, Intellektuellenzirkel und Kunstrichtungen traten hervor und wollten für die nötige Begleitmusik sorgen. Das Textgenre des Manifests war davor eher von politischen Parteien bekannt, nun wollte man diese Textsorte kapern, um für die eigenen Zwecke zu trommeln. Von den unterschiedlichsten Gruppierungen wurden Manifeste in die Öffentlichkeit gespielt, doch sie alle hatten Gemeinsamkeiten: Sie sollten Identifikation nach innen stiften und nach außen überzeugen oder provozieren. Gleichzeitig zu in- und exkludieren war dabei die erwünscht-paradoxe Wirkung, die sich aus dem Umstand ergab, die Kunst oder gar die Welt verändern und trotzdem ein elitärer Klub bleiben zu wollen. Tristan Tzara fasst lapidar zusammen: „Um ein Manifest zu lanzieren, muß man das ABC wollen, gegen 1,2,3 wettern.“ Dieses Wollen haben die Dadaisten auf ihre eigene Art unterlaufen und als unmittelbare Reaktion das „Anti-Manifest“ geschaffen, das sich gleich allen Forderungen verweigerte. Rund hundert Jahre später stellen sich nun Fragen: Welche Relevanz haben diese Texte noch? Und was ist aus den Forderungen der Avantgarden geworden?

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Julian Rosefeldt, Manifesto, 2014/2015, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Rosefeldt ist bekannt für seine Installationskunst, die ihn immer wieder in die großen Museen der Welt und manchmal auch ans Theater, wie die Schaubühne, führen. Seine Arbeiten bewegen sich häufig in der Nähe des Kurzfilms, allerdings beschäftigen sie sich auch (im Sinne der Kontextkunst) immer mit den Räumen, in denen sie zu sehen sind. So auch in seiner neusten Installation „Manifesto“. In 13 Sequenzen hat er zusammen mit der Schauspielerin Cate Blanchett die großen Manifeste des 20. Jahrhunderts bebildert. Blanchett schlüpft hierbei abwechselnd in die Rolle der Obdachlosen, der Börsenmaklerin oder Familienmutter und jedes Mal spricht sie einen anderen Text, die in veränderten Kontexten neue Interpretationsspielräume eröffnen.

Die einzelnen Szenen werden von Blanchett in großartiger Weise getragen, aber Rosefeldt weiß vor allem mit den Texten selbst umzugehen. Wenn Blanchett als Brokerin Marinetti spricht, dann tut sie das in einer fiktiven Börse, die Rosefeldt im Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität hat aufbauen lassen. Ein genialer Einfall, der Marinetti besonders gefreut hätte, auch wenn es weniger radikal ist als sein eigener Plan: „Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken!“ Rosefeldt erfüllt Marinettis Traum von einer technisierten, traditionsbefreiten Gesellschaft und zeigt uns den großen Kulturzerstörer Finanzkapitalismus in den Räumlichkeiten, die einmal Tradition bewahren sollten. Auf der anderen Seite musste man das Grimm-Zentrum gar nicht so dramatisch umdekorieren, um daraus einen glaubhaften Finanzstandort zu machen – auch die Bibliotheksarchitektur hat sich der Moderne angenähert.

Julian Rosefeldt, Manifesto, 2014/2015, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Julian Rosefeldt, Manifesto, 2014/2015, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Der größte Trumpf ist jedoch das Raumarrangement der Ausstellung. In einem großen Raum angeordnet laufen alle Kurzfilme Rosefeldts parallel. Der Ton läuft über aufgehängte Lautsprecher, die eine klare, auditive Abgrenzung zum nächsten Film verhindern. Daraus ergibt sich ein Stimmengewirr, das es vermag, die historische Entstehungssituation der Texte zu imitieren. Doch ähnlich wie die Manifeste der Avantgarden, die teilweise inhaltlich nicht unterschiedlicher hätten sein können, aber immer ein gemeinsames Anliegen hatten (eine Zäsur darzustellen, das Alte zu überwinden), so erzeugt auch Rosefeldt Momente der Simultanität. In jedem Film gibt es eine Sequenz, in der Cate Blanchetts Stimme sich ins Roboterhafte überschlägt. Auch wenn jeder Text bei sich bleibt, markiert die Ausstellung, wie sich zeitgleich Protest Bahn bricht, um gegen das Überkommene zu rebellieren. Dieser Umstand bringt es mit sich, dass der Besucher darauf vorbereitet sein muss, von den verschiedenen, parallel artikulierten Anliegen, überfordert zu werden. Doch auch da geht es dem Betrachter nicht anders als den Zeitgenossen der Avantgarden.


Titelbild-Quelle: Julian Rosefeldt, Manifesto, 2014/2015, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

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