Konrad Schmids/Jens Schröters »Die Entstehung der Bibel«: Dauernde Entstehung

Braucht man in säkularen Zeiten noch die Bibel? Nun, die gesamte europäische Literaturgeschichte fußt auf ihr, es gibt kaum Texte, die wirkmächtigere Symbole und Topoi in die Texte des Okzidents eingegraben haben. Bis heute in die Gegenwartsliteratur verirren sich biblische Figuren, wie zum Beispiel in die »Vernon Subutex«-Trilogie. Gleichzeitig ist es im aktuellen Akademie- und Kulturbetrieb nicht besonders sexy, sich mit der Bibel zu befassen. Sie bleibt Sache der Theologie und Althistorik, hin und wieder traut sich die Literaturwissenschaft an sie heran. Die Bibel ist dem westlich-säkularen Menschen eine merkwürdige fremde Selbstverständlichkeit geworden. Vielleicht hilft es da, zu ihren Ursprüngen zurückzugehen?

Diesem Gedanken folgen zumindest die Autoren Konrad Schmid und Jens Schröter, beides Professoren fürs Testamentarische. Vorweg: Ihr Buch »Die Entstehung der Bibel« ist leider ein klassisches Buch, wie es der akademische Betrieb zuhauf ausspuckt, was weniger über  inhaltliche Qualitäten aussagt, sondern mehr über einen Stil, der keine große Anstrengungen macht, die spannenden Entdeckungen und Analysen auch ansprechend zu vermitteln. Das ist insofern bedauerlich, als dass es das Buch verdient hätte, mehr Leser*innen zu finden, doch in dieser Form ist das kaum denkbar.

Lässt man die Stilkritik jedoch kurz zur Seite, trifft man auf ein Buch, das Dinge geraderücken möchte. Die einzelnen Verschiebungen und Neubewertungen werden zwar nur dann auffallen, wenn man sich besser in der Bibelforschung auskennt, aber die Autoren machen direkt deutlich, dass hier Bibelgeschichte umfassend verstanden wird: »Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Geschichte der christlichen Bibel nicht angemessen erfasst werden kann, ohne dass zugleich die Geschichte der jüdischen Bibel in den Blick genommen wird.« Dass die christliche Bibel aus den jüdischen Texten hervorgegangen ist, ist zwar nun keine neue Sensation, dass beide nach der Gründung des Christentums in Wechselwirkung standen aber zumindest eine Erwähnung wert.

Schmid und Schröter untersuchen verschiedene Aspekte, die die Entstehung der Bibel betreffen: Editionsgeschichte, Schreibmotive und den Charakter der Schriften. So weisen sie unter anderem darauf hin, dass der Bibel, anders als es das Bild vom Buch der Bücher suggeriert, eine lange mündliche Tradition vorausgeht: »Viele der Erzählungen, Lieder, Sprüche oder Rechtssätze der Bibel sind traditioneller Natur und blicken auf eine zum Teil lange mündliche Überlieferungsgeschichte zurück.« Das hat zwei Konsequenzen für die Wahrnehmung der Bibel: Erstens relativiert es den Umstand, dass die alttestamentarischen Texte als dezidiert jüdische Texte wahrgenommen werden, da einzelne Erzählungen vermutlich in der Region tradiert wurden, als sich so etwas wie »das Judentum« noch gar nicht herausgebildet hat und zweitens zeigt es auf, dass das Judentum nicht immer eine Schriftreligion war.

Denn bevor das Judentum zu einer Religion geworden ist, in deren Mittelpunkt das Lesen und Vortragen der Tora stand, waren Opfergaben und andere Riten zentraler Teil der religiösen Praxis. Diese hatten ihr Zentrum vor allem im Jerusalemer Tempel: »Zur Schriftreligion, in deren Zentrum allein das Studium heiliger Texte stand, wurde das Judentum erst nach der Zerstörung des Zweiten Tempels 70 n. Chr. durch die Römer.« Die Bedrohung des Judentums und die Zerstörung des zentralen Tempels machte es notwendig, dass es Schriftgelehrte gab, die die heiligen Texte in sich aufbewahrten. Gleichzeitig ist das Rabbinertum, so die Autoren, eine Folge des sich entwickelnden Christentums: »So wie das Christentum in den Schriften und Traditionen Israels und des Judentums wurzelt, hat sich das rabbinische Judentum in Auseinandersetzung mit dem entstehenden Christentum entwickelt.«

»Die Entstehung der Bibel« ist ein Sammelsurium an spannenden Beobachtungen und Thesen, zum Beispiel wenn es darum geht, die politische Bedeutung der biblischen Texte herauszustreichen: »Mit ihr [der Tora] wurde zum ersten Mal in der Geistesgeschichte des Alten Orients ein Gesetzeskorpus losgelöst von einem König als maßgebliche Größe etabliert und nach und nach auch so rezipiert.« Oder aber wenn die Autoren auf die sprachlichen Koordinaten des nahöstlichen Raumes zu Jesus‘ Zeiten hinweisen: »Jesus und seine unmittelbaren Nachfolger haben vermutlich Aramäisch gesprochen, die Umgangssprache im Galiläa des 1. Jahrhunderts.« Dieser Umstand weist darauf hin, dass die Evangelien und nachfolgenden Texte vermutlich nicht, trotz des Jüdischseins Jesu und seiner Gemeine, nicht im Hebräischen entstanden sind.

Während das Buch viele dieser Einzelbeobachtungen zusammenträgt, ist es nicht immer ganz einfach, einer allgemeineren Schlagrichtung der Argumentation zu folgen. Als Laie könnte man vielleicht behaupten: Den Autoren geht es vor allem darum aufzuzeigen, wie offen die Entstehungsgeschichte der Bibel lange Zeit war. Während in der Nachsicht das Bild der kanonischen, in sich abgeschlossenen Texte tradiert wird, machen sie darauf aufmerksam, dass viele Stoffe ganz unterschiedliche Herkünfte haben, teilweise mündlich überliefert sind und erst sehr viel später in Text gegossen wurden. Und auch danach brauchte es noch Jahrhunderte, in denen Texte in den Kanon hineingeholt wurden und andere als apokryph beiseitegeschoben wurden.

»Die biblischen Schriften wurden nicht als ›kanonische‹ Texte verfasst. Sie entstanden vielmehr in bestimmten Situationen der Geschichte Israels, des Judentums und des frühen Christentums […]« Dass ein Text als nicht kanonisch verfasst wird, ist auf den ersten Blick eine seltsam offensichtliche Feststellung, denn so viel ein Text vielleicht auch auf sich hält, die Entscheidung, ob er in einen Kanon aufgenommen wird, liegt nicht bei ihm. Daher muss man diesen Satz als Aufruf verstehen, den Blick in der Rezeptionsgeschichte der Bibel wieder zu weiten. Dazu leistet »Die Entstehung der Bibel« einen lobenswerten Beitrag, ohne aber jedoch wirkliches Lesevergnügen zu sein.