Kenah Cusanits „Babel“: Jenga!

Zu allen Zeiten war Babylon Projektionsfläche. Seit den biblischen Erzählungen vom israelitischen Exil und dem Turmbau zu Babel hat sich das Zentrum des Zweistromlandes tief ins kulturelle Gedächtnis der drei monotheistischen Religionen und deren Einflussregionen gebrannt. Bis jetzt hält sich der Mythos Babylon, wie neuere deutsche Serienproduktionen beweist. Jede Gesellschaft, jedes Jahrhundert scheint den Ort am Euphrat für sich neu zu entdecken und so legt sich kulturelle Schicht über Schicht. Wie man diese wieder abtragen kann, davon erzählt Kenah Cusanit in ihrem Debütroman „Babel“.

Wer heute in Berlin das Pergamonmuseum betritt, befindet sich in keinem handelsüblichen Museum. Denn in kaum einem anderen Museum der Welt bestimmt der Inhalt dermaßen die architektonische Form. Allen voran ragen der Pergamonaltar und das Ischtar-Tor heraus – dieses Museum ist für den ganz großen Auftritt gemacht. Gleichzeitig zeigt sich auch in kaum einem anderen Haus der koloniale Größenwahn eindringlicher. Dass das Ischtar-Tor in Berlin seine Zuschauer in den Bann schlagen kann, ist vor allem Robert Koldewey zu verdanken, der die zentralen Ausgrabungen am Vorabend des Ersten Weltkriegs im heutigen Irak vorantrieb.

Vielleicht sollte ich lieber profitable Romane schreiben wie Carl May.

Kenah Cusanit, von Hause aus Lyrikerin und Altorientalistin, stellt diesen Koldewey ins Zentrum ihres Romans, der wiederum in ein anderes Zentrum drängt. Denn im Auftrag der Archäologischen Gesellschaften des Deutschen Kaiserreichs, die den wilhelminischen Glanz in die Welt tragen und schließlich Reichtümer wieder ins wilhelminische Reich zurücktragen sollen, ist er in der altertümlichen Welt des Nahen und Mittleren Ostens unterwegs. Das Osmanische Reich befindet sich in seinen letzten Atemzügen und gibt sich der Grabeslust der westlichen Kolonialmächte apathisch hin.

Manchmal denke ich, durch herrisches Auftreten würde man mehr erreichen.

Man muss sich bei der Beschreibung von Babel erst gar keine große Mühe machen, äußere Handlung zu rekonstruieren, denn dieser Roman verläuft eher in langen Reflexionsreigen. Zwar gibt es hier eine Reisebewegung, dort einen Disput zwischen den Archäologen, aber eigentlich geht es um das Nachdenken über die Funktion der Archäologie an sich. Diese wird im modernen Sinne nicht nur als wissenschaftliche Disziplin verstanden, sondern als Wissenszugang zur Welt schlechthin. Ganz im Sinne des dem zweiten Teil des Textes vorangestellten Benjamin Zitats:

„Das vergebliche Suchen gehört dazu so gut wie das glückliche und daher muß die Erinnerung, nicht erzählend, noch viel weniger berichtend vorgehn sondern im strengsten Sinne episch und rhapsodisch an immer andern Stellen ihren Spatenstich versuchen, in immer tieferen Schichten an den alten forschend.“

Erinnern heißt in Babel freilich nicht, sich selbst zu erinnern, sondern im kulturellen Gedächtnis herumzuwühlen. Dabei legt der Text vor allem Wert darauf herauszuarbeiten, dass es nicht ein Babylon gibt, sondern dass Babylon immer wieder neu vor dem Auge des Betrachters entsteht, ständiger Veränderung unterworfen ist: „Herodot sah nicht die von Xerxes zerstörte Eingangstreppe […]“. Damit verbunden ist auch, dass jede Gesellschaft, jede Epoche ihren eigenen Wissenshorizont besitzt: „Die Babylonier hatten Recht, als sie behaupteten, Babylon sei das Zentrum des Kosmos. Die Heilige Inquisition hatte Recht, als sie behauptete, die Sonne bewege sich und nicht die Erde.“

Zurzeit floss der Euphrat wieder ungefähr so, wie Nebukadnezar ihn hatte fließen sehen.

Im Gespräch mit ihrem Verlag antwortete die Autorin bei einer Frage nach ihrem literarischen Verfahren: „Vermutlich aber ist es einfach so, dass dieses archäologische Vorgehen meiner Denkweise entgegenkommt. Und wenn man sich, wie ich, nie mit gängigen Romantechniken beschäftigt hat, dann tendiert man wohl eher dazu, so zu schreiben, wie man denkt. In meinem Fall: indirekt, umständlich, um die Ecke. Oder: essayistisch. Was schöner klingt.“ Der Leser kommt nicht umhin irgendwann zu konstatieren, es hier nicht mit einem erzählenden Roman zu tun zu haben, sondern eher mit einem kulturwissenschaftlichen Essay, der sich im Schafspelz des Romans versteckt.

Buddensieg, sagte Koldewey, als sie nach Tagen oder Wochen Konstantinopel erreichten, und wies in eine Richtung, von der beiden wussten, wohin sie führten.

Dass Cusanit ihren eigenen Stil als „umständlich“ beschreibt, spricht für ihre Ehrlichkeit, aber nicht für ihren Text. Denn der ist tatsächlich umständlich, manchmal anstrengend. Rudolf Virchow zum Beispiel wird folgendermaßen beschrieben: „Virchow war zweifellos eher Pathologe als Politiker gewesen, obwohl die Trennlinie, falls es eine gab, einer dynamischen Welle ähnelte und im euphratischen Stil an der einen Biegung Erde abtrug, um sie an der nächsten Biegung wieder aufzutragen.“ An anderer Stelle beschreibt der Text in quälend minutiös die Beschaffenheit eines Dampfkessels. Cusanits fachliche wie sprachlichen Exkurse ins Ausschweifende oder Pompöse mögen die einen als mutig oder geistreich goutieren – oder zum ästhetischen wie intellektuellen Ermüdungsbruch führen, ganz ähnlich im Sinne der Kritik von Julia Encke in der FAS.

Koldewey sagte das Wort vor sich hin: Grundriss.

Das Grundproblem von Babel liegt vermutlich aber woanders begraben. Denn was sich hier bei Babel intellektuell aufregend gebiert, ist schlussendlich eine relativ unsauber zusammengerührte Melange aus verschiedenen Einflüssen und Gattungen – ein bisschen Benjamin, ein bisschen Sebald, noch ein bisschen Foucault dazu. Nicht wirklich Roman, nicht wirklich Essay. Häufig sind hybride Formen in der Literatur aufregend, hier wirkt es zu bemüht.

Sprachliche Schnitzer, konzeptuelle Unsauberkeit – das wäre einem Debütroman, gerade dem einer Autorin, die eigentlich Lyrikerin ist, zu verzeihen. Wäre da nicht erneut eine Kritik, die diesem Roman als das dollste Dinge seit der Erfindung der Keilschrift preist. Babylon ist weder der große Reinfall, noch der große Einfall. Er ist der unausgegorene Roman einer Autorin, die immer wieder aufblitzen lässt, dass sie es besser kann. Was schon mal mehr ist als man von den allermeisten Romanen sagen kann.


Wir danken dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.