Karl Schefflers Berlin: Aufs falsche Pferd gesetzt

Scheffler

Berlin verändert nicht nur sich selbst, Berlin verändert auch das Gesicht der Bundesrepublik. Anstelle des verschlafenen, aber sympathischen Provinznestes Bonn ist die Millionenstadt Berlin getreten und das hatte Folgen: Mit magnetischer Wirkung zog die neue Hauptstadt politische Spieler, kulturelle Einrichtungen und Wirtschaftsunternehmen an und beendete damit eine jahrzehntelang bestehende föderale Ordnung Deutschlands, die sich nicht nur auf das Politische beschränkte. Das Berlin unserer Tage ist längst nicht mehr nur die unschuldige Partyspielwiese junger Schweden und Spanier, sondern ein Ort, an dem kulturelle und politische Macht kulminiert. Es lohnt daher unbedingt, über diese Stadt und was sie mit dem Rest Deutschlands anstellt, Überlegungen anzustellen. Florian Illies, Feuilletonist und Autor des Verkaufserfolgs „1913“, hat sich für dieses Vorhaben etwas ausgedacht: Er hat Karl Schefflers „Berlin – ein Stadtschicksal“ wieder ausgegraben, um zu zeigen, wie scharf die Kritikerklinge Schefflers auch nach hundert Jahren noch ist und wie Berlin immer noch an denselben Problemen laboriert. Doch leider hat er es versäumt, Scheffler genau zu lesen.

Karl Scheffler, 1869 in Hamburg geboren, galt als einer der führenden Kunstkritiker seiner Zeit. Der Nachwelt ist er vor allem durch den Berliner Museumskrieg bekannt – einer programmatischen Auseinandersetzung mit Ludwig Justi über die Ausrichtung der Neuen Abteilung der Nationalgalerie. 1910 veröffentlichte er seine Streitschrift „Berlin – ein Stadtschicksal“. In feuilletonistischer, häufig polemischer Form setzt er sich dort mit der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs auseinander, um zu zeigen: Diese deutsche Haupstadt ist eine Anomalie in Europa, die sich vor allem durch Unkultur, Unstetigkeit und Geschmacklosigkeit auszeichnet.

Jede Stadt ist ein Individuum.

Für seine Überlegungen geht Scheffler von einer Typologie der Städte aus. Über einen kleineren, vulgärhistorischen Abriss kommt der Autor zu der Erkenntnis, anders als Dresden oder München, bei denen es sich um Kulturstädte handelt, Berlin war und ist immer Kolonialstadt geblieben: „Der Osten! Das will sagen: das weite, flache unermeßliche Vorland des Deutschtums, das alte Kolonialland, den Wenden und Polen, der untüchtigeren slawischen Rasse, Stück für Stück entrissen […]“ Berlin sieht er als letzten Vorposten vor der Barbarei. Doch die Stadt konnte sich diesem Einfluss nicht entziehen und, so beklagt Scheffler, war immer schon Migrationsziel von Osteuropäern.

Der ständige Zu- und Wegzug von Migrationsströmen hätte Berlin geprägt und zu einer Stadt der Kolonisten und Desperados gemacht. Berlin als Wildwest-Stadt? Dem Autor ist es damit sehr ernst. Er erkennt die dadurch entstandene Unruhe in jedem Winkel, aber vor allem im Stadtbild. Empört zeigt er sich über wild zusammengeworfene Stadtteile, die weder homogen wirken, noch ein Bild über ihre Bewohner vermitteln. Berlins Architektur strukturiert sich vor allem über die Arbeit und das preußische Soldatentums. Die vielen Mietskasernen und Garnisonen sind seine Zeugen. In diesem Gewirr fehlt es Berlin an einer Mitte: Im Vergleich zu London hält Scheffler Berlins historisches Zentrum für einen kleingeistigen Witz.

Die Kulturgeschichte Preußens ist vor allem eine Soldatengeschichte […]

Man mag das für tragisch halten oder nicht. Manche von den Punkten, die der Autor macht, ist einleuchtend. In Berlin finden sich viele Beispiele für architektonischen Kleinmut. Wie Illies im Vorwort richtig feststellt, hätte Scheffler seine grausame Freude an der Wiedererrichtung des von ihm damals schon verhassten Stadtschlosses gehabt. Da er Kunstkritiker war, lesen sich vor allem seine Ausführungen zur Architektur oder Kunst Berlins mit Gewinn. Doch Historiker war er leider nicht. Zwar stellt er richtigerweise die Unterschiede Berlins zu anderen europäischen Hauptstädten fest („Alle Hauptstädte Europas sind anders entstanden als Berlin.“) oder kritisiert, dass es, wiederum anders als in Frankreich oder England, unter den deutschen Kulturschaffenden keine Bewegung hin zum Zentrum gab, verkennt aber die historischen Zusammenhänge: Während Frankreich und England zentralistisch strukturiert waren, war auch das Deutsche Kaiserreich viel föderaler geprägt. Das war die Bedingung dafür, dass sich immer wieder lokale Kunstszenen wie in München oder Dresden gebildet haben. Auch seine Kritik am Berliner Architektureklektizismus – „Diese Epoche des bewußtem Eklektizismus hat aus Berlin eine Stadt heller, nüchterner Putzbaumonumentalität gemacht.“ – scheint zunächst einen wunden Punkt zu treffen. Schaut man sich aber an, wie zeitgenössische Kritiker den Bau der Wiener Ringstraße aufgenommen haben, merkt man bald, dass dieses Phänomen keineswegs etwas Berlin-typisches ist.

