Kerstin Preiwuß’ „Nach Onkalo“: Es war einmal ein Muttersöhnchen

Preiwuss-NachOnkalo

Während der eine Teil der diesjährigen Longlistromane von großen historischen Ereignissen erzählen – man denke da an den Schiffbruch in Franzobels „Floß der Medusa“ oder Zaimoglus Reformationsroman „Evangelio“ –, schlagen andere Romane eher die leiseren Töne an, erzählen die Geschichten einfacher Leute, die keine Helden sind, wie Julia Wolfs Walter Nowak oder Ingo Schulzes Peter Holtz. Zu letzterer Kategorie gehört auch „Nach Onkalo“. In ihrem zweiten Roman erzählt Kerstin Preiwuß von den großen Themen des Lebens in einem kleinbürgerlichen Milieu: dem Tod und dem Weiterleben.

Hans Matuschek ist 40 Jahre alt und lebt noch in seinem Elternhaus, als seine Mutter eines Morgens nicht mehr aufwacht. Dieser erste Todesfall, der den Roman eröffnet und die Handlung auslöst, ist für Matuschek nicht nur ein Schock, sondern bedeutet auch einen tiefen Einschnitt in seine tägliche Routine. Denn der Protagonist in Preiwuß’ Roman ist ein Muttersöhnchen, wie er im Buche steht: jeden Morgen wurde er von Mutti geweckt, bekocht, seine Wäsche gewaschen. Nach dem Tod seiner Mutter ist er verwaist und wird zunächst von seinem Nachbarn Igor, den er nur „der Russe“ nennt, adoptiert. Seine Frau Galina und er, sowie Hubert Witt, ein väterlicher Freund, mit dem er das Hobby der Taubenzucht teilt, helfen Matuschek bei der Organisation der Beerdigung und der Trauerfeier.

Du bist allein, hat er gesagt, ich bin es auch, komm zu mir, wir machen es uns gemütlich.

Doch wer soll zukünftig für Matuschek kochen und seine Wäsche waschen? Die Nachbarn stellen dem verwaisten Sohn Galinas Cousine Irina vor, und kurz scheint alles wieder ins Lot zu geraten, als sie sich annähern und Irina die Aufgaben von Matuscheks Mutter übernimmt, in ihre Haut schlüpft, als sie sogar die Kleidung der Mutter zu tragen beginnt. Dass dies nicht gutgehen kann, ist absehbar. Nachdem Irina den Kontakt abbricht, ist Matuschek zunächst traurig, dann sauer, dann verzweifelt. Halt gibt ihm sein einziger Freund Igor, mit dem er regelmäßig zum Fischen auf den See geht. Aber auch er stirbt überraschend. Der neue Nachbar namens Lewandowski bindet ihn in seine krummen Geschäfte ein, er soll Pakete für ihn annehmen, wird schließlich übers Ohr gezogen. Witt will ihn warnen, stirbt aber ebenfalls. Am Ende ist Matuscheks einziger Freund der Alkohol. Er vernachlässigt seine Tauben, die elendig verenden und so zum 4. Todesfall in Matuscheks Leben werden. Kurz bevor er sich tottrinkt, beschließt er spontan, das Elternhaus zu verkaufen und einen Neuanfang zu wagen.

„Nach Onkalo“ erzählt von einem einfachen Mann aus einfachen Verhältnissen. Matuschek hat keine großen Ambitionen, Veränderungen möchte er – das zeigt der Versuch, seine Mutter mit Irina zu ersetzen – tunlichst vermeiden; die Wende war schon Wandel genug. Man befindet sich irgendwo im Nordosten Deutschlands, zwischen Berlin und der Ostsee. Die umweltbewussten Städter, mit denen Matuschek nichts anfangen kann, beginnen im Verlauf der Romans, das Dorf langsam zu besiedeln. Preiwuß’ Protagonist dagegen träumt von Reise auf einem Kreuzfahrtschiff und hört beim Autofahren Udo Lindenberg, denn das sei „richtig schöner Rock in Worten, die er versteht“.

Das alles könnte eine erfrischend unkonventionelle Romanfigur sein, wenn die Autorin nicht immer wieder über die Stränge schlagen und Matuschek schlichtweg als dumm darstellen würde – denn vom Internet und Computern hat er mit seinen vierzig Jahren anscheinend noch nichts gehört, als Lewandowski ihm zur Belohnung für seine Kooperation in den kriminellen Machenschaften einen Laptop mehr WLAN-Zugang schenkt. Jene Episoden, in denen Matuschek Informationen zu ergooglen versucht, sind vermutlich gemeint, wenn der Buchumschlag „Sprachwitz und viel Wärme“ verspricht, sind aber nur überzeichnet und peinlich-klamaukig.

Onkalo, davon erzählt Didi immer, was die Finnen da bauen. Die bauen richtig was für ihren Müll, statt ihn immer nur wegzuräumen …

Um zu erfahren, worum es sich beim im wenig eingängigen Titel genannten Onkalo genau handelt, muss auch der durchschnittliche Leser selbt auch googlen. Dass es ein im Bau befindliches Atommüllendlager ist, wird zwar auf der vorletzten Romanseite angedeutet, Details werden jedoch nicht ausgeführt. Mit viel gutem Willen lässt sich dieser Hinweis zum Happy End so deuten, dass Matuschek sein Leben nun im Griff hat und verarbeitet, anstatt es vor sich herzuschieben. Anders könnte man auch interpretieren, dass der Roman davon erzählt, was passiert, wenn das vermeintlich sichere Endlager, in Matuscheks Fall das Elternhaus und die Mutter, wegfällt. So oder so scheint das Bild irgendwie schief, genau wie die Überzeichnung des Protagonisten.

„Nach Onkalo“ nimmt sich vor, den großen Themen des Lebens anhand eines kleinbürgerlichen, provinziellen Milieus mit Humor auf den Grund zu gehen. Eingelöst wird dies jedoch nicht. „Niemand wird sich an Hans Matuschek erinnern“, schreibt Michael Opitz in seiner Rezension für Deutschlandfunk Kultur über die Hauptfigur. Ähnlich wird es vermutlich auch dem Roman selbst, der einen nach der knapp 200-seitigen Lektüre mit einem müden Schulterzucken entlässt, ergehen.


Wir danken dem Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

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