Karl Ove Knausgård: Die Blendung

Knausgard

Es scheint Ewigkeiten her zu sein, seit dem ein Schriftsteller es geschafft hat, eine weltumspannende Öffentlichkeit zu schaffen. Die Rede ist natürlich von Karl Ove Knausgård, dem Starautor und frischgekürten Welt-Literaturpreisträger. Wenn James Bond in Norwegen erdacht worden wäre, er sähe aus wie Knausgård: ein Mann durch dessen Gesicht sich tiefe Falten wie Fjorde ziehen. Normalerweise ist der Literaturbetrieb noch das letzte Refugium, in dem solche Oberflächlichkeiten kein Kriterium für den Erfolg ist, bei Knausgård scheint es dennoch damit zusammenzuhängen. Denn so sehr wie er Schriftsteller ist, so sehr avanciert er zum Popstar.

„Träumen“ ist der fünfte seiner sechsteiligen, autobiographischen Romanreihe und thematisiert die Jahre des Studiums in Bergen und die ersten Gehversuche als Schriftsteller. Knausgård studiert in dieser Zeit literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft, spielt in einer Band, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und verbringt die Abende bevorzugt mit dem Bierglas in der Hand. Immer wieder bringen Seitensprünge, Romanzen und fragile Beziehungen seinen Alltag durcheinander, bis er Tonje trifft, die er heiraten wird. Doch auch dann findet sein Leben nicht zur Ruhe. Die Phase der Stabilität zerbricht schließlich an einem einzigen destruktiven Moment.

„Aber da schreibe ich“, entgegnete ich. „Und wenn ich schreibe, kann ich sein, wer ich will.“

Der Autor schildert sein Bergener Milieu ziemlich genau, das sich vor allem aus künstlerisch-ambitionierten Jungerwachsenen zusammensetzt. Möchte man den Roman auch als Portrait des Literaturbetriebs lesen, wird man vieles dort erkennen, was man eh schon vermuten würde: Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, in dem es vor allem darum geht, den Status des Schriftstellers in Inszenierung und Pose schon mal vorwegzunehmen. Der Erfolg des anderen zieht Missgunst auf den einen, Selbstzweifel auf der anderen Seite nach sich. Wenn man den Originaltitel („Mein Kampf“) der Romanreihe auf diesen Kontext beziehen möchte, bekommt man ein Gefühl dafür, wie viel Kämpfe junge Menschen austragen müssen, um dem Ziel des Schriftsteller-Dasein nahezukommen.

„Es ist die Rezeption, die das Werk oder den Künstler definiert, womit die Künstler natürlich auch spielen. Unabhängig davon, ob sie nun einen hohen oder niedrigen Status haben, ist alles Pose.“

Der Begriff „Roman“ gerät im Angesicht des Knausgård’schen Werk in Schwierigkeiten. Schließlich beteuert der Autor – und das Feuilleton preist ihn genau dafür – immer wieder die schonungslose Ehrlichkeit in seinen autobiographischen Schilderungen. Dass mit dem Begriff der Ehrlichkeit eigentlich ein anderer Begriff, der der Authentizität, wieder eingeführt wird, den wir eigentlich schon längst für überwunden hielten, scheint niemanden zu stören. Knausgård balanciert dabei regelmäßig an der Grenze der Persönlichkeitsrechte. Seine Offenheit über private Details haben schon Gegendarstellungen nach sich gezogen. Man mag ihn diesen Punkt noch am ehesten verzeihen. Schließlich hat man im Falle Maxim Biller und dem Roman „Esra“ beobachten können, was passiert, wenn Persönlichkeitsrechte mehr wiegen als Kunstfreiheit.

„Ich habe das Gefühl, nicht gut genug zu sein, um dazuzugehören. Ich schreibe einfach nicht gut genug.“