Berlin ist vielmehr wie ein riesiges Notgebilde und schwerer als andere Städte als Einheit zu begreifen.

Doch solche Ungenauigkeiten, die vor lauter Polemik vorkommen können, sind geschenkt. Viel irritierender sind Schefflers deutlich völkisch-motivierte Argumentation und offene Modernitätsabscheu, die sich, wie so häufig in Deutschland, in Antiamerikanismus äußert. Die „untüchtigen Slawen“ wurden bereits erwähnt; des Weiteren spricht der Autor von „Blutmischung“ oder beschreibt die sogenannten Slawen auch als „Flut“. Das klingt nicht nur vage nach dem Rassismus eines „Soll und Haben“. Die Übel Berlins werden in diesem Text teilweise sehr treffend und schwarzhumorig beschrieben. Doch jedem einigermaßen aufmerksamen Leser müsste das Lachen im Halse stecken bleiben, wenn Scheffler zu seiner Begründung für diese Missstände kommt. Denn diese seien auf den verderblichen Einfluss des osteuropäischen Zuzugs zurückzuführen. Daneben erscheint es fast gütig, dass er die Berliner Juden zwar für ihre Kulturfreudigkeit und ihr Traditionsbewusstsein lobt, aber sie gleichzeitig als Materialisten verdammt.

Dazu kommt die generelle Skepsis gegen alles Moderne, die dem Kenner der deutschen Literatur nur allzu bekannt vorkommt:

Nicht so sehr als Kaiserstadt und Reichshauptstadt, sondern als Vormacht des immer mächtiger heraufkommenden Amerikanismus hat Berlin sich seine Herrscherstellung im wirtschaftlichen Leben des neuen Deutschland errungen. Es hat gesiegt im Namen der Welttendenz, die darin besteht, daß die Jahrhundertalten nationalen Kulturwerte aufgeopfert werden, um an ihre Stelle internationale Zivilisationswerte zu setzen.

Nein, hier spricht nicht Thomas Mann, obwohl es in seinen berüchtigten „Bekenntnissen eines Unpolitischen“ wortwörtlich so stehen könnte. Der Antagonismus „Kultur“ und „Zivilisation“ war und ist in Deutschland ein gern gewählter Topos, um die eigene Überlegenheit zu den westlichen Demokratien darzustellen. Berlin befindet sich im Klammergriff zwischen Slawentum und Amerikanisierung und Scheffler hat wenig Hoffnung, dass sich Berlin mit der Zeit aus dieser Misere befreien kann.

Wie kann, wie muss Kritik mit diesem Text umgehen? Natürlich erscheint es wenig hilfreich, sich nun nachträglichen über das geistige Erbe Schefflers zu empören. Rassistische und völkische Argumentationslinien waren traurige Tatsache seiner Zeit. Doch Kritik kann sich anschauen, wie die heutige Rezeption damit umgeht und die Beobachtungen fallen erschreckend aus. Weder Christoph Schröder in der ZEIT, noch Bernhard Schulz im Tagesspiegel gehen auf Schefflers Ausfälle ein. Noch erschreckender: Auch Florian Illies erwähnt sie in seiner Vorbemerkung mit keinem Wort, wie zumindest Marc Reichwein in der Welt richtig bemerkt. Florian Illies muss klar sein, dass er mit seinem Vorwort eine Stimmung setzt, mit dem dieser Text aufgenommen wird. Er hat sich dafür entschieden, in schunkelnder Weise ins Berlin-Bashing einzusteigen, anstatt das Buch aufrichtig zu kontextualisieren. Scheinbar ist quer durch die Republik die Lust am Hohn über Berlin so groß, dass man alle Bedenken während des Lesens allzu gern wegwischte.

Es fehlt das Pathos, das falsche, aber auch das echte, und damit fehlt die Fähigkeit, sich schön darzustellen.

An Berlin gibt es genug Punkte, die zu kritisieren sind: Der ständige Hang dazu, sich selbst zu wichtig zu nehmen, die lebensfeindliche Nüchternheit oder die offene Kultur der Unfreundlichkeit. Und auch bei Scheffler erwischt man sich selbst immer wieder beim zustimmenden Nicken oder beim Amüsieren. Scheffler kann wunderbar auf Pointe schreiben. So hat er hundert Jahre früher den Wowereitschen Ausspruch etwas anders vorweggenommen, wenn er die Berliner Esskultur beschreibt: „Prächtig aber billig“. Doch dass dieses Buch als gutgelaunte Berlin-Abrechnung in den Umlauf gelangt ist, ist eine intellektuelle Fehlleistung, die natürlich vor allem Illies anzulasten ist. So sehr dieses Buch Polemik ist, so sehr ist es auch Zeugnis der Gewalt, des Rassismus und des Ressentiments. Karl Scheffler ist ein typisch-deutscher Spießer, der in Berlin lieber ein Fachwerkdorf Schwarzwälder-Art gefunden hätte. Nicht umsonst ist er schließlich im schwäbischen Überlingen gestorben. Sein „Berlin – ein Stadtschicksal“ ist dennoch eine lohnenswerte Lektüre, allerdings nicht aus den Gründen mit denen es uns Florian Illies anpreist. Berlin-Kritik gerne, aber nicht so:

Es ist möglich, daß Berlin im Verlauf dieses Rassenkampfes mehr als bisher zu einer spezifisch deutschen Stadt wird; aber es ist auch möglich, ist sogar wahrscheinlich, daß die slawischen Elemente energischer noch als bisher von der an der Spree emporgeschossenen Riesenkarawamserei Besitz ergreifen werden.


Wir danken dem Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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