Kaffee statt Kokain: Julia Zanges „Realitätsgewitter“

Zange_Realitätsgewitter

Julia Zange ist viel beschäftigt: Sie spielt gerade ihre erste Hauptrolle im Film „Mein Bruder Robert“, der 2017 in die Kinos kommen soll und hat ganz nebenbei ihren neuen Roman „Realitätsgewitter“ vorgelegt, der nicht wie der Vorläufer „Die Anstalt der besseren Mädchen“ im Suhrkamp Verlag, sondern bei Aufbau erschienen ist. Auf dem Buchumschlag verkündet Maxim Biller: „Das kann nur Julia Zange: Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr vergisst!“. Es mutet ironisch an, dass nun eben jenes Buch von Zange ein Schicksal zu ereilen droht, zu dem Biller mit seinem Roman „Esra“ den Präzedenzfall lieferte: angeblich haben Zanges Eltern eine einstweilige Verfügung gegen den Roman eingereicht [mehr hier], weil sie sich wiedererkannt haben wollen. Ist der Titel des Romans also Programm?

In den letzten Monaten ist etwas passiert. Etwas ist verschwunden und etwas anderes ist aufgetaucht. Das ganz große Versprechen, das immer in mir schlummerte, etwas, das auf Erlösung hoffte, ein Wunder, eine Frage – das gibt es nicht mehr. Es wurde ersetzt durch eine blanke tiefe Traurigkeit, ein seltsames Wohlgefühl und eine Art Langeweile.

Marla ist irgendwo in ihren Zwanzigern, kommt aus einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, lebt in Berlin-Kreuzberg und ist frustriert. Sie weiß nichts mit sich anzufangen und lebt in den Tag hinein. Ihr Philosophiestudium hat sie nach nur zwei Wochen abgebrochen: „Sobald ich Universitätsgebäude betrete, werde ich so müde, dass ich nicht mehr denken kann.“ Einen Job hat sie nicht, die Zeit vertreibt sie sich mit Facebook und dem Treffen mit flüchtigen Bekanntschaften, die meisten aus der Kreativszene, ihren Lebensunterhalt finanzieren die Eltern.

Ich werde panisch, gleich könnte sich der letzte kleine Faden lösen, an dem ich hänge, und dann bin ich weg.

Zanges Protagonistin heißt Marla, und der Name ist Programm. Viele Züge hat die Ich-Erzählerin mit der weiblichen Hauptfigur von David Finchers „Fight Club“ gemein. Beide sind deprimiert und neigen – die eine mehr, die andere weniger subtil – zur Suizidalität. Einen Ausweg aus ihrer Krise suchen sie im Kontakt mit anderen Menschen – die Marla des Romans pflegt ihre Facebook-Bekanntschaften, die Marla des Films geht in Selbsthilfegruppen.

Niemand, den ich kenne, ist in der Stadt geblieben. Alle sind zu ihren Familien in die Provinz gefahren.

Die Handlung von „Realitätsgewitter“ setzt am 23. Dezember 2015 ein. Marla findet sich alleine im unweihnachtlichen Berlin bei 14 Grad plus und verfrüht blühenden Krokussen und Hyazinthen wieder; ihre Eltern sind mit dem Bruder in den Urlaub nach Sri Lanka gefahren, von woaus sie digitale Grüße senden. Es sind aber nicht die Eltern, nach denen sich Marla sehnt, sondern ihre flüchtige Affäre Ben, ein amerikanischer Ivy League-Absolvent und Filmwissenschaftler, der aber, um seinem Ideal des „halbstarken, halbkriminellen Italo-Mannes“ möglichst nahe zu kommen, mit Drogen dealt und professionell Parties veranstaltet. Er lebt anonym – mit dem Namen des Vormieters an der Klingel – in einem Plattenbau in Kreuzberg, wo er in seinen eigenen vier Wänden die spießbürgerliche Herkunft nicht mehr verbergen kann: Als Marla ein Bier umfällt, googlet er panisch nach Fleckenentfernungs-Hausfrauentipps und nach dem Sex mit Marla muss sie gehen, damit er die Bettwäsche waschen kann.
Stattdessen verbringt sie das Weihnachtsfest mit hippen, berlinischen Zeitvertreiben wie über Facebook organisierten, anonymen Weihnachts-Dinnern mit chinesischem Fast-Food oder Partynächten.

