Katerina Poladjans »Hier sind Löwen«: Dark Side of the Moon

Die Weltliteratur ist voller Bücher über Büchermenschen: Schriftstellerinnen, Bibliothekarinnen, Archivarinnen, Literaturwissenschaftlerinnen, Buchhändlerinnen. Meist tritt Literatur dann in Selbstreflexion und überdenkt ihre inneren wie äußeren Umstände. Daraus kann ganz große Literatur wie zum Beispiel bei Canettis »Die Blendung« werden oder es wird so anstrengend wie wenn Thomas Mann über Goethe schreibt. Buchrestauratorinnen sind jedoch selten dabei. In »Hier sind Löwen« von Katerina Poladjan tritt genau eine solche Figur aufs Tableau.

Anders als die Schriftstellerin hat die Buchrestauratorin einen gänzlich materiellen Zugang zum Text. Anstatt in die hermeneutische Nahbetrachtung zu gehen, ist ihre vornehmliche Sorge die Unversehrtheit des Materials, das den Inhalt bindet. In »Hier sind Löwen« wird dieser Typus Buchmensch von Helen verkörpert, die den Beruf der Restauratorin in Istanbul gelernt hat und im Zuge eines Kulturaustausches nach Armenien, nach Jerewan reist. Dort soll sie in die armenische Buchkunst eingeführt werden und ist mit Texten konfrontiert, zu deren Inhalten sie aufgrund fehlender Sprachkenntnisse keinen Zugang hat: »Bisher hatte es mich nie gestört, an Büchern zu arbeiten, die ich nicht lesen konnte.«

Denk ich an seinen Schreibtisch, sehe ich aufgeschlagen eine altgriechische Ausgabe der Ilias.

Die Reise nach Armenien ist aber auch eine Reise in die eigene Vergangenheit, denn Helen ist vom Familiennamen eine Mazavian, eine Armenierin. In Deutschland aufgewachsen trifft sie auf ein Land, das sie nicht kennt, in dem sie sich aber zum ersten Mal in ihrem Leben als nicht zu viel armenisch, wie in Deutschland versteht, sondern eher zu wenig. Denn auch wenn die Protagonistin davon spricht, dass sich ihr Nachname zum ersten Mal anfühlt, als wäre er an Ort und Stelle, hat das Armenien, das sie antrifft, wenig mit den Exilcommunities zu tun, die sich über die ganze Welt verstreut gebildet haben.

›Der Kaukasus ist dunkel.‹

Stattdessen trifft sie ein Land an, das immer noch an seiner Vergangenheit laboriert (»›In Armenien macht man sich mehr Sorgen um die Vergangenheit als um die Zukunft.‹«), denn der Völkermord durch die Osmanen und der Zerfall zweier Imperialer Räume (erst der des Osmanischen Reiches, dann der Sowjetunion) hat das Land zerrissen. Das Ergebnis war ein Massenexodus aus dem kleinen Land und dem Bergkarabachkonflikt mit Aserbaidschan. In diesem Krisenraum, in dem Gegenwart und Zukunft unter ständiger Bedrohung zu stehen scheinen, bekommt die Vergangenheit eine besondere Bedeutung zugewiesen.

Der Kaukasus war in der Antike die Grenze Europas, und der Gebrauch von Kordeln in der armenischen Bindetechnik verriet den christlich-byzantinischen Einfluss.

So beginnt sie ihre Tätigkeit in den Archiven, die voll mit Büchern stehen, die auf die Rettung fähiger Hände warten. Eines der ersten Bücher ist eine Familienbibel, in der sie die Notiz entdeckt: »›Hrant will nicht aufwachen.‹«. Auf der Ebene des Erzählens ist dies das Startsignal für die Eröffnung einer weiteren Strang (oder Faden, im Sinne des Buchbindens), der den genannten Hrant und seine Schwester Anahid thematisiert, wie sie als Überlebende von Massakern 1915 nur mit der Familienbibel flüchten. Während die Erzählebene dem konkreten Raum von Jerewan verpflichtet ist, schlägt die Ebene von Hrant und Anahid einen phantastischeren, zeitenthobenen Ton an.

Erzähl mir von zu Hause, Anahid.

Beide Erzählebenen werden wechselseitig über den Lauf der zweiten Hälfte eingeblendet und künden von den schwierigen Verwicklungen der armenischen Vergangenheit. Hrant und Anahid schließen die Lücke, die Helens Unkenntnis über die armenische Sprache und Kultur entstehen lässt. Da wo Helen sich für das Material des Buches interessiert, interessiert sich die Literatur für die Geschichte, die im Buch eingeschlossen ist. Diese zwei Perspektiven auf ein historisches Artefakt zu werfen, ist eine der vielen guten Ideen, die der Roman hat.

Es gibt Abertausende Schichten, und ich kratze an der Oberfläche herum, schabe Schmutz, löse Verklebungen.

Das Problem von »Hier sind Löwen« ist jedoch, dass es häufig bei diesen Ideen bleibt. Gerade die Passagen in Helens Gegenwart, ihr Erkunden Armeniens bleiben häufig blass. Dafür dass diese Erzählebene von vielen Dialogen geprägt ist, entwickelt der Roman keinen schneidenden Sound. Entweder Gespräche plätschern an der Leserin vorbei oder aber sie entwickeln einen unangenehmen Kitsch. Oder anders gesagt: Die Tiefe des historischen Raumes wird nur unzureichend von einer Tiefe des Textes abgeholt. So zum Beispiel, wenn die Vielschichtigkeit der Konflikte darüber thematisiert wird, dass der Ararat (eine der Zentralmotive des Romans) von verschiedenen Perspektiven aus zu beobachten ist: »›Wie sieht der Berg wohl von der anderen Seite aus?‹«

›Soll ich dir Jerewan von der anderen Seite zeigen?‹

Das ist bedauerlich, denn in »Hier sind Löwen« steckt viel Potential. Es ist ein Roman über die Last der Vergangenheit, über das Sich-Verlassen-Fühlen (»›Jeder Armenier in der Welt könnte nach Armenien zurückkehren, aber sie denken nicht daran, es zu tun.‹«) und darüber, wie wertvoll es trotz aller Last ist, sich der Vergangenheit anzunehmen und sie zu hüten. So ist es vielleicht folgerichtig, dass der Roman gerade da zu scheitern droht, wo er die Gegenwart betritt.