Lässt mich kalt: Rolf Lapperts „Über den Winter“

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Rolf Lapperts aktueller Roman „Über den Winter“ steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und gehört im Wettbewerb vergleichsweise zu den konservativeren Kandidaten: Erzählt wird in einem klassischen, durchgängigen Vergangenheits-Tempus entlang einer einzelnen Figur, Lennard Salm, vordergründig aus personaler, passagenweise aus auktorialer Perspektive. Im Zentrum von „Über den Winter“ steht die erzählte Handlung und nicht die Sprache, die sich ihrerseits lediglich durch den detailverliebten Wirklichkeits-Realismus auszeichnet. 

Deshalb also zunächst zur Handlung. Der Leser von Über den Winter lernt den bildenden Künstler Lennard Salm kennen, der von der Erzählinstanz stets nur beim Nachnamen genannt wird. Wie der Romantitel bereits verrät, ist es Winter. Der Prolog stellt den etwa fünfzigjährigen Künstler Salm, der in der Vergangenheit mit seiner Konzept- und Performance-Kunst einige Erfolge feierte, bei der Arbeit vor. An der Mittelmeerküste, vermutlich in Italien, wo er in einer internationalen „gated community“ für wohlhabende Ferienhausbesitzer von seinem Mäzenen und Förderer untergebracht wurde, sammelt er Treibgut für eine Collage. Als ein Sturm die Gegend heimsucht, wird die Gemeinschaft, die nur aus gut situierten, älteren Männern besteht, von der Außenwelt abgeschnitten: es gibt keinen Internet- und Mobilfunk-Empfang mehr. Salm erfährt so erst verzögert, nachdem er einige Fundstücke von verunglückten Flüchtlingen und auch ein gekentertes Boot mit einem toten Säugling findet, vom Tod seiner Schwester.

Die auf den Prolog folgenden sechs Kapitel von Über den Winter sind in Hamburg angesiedelt, wo Salm bei der Beerdigung seiner älteren Schwester Helene, die in Folge ihres Herzfehlers mit Mitte fünfzig überraschend verstarb, den Rest seiner Familie trifft: seinen Vater Albert, seine Mutter Matilde und seine jüngeren Geschwister Sybille, genannt Bille, und Paul. Er erkennt schnell: der Vater ist alt geworden, körperlich und finanziell geht es ihm schlecht. Während die Mutter, zu der Salm ein unterkühltes Verhältnis pflegt, da er sie für die Trennung der Eltern verantwortlich macht, mit ihrem neuen Mann den Lebensabend im warmen Florida genießt, lebt der Vater mit seiner polnischen Haushälterin Bascha in einer kleinen, kalten Wohnung. Ein Großteil der Möbel musste aus Geldnot schon verkauft werden.

Schnell wird Lennard Salm klar, dass er in Hamburg bleiben sollte. Denn auch das Leben der kleinen Schwester Bille, die als Regieassistenz am Theater arbeitet, gerät aus den Fugen. Spätestens nachdem Lorenz, der Sohn von Salms Flirt Nadja, die ihrerseits die Nachbarin von Albert Salm ist, ein Pferd findet, das versorgt werden muss, ist der Künstler der Überzeugung, er werde gebraucht. Seine Karriere als bildender Künstler beendet er mit wenigen Worten. Und auch das Projekt mit dem Schwemmgut aus dem Mittelmeer möchte er nicht beenden.

Ich mache keine Kunst mehr.

Diese Lossagung von seinem bisherigen Leben durchzieht den Roman symbolisch, da Salm seine materiellen Habseligkeiten nach und nach abhanden gehen. Erst verliert die Airline auf der Reise nach Hamburg sein Gepäck, später erfährt er, dass sein Atelier in New York schon vor Wochen aufgelöst wurde. Er hat nichts, außer ein paar Kisten voller Jugenderinnerungen im Keller seines Vaters.

Midlife-Crisis hin oder her – mit der Aufarbeitung der Familiengeschichte erfährt der Leser, dass Salm nicht nur in einem schwierigen Alter ist, sondern auch in einer Familie aufwuchs, in der zunächst sein Vater und dann auch seine Mutter ihre Lebensträume aufgaben: der Vater, ein Geologe und Vulkanforscher, verließ Mittelamerika nur, weil sein Vater [Salms Großvater] nach einem Unfall zum Pflegefall wurde, und ging zurück ins „Exil“ nach Deutschland, wo er auf Matilde traf, Salms Mutter, die sich nur mit Albert Salm einließ, weil sie gegen ihr erzkonservatives Elternhaus rebellieren wollte. Als sie schwanger wurde, ehelichte sie den Vater des Kindes aus finanzieller und gesellschaftlicher Not und beendete für das Familienleben innerhalb der gesellschaftlichen Norm ihren Traum, als Hotelangestellte um die Welt zu reisen. Und so ist es nur eine logische Konsequenz, dass auch Lennard Salm, ganz Sohn seiner Eltern, im Verlauf des Romans zum Familienmenschen wird und sich um den Vater kümmert. Mit seinem Lebenstraum, der freien Kunst, bricht auch er, allerdings nicht aus einer Not heraus, sondern nachdem seine Schwester stirbt und sich seine Wahrnehmung und Wertevorstellungen zu verschieben scheinen.

Der Erzählstil von Über den Winter ist im wahrsten Sinne des Wortes plakativ. Bei den Streifzügen durch das winterliche Hamburg werden Szenen, Gespräche und Gedanken von Salm durch Graffitis und Plakate am Wegesrand kommentiert. Eben so platt ist die Imitation des polnischen Akzents der Haushälterin Bascha, der von Klischees behaftet ist. Die einzigen poetischen Phrasen sind Notizen von Vater Albert, die Salm im Keller findet. Einem genaueren literaturwissenschaftlichen Blick könnte man allenfalls die verschiedenen Topographien und die Wohnraum-Beschreibungen unterziehen, die der Roman in sich birgt. Salm betritt ungewöhnlich viele Wohnungen, er sieht verschiedenste Lebensräume, die nicht immer den Erwartungen entsprechen.

Tobias von Buchrevier glaubt, man müsse im richtigen Alter sein, um diesen Roman wertschätzen zu können, und Julia Bähr behauptet in ihrer Besprechung in der FAZ, Lapperts Roman sei ein Text der Kategorie „von Männern für Männer“, „übervoll mit stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit“ – ich bin weder ein Mann, noch im richtigen Alter. Über den Winter lässt mich leider kalt.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns von Hanser freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans.

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