Dennoch kann man auch an diesem Phänomen eine völlige Kapitulation der Literaturkritik erkennen. Der Wirbel, der um den norwegischen Schriftsteller entstanden ist, ist längst zu einem handfesten Tsunami geworden, der die Bewertungskriterien gelungener Literatur hinfort wehen ließ. Knausgård wurde an unzähligen Stellen für seinen Mut gelobt, sich auf dem Papier bis auf die Unterhose auszuziehen. Doch die Kritiker verschweigen, dass er auch etliches an fremder Unterwäsche hervorkramt. Dass sich ein – häufig unerträglich larmoyanter – Schriftsteller auf sechs Bänden und tausenden Seiten bis zur intellektuellen Bewusstlosigkeit ausbreitet und die Kritik sich auch noch mit tränenden Augen verbeugt, ist die eigentliche Sensation. Dass eine solche Literatur in die Zeit der sozialen Netzwerke passt, hat Denis Scheck zu dem nüchternen, wie adäquaten Urteil der „Selfie-Literatur“ kommen lassen. Und er hat natürlich Recht. An dem internationalen Phänomen Knausgård lässt sich nämlich ein Kuriosum beobachten: Zwar feierte der Autor schon erste Erfolge vor „Min Kamp“, aber einem europäischen, gar internationalen Massenpublikum ist er erst mit der Publikation der Romanreihe in Erscheinung getreten. Und seit dem verfallen Scharen von Menschen der Biographie eines Menschen, von dem sie nur wissen, dass er eine Biographie geschrieben hat. Knausgård hat damit erreicht, dass wir uns trotz der Unkenntnis seiner Person für seine Lebensgeschichte interessieren sollen. Ähnlich funktioniert das Fernsehen unserer Gegenwart, in dem Prominente produziert werden, die nur prominent sind, weil sie im Fernsehen zu sehen sind. Denn seine Biographie trägt nichts Exemplarisches vor. Sie kann nicht als Epochenspiegel dienen und auch nicht als Bildungsroman.

Im Grunde gibt es nur zwei Existenzformen, dachte ich, eine, die an den Ort gebunden ist, und eine, die dies nicht ist.

Dass diese extreme Form der Selbstinzenierung trotzdem glückt, mag an dem Vermarktungsgenie des Autors liegen. Knausgård bedient die ganze Klaviatur der Schriftstellerklischees. Er trinkt, er raucht, er brütet und scheint verloren in der Welt. In Zeiten, in denen die deutsche Literatur knuffige Typen wie Daniel Kehlmann hervorbringt, bedient Knausgård ein Verlangen nach einem Rockstar. In einem Interview mit der Welt behauptete er: „Das Buch handelt davon, wie man ist, wenn niemand zuschaut.“ Umgekehrt wird natürlich ein Schuh draus: Das Buch handelt davon, wie man zu Ruhm gelangen kann, wenn man die ganze Welt dabei zuschauen lässt.

Neben der Ehrlichkeit ging es der Kritik vor allem darum, herauszustreichen, welch unglaubliche Sogwirkung mit dieser Literatur erzielt wird. Das erscheint nachvollziehbar, schließlich hat Knausgård es geschafft, im Feuilleton Romane zu platzieren, die so barrierefrei und voraussetzungslos daherkommen wie sonst nur Groschenromane. Da ist kein Widerstand beim Lesen, kein störendes Element. Dass er dabei noch ganz offen einen stilfreien Schreibstil propagiert, den es so natürlich nicht geben kann, geht dann schon längst im Jubel unter. Genauso wie Sätze von jener Qualität: „Die Landschaft vor dem Zugfenster war so schön, dass es einem wehtat.“

Wenn man dann zum hundertsten Mal mit Knausgård zur Bar gegangen ist und ein Bier bestellt hat, hat der Autor einen entweder vollkommen in seiner Hand oder man zieht die Notbremse. Und so mag jeder selbst entscheiden, ob er wissen möchte, wie ein mittelmäßiger Schriftsteller Dinge wie diese erledigt:

Ich sollte an diesem Vormittag ohnehin bei ihm putzen, konnte es also ebenso gut sofort erledigen, überlegte ich mir, ließ Wasser in den roten Eimer laufen, gab einen kleinen Spritzer Schmierseife dazu, nahm mir den Aufnehmer und Schrubber und begann, das Wohnzimmer zu putzen, das hinter dem Schlafzimmer lag, danach den Flur, das Schlafzimmer und die kleine Essnische.

Man mag mit dem Autor selbst sagen: „Doch das ist erstaunlich wenig.“


Wir danken Luchterhand für das Rezensionsexemplar.

