Kevin Kuhns „Liv“: So nah und doch so fern

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Es ist der kollektive Traum einer Generation: Immer mehr junge Menschen brechen nach der Schule, der Ausbildung oder dem Studium auf, um auf Weltreise zu gehen. Ob Backpacking durch Südostasien oder Work-and-Travel in Australien und Neuseeland – was verspricht, besonders exotisch zu sein, haben schon Abertausende erlebt. Die Routen sind mehr oder minder vorgegeben, alle besuchen die gleichen Partyhostels, den gleichen vermeintlich abgelegenen Wasserfall: Die abenteuerliche Weltreise hat immer schon jemand vorher erlebt, bereits ein Selfie auf Instagram, Facebook oder einem Travelblog gepostet. Auch die titelgebende Protagonistin von Kevin Kuhn macht sich auf den Weg, um die Welt zu bereisen. Für „Liv“ gibt es jedoch kein Zurück.

Die junge Israelin Liv verlässt ihre Heimatstadt Tel Aviv kurz bevor ihr Einberufungsbescheid zum Militärdienst eintrifft. Sie lässt ihre Eltern, ihre Schwester Efrat, ihre beste Freundin Gila und ihre Jugendliebe Elam zurück und reist nach Mexiko. „Wieso Mexiko?“ – „Weil sie den Tod feiern“, sagt Liv, die mit dem Betreten des Flugzeugs ihrem bisherigen Leben ebenfalls ein endgültiges Ende setzt.
Von dort aus reist sie quer durch Mittelamerika, besucht indigene Stämme im Dschungel und feiert in Hostels die Nächte durch. Schließlich reist sie in die USA, trifft dort auf April und Damien, die sich als superreiche Jachtbesitzer entpuppen und Liv mitnehmen, als sie quer über den Pazifik nach Neuseeland segeln. Von dort aus führt sie ihre Reise nach knapp 450 Romanseiten schließlich nach Berlin. Ein Rückflug nach Israel kommt nicht in Frage, denn dort würden als Militärdienstverweigererin schwerwiegende Konsequenzen auf sie warten.

Nach Europa wollte Liv nämlich eigentlich auf keinen Fall – der ständigen Bedrohung, der sie sich durch den Nahostkonflikt in ihrem Heimatland ausgesetzt sah, wollte sie nicht entfliehen, um in Europa in ebenso ständiger Angst vor Terroranschlägen leben zu müssen. Dass Europa für sie als Jüdin auch immer Ort der Shoah und des Antisemitismus ist, wird nicht explizit ausbuchstabiert. Durch die Europäer, die sie auf der Reise trifft – vornehmlich ein österreichisches Paar, das quer durch die USA reist und Liv beim Trampen aufsammelt – und antiisraelische und antisemitische Ansichten, die die Figuren von sich geben, verweist Kuhn subtil auf jenes Problemfeld, das im Roman sonst keinen Raum einnimmt.

Es sah wirklich aus, als passierte eine ganze Menge in ihrem Leben.

Während der Reise mutiert Liv als ‚digital native‘ und geübte Nutzerin der sozialen Medien nach und nach zum Social Media Star, als sie – eigentlich primär für ihre Freunde und Familie in Israel – beginnt, Fotos und Videos von ihrer Reise zu posten. Als Influencerin finanziert sie sich so einen Teil ihrer Reise, bekommt Hotels und Unterkünfte gezahlt. Nicht erst als Liv auf April und Damien trifft, der sich als einer der „Vordenker des neuen Internets“ entpuppt, beginnt der Roman, Überlegungen über das digitale Zeitalter und die veränderten Kommunikationsbedingungen anzustellen. Auf der Reise über den Pazifik testet Liv anhand eines „elastischen Bildschirms, der jede Berührung fühlt“ die Zukunft der sozialen Kommunikation, wie Damien sie sich vorstellt:

„Der Unterschied ist, dass die Informationen, die es über dich sammelt nur für dich sind. Das heißt, dass du darüber entscheiden kannst, mit wem du sie teilst, wie du sie vermarkten möchtest, was damit in der Zukunft geschehen soll.“ – „Aber was fange ich mit all den Daten an?“ – „Selbsterkenntnis durch Zahlen. […] Du fühlst deine Informationen, du fühlst dich. Und somit die ganze Welt.“

