Kein Blatt ist unbeschrieben: Mercedes Lauensteins „Blanca“

In jeder Jugend kommt der Punkt, an dem man am liebsten die sieben Sachen packen und von zu Hause weglaufen möchte. Einige verschwinden wirklich für ein paar Stunden, bei anderen bleibt das Ausreißen nur Gedankenspiel. Wenn das Ziel auch individuell variiert – es geht um die Reise, und die ist aufregend, abenteuerlich, alles andere als Alltag.
In Mercedes Lauensteins Roman „Blanca“ ist es die gleichnamige Protagonistin, die ganz allein nach Italien aufbricht: ein literarischer Roadtrip mit Höhen und Tiefen.

Für mich war immer alles neu. Nur eins war ich gewohnt. Das Nie-Ankommen, das Nie-Dazugehören.

Nach einem Streit mit ihrer Mutter entschließt sich die 15-jährige Blanca, von zu Hause wegzulaufen. Von einem „Zuhause“ kann jedoch genau genommen kaum die Rede sein. Seit sie denken kann ist die Ich-Erzählerin mit ihrer Mutter Anna – „Sie war gerade einmal sechszehn Jahre älter als ich.“ – unterwegs, von Stadt zu Stadt, von Wohnung zu Wohnung, Schule zu Schule. Überall bleiben sie nur wenige Monate. Außer ihrer Mutter hat Blanca niemanden, zu den Großeltern gab es schon vor deren Tod keinen Kontakt mehr, ihren Vater kennt sie nicht, sie stellt sich vor, er sei einer der Sänger, die sie im Radio hört. Und auch das Mutter-Tochter-Verhältnis ist nicht gerade liebevoll – regelmäßig geraten die beiden aneinander. Nach einem Streit wird Blanca von Anna an einer Landstraße ausgesetzt und erst abends wieder abgeholt. An dem Tag, an dem sich die Tochter entschließt zu gehen, hat ihre Mutter gerade eine massive, gläserne Auflaufform nach ihrer Tochter geworfen, die der rettenden Badezimmertür einen tiefen Riss versetzte.

Meine Mutter ist so eine Art real-life-Schauspielerin. Ihre Bühne ist die Straße, ihr Gehalt besteht nicht aus Scheinen und Münzen, sondern aus Sachwerten, Kost und Logis. Sie tischt den Leuten irgendeine Geschichte auf, wieso wir gerade keine Wohnung haben, und schon organisieren sie uns irgendetwas.

Blancas Ziel: Ein Haus in Italien, in dem sie gemeinsam mit Toni, dessen Vater Karl und Anna sechs Jahre zuvor einen Sommer verbrachte. Als sie von Hamburg Richtung Süden aufbricht, hat sie ein paar Wechselklamotten, ein Notizbuch, 403,20 Euro aus der geheimen Spardose ihrer Mutter und ein Zugticket nach Florenz im Gepäck. Nach 250 Romanseiten ist von all dem nichts mehr übrig.

Lauensteins erster Roman ist ein Roadtrip-Novel, wie der amerikanische Klassiker On the road von Jack Kerouac, Tschick von Wolfgang Herrndorf oder zuletzt auch Widerfahrnis, mit dem Bodo Kirchhoff 2016 den Deutschen Buchpreis gewann. Der einzige Unterschied: Meist ist Blanca nicht mit dem Auto, sondern mit dem Zug, dem Bus oder zu Fuß unterwegs. Auf ihrem Weg begegnet sie alten Bekannten, schließt neue Freundschaften, lacht, weint, ist verzweifelt, schöpft neue Hoffnung und hat neben dem geographischen Ziel noch etwas anderes, was sie antreibt: Blanca sucht sich selbst.

Ich hatte Angst vorm Sterben, aber noch mehr Angst hatte ich vor dem Leben.

