Küss die Hand: Marjana Gaponenkos „Das letzte Rennen“

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Mehr ‚Wien‘ geht kaum: In Marjana Gaponenkos neuem Roman „Das letzte Rennen“ werden Fiaker gefahren, es wird über den Graben spaziert und in nächster Nachbarschaft des Praters residiert. Aus der Ich-Perspektive des 1988 geborenen Kaspar Nieć, Sohn eines aus Polen stammenden Millionärs, erzählt der dritte Roman von Gaponenko vom Untergang der höheren Wiener Gesellschaft und einer ambivalenten Vater-Sohn-Beziehung. Während thematische Konstanten durchaus vorhanden sind, unterscheidet sich „Das letzte Rennen“ stilistisch maßgeblich vom mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichneten Vorgängerroman „Wer ist Martha?“: „Das letzte Rennen“ ist weniger poetisch, dafür  sarkastisch und voller schwarzem Humor. 

Aus der Sicht des Sohnes berichtet „Das letzte Rennen“ zunächst vom Vater. Als Student und angehender Ingenieur floh der aus einfachen Verhältnissen in Polen stammende Vater Adam vor dem Kommunismus nach Wien, weil „Kommunismus und Fortschritt nicht kompatibel waren“. Dort wurde er in kürzester Zeit durch Sperrpatente zum Millionär und hat ausgesorgt. Wohin mit der Zeit, wohin mit dem Geld? Adam Nieć investiert in seine große Leidenschaft: Pferde. Er züchtet Rassepferde und sammelt Kutschen, fährt Rennen und veranstaltet Turniere. Gleichzeitig ist die Pferdeobsession ein Versuch, des im Land und in den oberen Gesellschaftskreisen fremden Vaters, sich zu integrieren. So züchtet er Huzulen, eine altösterreichische Ponyrasse, die sich nicht durch ihr Größe oder Schönheit auszeichnet, sondern vielmehr über ihre Tradition und Geschichte. Er sammelt Alt-Wiener Fiaker, nicht nur jene, die Touristen aus aller Welt durch die Gassen des ersten Bezirks fahren, sondern auch gewerbliche Fiaker wie Milchkutschen, die sonst der Verschrottung geweiht wären. Und schließlich pachtet er im Jahr 1984 für die nächsten 100 Jahre eine stillgelegte Galopprennbahn „samt Haupt- und Nebengebäuden, die alle, wie der Großteil der Bäume, aus der Zeit Kaiser Franz Josephs stammen sollten.“

Meine Eltern mochten keine Rosen, weil die meisten Menschen von diesen Blumen begeistert sind, und sie wollten nicht zu den meisten Menschen gehören.

Trotz aller Integrationsversuche bleibt Vater Adam fremd in Wien und dem Establishment. Deutlich wird dies vor allem beim anfangs geschilderten Geburtstagsfest, anlässlich dessen Adam ein „Freistil-Damenderby“ veranstaltet und die Wiener Elite  auffordert: „Kommt mit Fiakern! Unterstützt die Tradition!“. Obwohl die Gäste in Scharen kommen („Aber gerade diese Mischung aus Konservatismus und Provokation scheint die menschliche Phantasie am meisten zu reizen.“), wird Adam nicht recht erst genommen. Man nimmt am Spektakel teil, um nichts zu verpassen, belächelt dabei aber mit vorgehaltener Hand den neureichen, Nicht-Österreicher Nieć, der als Letzter die Traditionen hochzuhalten versucht.

„Eigentlich ist mein Sohn nicht so modern“, antwortete Vater für mich, „er ist mit Kutschen groß geworden […].“

In diesem Umfeld, den goldenen Löffel im Mund, wächst der Ich-Erzähler Kaspar als einziger Sohn und Erbe auf. In der erzählten Gegenwart ist Kaspar Anfang Dreißig und lebt noch immer im Elternhaus. Schnell wird klar: Der Leser hat es mit einem äußerst subjektiven, naiven und wenig reflektierenden Ich-Erzähler zutun. Gerade diese starke Perspektive des verwöhnten und vom Überfluss gelangweilten Einzelkindes prägt den sarkastischen Ton und fördert den schwarzen Humor, der den Text stilistisch ausmacht.

Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird durch den Handlungsverlauf zunehmend auf die Probe gestellt. Am Morgen nach einer verhängnisvollen Nacht, in der sich beide in einem Gentlemen’s Club trafen, wo sie der gleichen Frau nachstellten, kommt es zur Aussprache.

„Manipuliert und gedemütigt hast du mich aber unwissend, weil es deine Natur ist. So ist es doch, Papa. Und diese ewigen Computerspiele, die du mir geschenkt hast, was hast du dir dabei gedacht?“, rief ich.
„Du hast sie doch gern gespielt“, sagte er. „Natürlich!“, rief ich. „Weil du sie mir geschenkt hast, du, mein Vater! Der schlaue Erfinder, er Patentkönig. Meine Bücherregale sind mit Computerspielen vollgestopft. Tomb Raider, Monkey Island, Dead or Alive und wie sie alle heißen. Schau mich doch an.“

Ob es Kaspar hier wirklich um die Beziehung zu seinem Vater geht oder er nur durch die Vorwürfe an das Kapital für seine Geschäftsidee (ein Bordell für behinderte Menschen oder zumindest ein Pferdetherapiezentrum) zu kommen versucht, bleibt unklar. Was folgt, ist ein „unerhörtes Ereignis“, das titelgebende „letzte Rennen“, das in einem schweren Unfall endet und bei dem Kaspar beide Arme verliert. Vor diesem Hintergrund ist nicht einmal eine Erzähleraussage wie „Immer wieder muss ich an diesen Gang durch unser Haus mit ihm denken und daran, dass ich damals in der Esszimmertür die Gelegenheit verpasst habe, ihn zu umarmen.“ als Ausdruck der Sehnsucht nach einer besseren Beziehung zum Vater zu werten, sondern lediglich als Selbstmitleid über die verlorenen Gliedmaßen.

Aber auch hier ist noch nicht Schluss. Im letzten Viertel geht es nicht mehr um die Wiener Gesellschaft, nicht mehr (oder nur noch periphär) und die Vater-Sohn-Konstellation, sondern um die Demenzerkrankung, die beim Vater diagnostiziert wird. Die eindrucksvoll und detailreich beschriebene Szene, in der Kaspar das Schlafzimmer des Vaters betritt und seine Notizzettel, Gedankenstützen und Erinnerungen findet, ist zentral für den Schlussteil des „letzten Rennens“ und eröffnet eine neue Dimension zur Deutung des Titels: nicht nur das letzte Pferderennen ist gemeint, sondern auch das „letzte Rennen“ um die Erinnerung des Vaters. Und die Erinnerung (in Form der Tradition) ist schließlich, woran Vater Adam am meisten liegt.

Marjana Gaponenkos dritter Roman lässt den Leser am Ende etwas ratlos zurück. Die vielen Handlungsstränge, die im Verlauf des Textes aufgenommen werden, kommen am Ende nicht vollends zusammen. Das, was bislang als Markenzeichen des Gaponenko’schen Erzählens auszumachen war und ihr so viel Lob einbrachte, findet man in ihrem neuen Roman nicht wieder: „Das letzte Rennen“ ist im Gegensatz zum vorangegangenen „Wer ist Martha?“ weniger poetisch, sprachlich viel nüchterner und kommt fast ohne tiefere Symbole und Metaphern aus. Wer „Das letzte Rennen“ liest, muss sich darauf einstellen, einen vollkommen anderen Stil vorzufinden, denn sonst läuft man Gefahr, am Ende enttäuscht zu werden.


Wir danken C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.