Natürlich entpuppt sich auch dieser Zukunftsentwurf nach einiger Zeit als Schnapsidee. Die Romanpassagen auf dem Pazifik lesen sich als Mikro-Dystopie – einer Dystopie im Kleinen, weil in ihr nur drei Personen leben, die sich dafür mithilfe der ‚Supersmartwatch’ nicht nur selbst, sondern auch gegenseitig ständig überwachen können. Der Wahnsinn, der langsam daraus erwächst, gehört zu den stärksten und eindringlichsten Passagen des 500-Seiten-Romans.
Denn gleichzeitig beginnt Liv, sich per Dauerstreaming zusätzlich von ihren 240.000 Followern beobachten zu lassen. Symbolisch dafür steht der Bord-Hund Fufu: „Fufu, der ihr ins Bad und überallhin gefolgt wäre und ihr sogar beim Zähneputzen zugeschaut hätte.“ Hier kippt Livs Beziehung zur ‚Schönen neuen Welt’ der sozialen Medien, die schließlich in die Katastrophe führen soll.

Sie bricht den Kontakt zu ihren Freunden und ihrer Familie ab, ist paradoxerweise kaum noch erreichbar. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich das Internet zu Nutze gemacht hat, verschwindet. Einzig zu Elam, ihrer Jugendliebe, der in der Zwischenzeit selbst kurzzeitig zum YouTube-Star mutiert ist, nun aber von einem Shitstorm heimgesucht wird, versucht Liv den Kontakt zu halten.

Doch, halt! Liv ist nicht die einzige Protagonistin des Romans. Die Hälfte der Kapitel erzählen aus der Perspektive von Franz, einem jungen Mann, der sich im Berlin des Jahres 1928 befindet. Dort arbeitet er in einem der größten Warenhäuser seiner Zeit – dem Kaufhaus Tietz – als Kundenbeobachter. Durch Glück kommt er an eine Leica-Kamera und wird schließlich zum rasenden Reporter, der, durch noch mehr Glück, ein Foto von Kiki, dem „Glanz“ seiner Zeit schießt, das in jeder Zeitung gedruckt wird. Er wird selbst zum Star, bei den nächtlichen Streifzügen durch das Berliner Nachtleben der 1920er Jahre wird er gefeiert. Genießen kann er seinen kurzen Ruhm nur bedingt, denn sein Herz hat er an Kiki verloren, die auf sich auf eine Zeppelin-Weltreise befindet und über der Tundra Russlands abzustürzen droht.

Bereits früh zeigen sich immer wieder Parallelen in beiden Handlungsverläufen, in den Leben der Protagonisten, die sich am Ende des Romans als untrennbar verbunden entpuppen. Auf narrativer Ebene unterscheiden sich die Romankapitel zu Liv und zu Franz jedoch grundlegend: Während die Episoden über Livs Weltreise recht konservativ in einer auktorialen Vergangenheit erzählt werden, kommen die Kapitel über Franz, der aus einer Ich-Perspektive selbst erzählt, im Präsens daher. Stilistisch hat sich Kuhn dabei dem Schreibstil jener Zeit angepasst, von der er erzählt. Aus jedem Satz lächelt einem die Neue Sachlichkeit der Literatur der Weimarer Republik entgegen – „Das kunstseidene Mädchen“ und „Gilgi“ von Irmgard Keun lassen grüßen.

Ja, wir finden schnell heraus, worum es hier eigentlich geht: kompakte Selbstdarstellung.

Der Name der Protagonistin, der gleichzeitig Romantitel ist, ist gleich dreifach in unterschiedlichen Typographien auf dem Cover des Romans zu lesen, zusätzlich noch zwei weitere Male auf der Rückseite – jeder Schrifttyp eine Möglichkeit, den Namen „Liv“, der auf schwedisch „Leben“ bedeutet, auszubuchstabieren, neue Akzente zu setzen, unterschiedliche Assoziationen zu wecken, genau wie die Protagonistin Liv es selbst tut, wenn sie sich durch die sozialen Medien bewegt und immer wieder neu erfindet. An vielen Stellen bleiben die großen Überlegungen, die der Roman unternehmen möchte, jedoch sehr abstrakt und weitgehend oberflächlicher Natur, kommen als Floskeln daher. Kuhns Roman, der sehr zeitgenössisch und kritisch sein möchte, ist am Ende kein Portrait einer Generation und auch kein umfassendes Zeitgeist-Panorama, sondern eine passabel konstruierte Liebesgeschichte im 21. Jahrhundert – nicht mehr und nicht weniger.


Wir danken dem Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

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