Kein Neuanfang nach ’45: Christian Adams „Traum vom Jahre Null“

Adam_Jahre Null

Im Sommer 1945 liegt Deutschland in Trümmern: Der Krieg ist verloren, der NS-Staat zusammengebrochen, der Bevölkerung fehlt es am Nötigsten. Die einzige Hoffnung für viele: im Ende des Alten sehen sie eine Chance auf einen Neuanfang, einen radikalen Umbruch, eine ‚Stunde Null‘. Die Entnazifizierungsverfahren der alliierten Besatzungsmächte scheinen ihnen Recht zu geben. Die alten Eliten werden aus ihren leitenden Positionen entlassen und müssen Rechenschaft ablegen. Doch gab es diesen Neuanfang nach 1945 wirklich? In seiner Studie „Der Traum vom Jahre Null“ befasst sich Christian Adam mit dem deutschen Literaturbetrieb nach 1945, den Lesegewohnheiten der Deutschen, dem Umgang der Literatur mit dem Krieg und dem Personal des Literaturbetriebs und stellt fest: Der Traum von der Stunde Null ist nur ein Mythos.

Umgehend nach der Kapitulation der Wehrmacht beginnen die Alliierten mit der Entnazifizierung der Deutschen. Es ist viel zutun: In den zwölf Jahren der Herrschaft hat der totalitäre NS-Staat mit seiner Propaganda die Gesellschaft stark geprägt. Auch der Buchmarkt war von Anfang an betroffen. Bereits im Frühjahr 1933 kommt es in Berlin im Zuge der „Aktion wider den undeutschen Geist“ zur großen Bücherverbrennung, schwarze Listen schreiben vor, welche Bücher gedruckt, gekauft, von Bibliotheken entliehen und gelesen werden dürfen und welche als „undeutsch“ der Zensur zum Opfer fallen. Unter den nicht mehr zugänglichen Büchern befanden sich große Namen: Stefan Zweig, die Mann-Familie, Erich Kästner, Bert Brecht und Irmgard Keun gehörten in der Weimarer Republik zu den viel gelesenen und noch heute hoch geschätzten Schriftstellern. Warum die Nazis den gefühlt halben Kanon der deutschsprachigen Literatur verboten? Sie wussten um die Bedeutung von Literatur und den Einfluss, den die Lektüre von Büchern auf das Weltbild haben kann: „Bücher seien die wirkmächtigsten Beeinflussungsmedien.“

Gleiches Wissen hatten auch die Alliierten. Es verwundert daher nicht, dass auch sie nach 1945 begannen, in den deutschen Buchmarkt einzugreifen. Mit den gleichen Methoden – aber natürlich mit einem anderen Ziel – verboten sie die Propagandawerke der Nazis listenweise und entfernten sie aus Buchhandlungen und Bibliotheken. Wer neu publizieren wollte, brauchte eine Lizenz, jede Druckfahne wurde auf seinen Inhalt hin geprüft.
Nach Gründung der Bundesrepublik und der einhergehenden Spaltung Deutschlands lassen sich einige unterschiedliche Tendenzen zwischen West- und Ost-Buchmarkt ausmachen: Während es in der BRD zu einer Liberalisierung des Buchmarkts kommt, die das Buch zum Konsumgut machen und die Verleger bestimmen lassen, was publiziert wird und was nicht, geht die Kontrolle und Zensur der Literatur in der DDR weiter. Es entsteht ein gelenkter, politischer Buchmarkt, der bis zur Wiedervereinigung 1989 nur 78 lizensierte Verlage umfasst, während auf westdeutscher Seite bereits mehr als 850 Verlage verschiedenster Größe und Ausrichtung gezählt wurden.

Möglichst viele Buchstaben auf möglichst wenig Papier für möglichst wenig Geld.

Das Verlangen nach Literatur war, bedenkt man die allgemeine Situation, in den Nachkriegsjahren immens. Jene Bücher, die lizensiert wurden, verkauften sich in riesigen Auflagen. Viele Autoren und Werke der Populärliteratur der späten 1940er Jahre sind heute kaum noch bekannt, obwohl sie – im Gegensatz zu den heute kanonischen Texten – die breite Masse der Gesellschaft erreichten. Einige aus der Not heraus erfundenen Distributionsformen für Literatur sind hingegen heute noch ein Begriff: die „rororo“s, Rowohlts Rotations-Romane, traten ihren Siegeszug in den frühen 1950er Jahren an und wurden durch ihre hohe Auflagenzahl (wenn zu Beginn auch noch nicht im Taschen-, sondern Zeitungsformat und auf Zeitungspapier gedruckt), zum Vorläufer des Taschenbuchs.