Ben ist nicht die einzige Bekanntschaft von Marla. Im Laufe des Romans trifft die Ich-Erzählerin sich mit verschiedenen Männern, die sie kennenlernt oder bereits in ihren Facebook-Kontakten hat. Keine dieser Beziehungen geht über eine flüchtige Bekanntschaft hinaus, obwohl es gerade eine gewisse Häuslichkeit ist, nach der sich Marla zu sehnen scheint. Die Männer, mit denen sie schläft, schmeißen sie raus, obwohl sie lieber geblieben wäre. Wirklich überraschend ist dieses Motiv nicht; die Kurzlebigkeit von Marlas Beziehungen korreliert mit der Kurzlebigkeit ihrer zahllosen Facebookbekanntschaften – davon hat Marla übrigens 1675 – und spiegelt sicherlich auch bestimmte Lebensrealitäten in Berlin, wo mehr als 50% der Gesamthaushalte Ein-Personen-Haushalte sind.

Als die Eltern beschließen, Marla den Unterhalt zu streichen, um sie dazu bewegen, sich bei ihnen zu melden, ersmalltalkt sie sich bei einer Party einen Praktikumsplatz bei einem Avantgarde Modemagazin namens „The Dusty Glow“, der sie zum Besuch weiterer wilder Parties und Veranstaltungen veranlasst, die einer gewissen Berlin-Klischierung nicht entbehren: Darkroom-Einladungen im berüchtigten Club ‚Ficken 3000‘, MDMA und KO-Tropfen-Konsum, ein ‚Life Extention Guru‘ im Soho House, der durch ultragesunde Ernährung dem Tod von der Schippe springen will – ja, das kennt man. Allerdings schreibt Zange den Mythos der Partystadt Berlin um, den Marla selbst nimmt nur in wenigen Fällen am Ekzess teil, sondern ist – meist lediglich unter der Wirkung von Kaffee – Außenseiterin und Beobachterin, die ihre Umwelt absorbiert und seziert.

Zum 90. Geburtstag der Großmutter fährt Marla nach Hause zu ihrer Familie, aber auch dort findet sie nicht, was sie sucht. Die Eltern sind mit sich selbst beschäftigt und betäuben sich – wie Marlas Bekanntschaften in Berlin – mit Alkohol und Medikamenten, es kommt kein Gefühl von Heimat auf. Man liegt sich nicht in den Armen, und auf Marlas auf eine Liebeserklärung abzielenden Ausspruch „Ich frage mich manchmal wirklich, ob du mich überhaupt magst.“ folgt ein eskalierender Streit, der nach einem nichtmal 24-stündigen Aufenthalt in der nächtlichen Flucht zum Bahnhof endet.

Geht es nicht eher darum, etwas über die Realität zu erzählen, in der wir leben?

Die fünfzehn Kapitel erzählen im Präsens und suggerieren damit eine gewisse Unmittelbarkeit, die durch das Szenische der Textpassagen unterstrichen wird. Sie alle sind so kurzweilig wie die Bekanntschaften, von denen sie erzählen.

Der Romantitel „Realitätsgewitter“ ist nicht zuletzt auch ein Versprechen an den Leser: hier wird eine gegenwärtige Realität in ihrer ungemütlichsten Form gezeigt: die Einsamkeit der Großstadt, die Depression der Generation Y, die vor lauter Möglichkeiten nicht weiß, wohin mit sich. Erzählen mit Realitätsbezug heißt für Zange, Eigennamen zu nennen, am realistischsten ist aber, dass Zange keine große, hochtrabende Handlung konstruiert. Es passiert nicht viel in diesem Roman. Er wird getragen von anekdotischen Szenen, die auch nicht immer auf eine Pointe zulaufen, es ist eine gelungen atmosphärische Art des Erzählens, in der es auch nicht unbedingt um poetische Sprache geht, sondern darum, abstrakte Zustände und Gefühle möglichst genau zu beschreiben. Ob reale Personen dafür Modell standen, ist vollkommen irrelevant. Wer „Realitätsgewitter“ noch nicht gelesen hat, sollte sich Zanges neuen Roman besorgen, bevor ihn das gleiche Schicksal wie „Esra“ ereilt.


Wir danken Aufbau für das Rezensionsexemplar.

Kommentar verfassen