8 Kommentare

  1. Ich glaube nicht an eine Selbstinszenierung des Autors. Ich glaube an die persönliche Wirkung des Buches auf mich. Und seit wann muss ein Schriftsteller Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer nehmen? Hat Thomas Bernhard das je getan? Klar, der Vergleich hinkt, zumindest vom sprachlichen Anspruch her. Aber Knausgard wirkt nicht über die Sprache, er wirkt über das, was er im Leser bewirkt…finde ich.

    • Nein, natürlich hat ein Autor erst mal keine direkte, ethische Verpflichtung die Gefühle anderer beim Schreiben zu schonen. Ich finde nur einigermaßen erstaunlich, dass die immer wieder selbst und vom Feuilleton herausgestelllte Schonungslosigkeit Knausgards in großen Teilen darin besteht, private Einblicke in das Leben anderer zu geben. Das ist ja auch okay, aber ich kann dann nicht mehr so richtig den Mut erkennen, der ihm unterstellt wird.
      Was wäre denn die Wirkung auf dich, von der du sprichst?

      • Das ist das Seltsame…ich lese und merke, die Sprache ist es nicht. Dann frage ich mich, was es ist. Und merke, es ist ein Sog…ich weiß, dieses Bild vom Sog wurde auch Millionen mal vom Feuilleton heraufbeschworen, aber anders kann ich es auch nicht ausdrücken. Und der Sog war bei mir auch schon da, bevor sich die Presse auf Knausgard gestürzt hat. Als das erste Buch „Sterben“ erschien, war ich noch als Buchhändlerin tätig und da gab es nur wenig Interesse, was vielleicht auch an Titel und Thema lag. Ich werde jedenfalls weiter lesen und forschen, um es irgendwann vielleicht genauer benennen zu können. (Möglicherweise hat es etwas mit Sehnsucht zu tun…)
        Tatsächlich wundert mich diese Glorifizierung in den Medien schon auch…

        • Ich kann das mit dem Sog schon verstehen. Allerdings glaube ich, wenn sich die Sprache so bewusst in den Hintergrund drängt und – um mal mit Jakobson zu sprechen – die poetische Funktion der Sprache verschwindet, muss das in der Kritik und bei dem Rezipienten schon Misstrauen hervorrufen. Denn dann hört es auf Literatur zu sein und kippt ins rein Konsumierbare.
          Aber ich bin gespannt, ob du noch zu Beobachtungen kommst, die vielleicht ein anderes Licht drauf werfen.

    • „Aber Knausgard wirkt nicht über die Sprache, er wirkt über das, was er im Leser bewirkt“

      Die Leere seines Werkes bietet wohl vielen Lesern ausreichend Resonanzraum, um über sich selbst nachzudenken. Wenn es denn hilft…

  2. Danke für die schöne Besprechung, die mir besser gefallen hat, als die Ausschnitte aus dem Roman. Habe den Knausgard nicht gelesen und auch keine Lust dazu. Bislang hört sich das so an, als werde hier vor allem der Voyeurismus bedient wie auch schon damals bei Big Brother, der Fernsehsendung, die bei einigen Leuten ja ein regelrechtes Suchtverhalten ausgelöst hat.
    Mich reizt an Literatur, dass sie eben über das reine Beschreiben, die bloßen Reproduktion des Geschehens hinausgehen kann, zum Beispiel Vergleiche zieht, analysiert, kommentiert oder einfach schön ausmalt und mehr. Der Roman scheint ja nicht einmal formal die Konventionen des Üblichen zu überschreiten. Vermutlich ist das jetzt ein Vorurteil, aber ich warte noch darauf, dass mich jemand vom Gegenteil überzeugt. Deshalb sage ich zu Knausgard: thanks, but no thanks.

  3. Sehr schöne Analyse. Nachdem man an dem Hype nicht vorbeikommt, habe ich mir unlängst eines der Bücher als TB-Ausgabe besorgt, um wenigstens einen Eindruck zu haben. Nach einem Viertel zugeklappt – eben wegen „dieser stellenweise unterträglichen Larmoyanz“. Ja, für mich auch nicht nachzuvollziehen: Der Kniefall der Kritik vor diesem „Romanzyklus“, dass viele Leser da Suchtverhalten entwickeln ist mir noch eher verständlich – das ist wie Warten auf den nächsten Harry Potter.

  4. Pingback: Andreas Mosters „wir leben hier, seit wir geboren sind“: Wir, Ich und das Andere – Zeilensprünge.

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