In Vielem zeigte sich der so herbeigesehnte Neuanfang, der Bruch mit dem NS-Staat, die Stunde Null – nicht jedoch in dem, was publiziert wurde und wer es publizierte. Christian Adams These ist eindeutig, wird mantraartig wiederholt und gilt vor allem für die BRD:

Es gab bei den Verlegern der Gründungsjahre der Bundesrepublik keine Stunde Null. Alle wichtigen Personen waren Bekannte aus vergangenen Tagen. […] Die Leser sollten auch nach 1945 an ihre Lesegewohnheiten anknüpfen können.

Sowohl ein bedeutender Anteil der Verleger als auch der publizierten Autoren waren zwar offiziell der Entnazifizierung unterzogen worden, hatte dabei aber entweder ihre Vergangenheit und Rolle im NS-Staat beschönigt, verschleiert oder schlichtweg gelogen. Sie – Günter Grass ist hier das prominenteste Beispiel – waren Kriegsberichterstatter an der Front, SA- oder SS-Männer, zumindest irgendwann Parteimitglied. Vor allem in Westdeutschland beriefen sich einige von ihnen auf ihre angebliche innere Emigration während sie als Drehbuchschreiber oder Redakteure an der Propaganda der Nazis mitarbeiteten.

Es verwundert daher nicht, dass Eingeständnisse der Kriegsschuld eher die Ausnahme darstellen. Von den Verbrechen der Shoah ist ebenfalls nur am Rande in einzelnen Nebensätzen die Rede. Berichtet wird zwar vom Krieg – Bücher, die sich der jüngsten Vergangenheit widmen, stehen bis in die 1950er Jahre hoch im Kurs –, aber im marginalisierenden Plauderton unter Aussparung der Gräueltaten. Auch sprachlich und motivisch gibt es keinen klaren Schnitt zwischen Krieg- und Nachkriegsliteratur, alte Stereotypen werden unreflektiert reproduziert, das Vokabular der Nazipropaganda weiter verwendet.

All das belegt Christian Adam minutiös anhand zahlloser Beispiele. „Der Traum vom Jahre Null“ ist gewissenhaft und genau recherchiert, Fußnoten belegen die Argumentation und machen Adams These überzeugend. Zur Grundlage seiner Studie macht Adam faktische Auflagenzahlen und ermittelt über diese die Bestseller der Nachrkriegsjahre. Den heutigen Kanon schließt er größtenteils von der Betrachtung aus, nur wenige der vorgestellten Titel sind heute noch bekannt oder lieferbar. Außerdem gehören viele der heute bekanntesten Nachkriegsromane, beispielsweise „Die größere Hoffung“ von Ilse Aichinger, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht zu den Verkaufsschlagern. Ihre Bedeutung wurde erst später erkannt. Eine der wenigen Ausnahmen bildet Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“, der 1946 im Aufbau-Verlag erschien und in der DDR zum Bestseller avancierte. Allgemein erscheint einem bei der Lektüre von Adams „Traum vom Jahre Null“ hinsichtlich des Literaturbetriebs in der DDR einiges besser gelaufen zu sein als in der BRD; eine Statistik im Vorwort will belegen, dass in Ostdeutschland 77% der Bestseller-Autoren aus der Emigration kamen oder der Nachkriegsgeneration angehörten, die mit den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs nichts zutun haben konnten, während in der BRD mehr als die Hälfe der Autoren entweder in innerer Emigration oder als Parteimitglieder im NS-Staat gelebt hatten. Den aus der Emigration zurückkehrenden Autoren begegnete man im Westen mit einer Grundskepsis. Man sollte sich jedoch vor Augen führen, dass die Literatur der DDR gelenkt war und durch die Zensur der politischen Linie der Machthaber entsprach – und demnach ebenfalls keine eigentliche strukturelle Veränderung zum Literaturbetrieb im Dritten Reich darstellt.

So detailliert und überzeugend Christian Adams Studie über die Nachkriegsliteraturbetriebe in Ost und West ist; an einigen Stellen wiederholen sich Hinweise und Argumente, der Ton ist streckenweise eher monoton. Und auch die Grundaussage, nämlich das der Mythos von der Stunde Null eben nur ein Mythos ist, ist nicht neu. Die personellen Kontinuitäten im (west-)deutschen Literaturbetrieb wurden auch schon anhand der Gruppe 47 analysiert. Dennoch ist Adams Buch in seiner Minutiösität ein Novum – und ein wichtiger Beitrag bei der literaturhistorischen Aufarbeitung des letzten Jahrhunderts.


Wir danken Galiani Berlin für das Rezensionsexemplar.