Bei einer so exzentrischen, extravaganten Mutter ist das vielleicht wenig verwunderlich. Immer wieder wird Blanca aus ihrem Umfeld gerissen, wenn sie sich gerade daran gewöhnt hat. Ständig wird sie von einem Ort an den nächsten verpflanzt, schlägt nirgends Wurzeln, ist heimatlos. Was ihr Halt gibt, ist ihr Notizbuch, das sie Seite um Seite akribisch mit Inventurlisten, Zeichnungen, Ideen und Plänen füllt. Als ihre Sachen geklaut werden, tut es ihr nur um das Notizbuch leid. Die Seiten, die Schrift, sind ihr Zuhause geworden – genau wie auf metapoetischer Ebene die Literatur, eben jener Roman das Zuhause der literarischen Figur Blanca ist.

Schon der Name der Protagonistin, der den Roman übertitelt, deutet darauf hin: Blanca, das spanische Wort für „weiß“, lässt unweigerlich an Tabula rasa, das unbeschriebene Blatt und an Unschuld denken. Auf den letzten Romanseiten stellt die Ich-Erzählerin fest, was längst überdeutlich wurde:

„‚Weiß'“, wie ein weißes Blatt. Das war ihre Idee für uns, für einen Neuanfang, eine ganz neue Generation nach dem Bruch mit ihren Wurzeln. Dem Bruch mit allen Traditionen. […]
Ich bin kein unbeschriebenes Blatt. Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt.

Denn auch Blanca fällt in die Muster ihrer Mutter zurück, erzählt „plötzlich einfach so“ Geschichten, die ihr spontan einfallen, und von denen sie sich Vorteile für den weiteren Weg oder auch nur ein wenig Anerkennung erhofft. Auch sie findet Zuflucht bei Fremden, wo sie für wenige Nächte bleibt, bevor sie ohne Abschied einfach verschwindet. Redensartlich führen alle Wege nach Rom – Blancas Wege führen zu ihrer Mutter.

Ich reibe mir die Augen. Zwei Wimpern fallen aus.

Zweifelsfrei gehörte Lauensteins literarisches Debüt Nachts – Erzählungen, in denen eine Ich-Erzählerin durch die nächtlichen Straßen von München streift und an fremden Wohnungen klingelt – zu den besten Erstlingswerken der letzten Jahre: Es schien, Lauenstein habe bereits ihren ganz eigenen, etwas verschrobenen Sound gefunden, melancholisch, detailgenau und glasklar. Die Erwartungen an ihren ersten Roman waren entsprechend hoch. Erfüllen konnte Blanca sie nur bedingt.

So poetisch durchkomponiert wie Nachts ist Lauensteins zweites Buch nicht. Der unmittelbare, präsentische Erzählton der Ich-Erzählerin, die den Lesenden an allem teilhaben lässt, wirkt lässig, jung und dem Stoff entsprechend, aber nicht so radikal neu und literarisch, wie es in den Erzählungen der Fall war. Trotzdem entwickelt der Roman auf den handlichen 250 Seiten einen Drive, der einen durch die Seiten fliegen lässt. In der Faszination der Protagonistin für Kleintiere – vor allem Fliegen und Käfer – lässt sich auch die melancholische Detailverliebtheit aus Nachts wiedererkennen:

Eine Fliege schwirrt um mich herum, sie setzt sich immer wieder auf meine Hände, auf meinen Kopf, auf meine Füße. Erst nervt sie mich, aber dann merke ich, dass sie taubelt. Sie kann einfach nicht weiterfliegen und landet immer wieder auf mir, um sich auszuruhen. Ruh dich aus, kleine Fliege, du kannst hier sitzen bleiben. […] Dann merke ich plötzlich, dass sie sich gar nicht ausruht. Sondern dass sie tot ist. […] Ich nehme sie an einem Flügel und setze sie sie ins Brunnenwasser, die Oberflächenspannung trägt sie. Die Seebestattung einer Königin.

Blanca ist eine Mischung aus Wolfgang Herrndorfs Tschick und Kukolka, dem Debütroman von Lana Lux, der ebenfalls in diesem Jahr bei Aufbau erschien: Die kurzweilige Lektüre lohnt, so unvergesslich wie die Figuren aus Nachts ist Blanca aber leider nicht.


Wir danken dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.