Leander Steinkopfs „Stadt der Feen und Wünsche“: Irgendwie auch uncool

Vermutlich hat keine Nation, zumindest keine europäische, ein derart neurotisches Verhältnis zu seiner Hauptstadt wie Deutschland. Diejenigen, die nicht dort wohnen, zeigen sich genervt vom Berliner Selbstverständnis, sich als Nabel der Welt zu verstehen, Berliner hingegen sind vor allem von Berlinern genervt und werden dadurch getrennt, dass sich die eine Hälfte in einer naiven Berlinbegeisterung ergeht, während die anderen peinlich genau darauf achtet, besonders abgeklärt zu sein. Weil Berlin für irgendjemanden immer eine Qual zu sein scheint, häufen sich die Tiraden, die gegen diese Stadt geschrieben werden. In den Chor der Misstöne reiht sich nun Leander Steinkopf mit seiner Erzählung „Stadt der Wünsche“ ein.

Wenn „Erzählung“ von „erzählen“ kommt, sollte man den Begriff jedoch nicht allzu ernstnehmen, denn erzählt wird in „Stadt der Wünsche“ so gut wie nichts. Stattdessen wird auch dieses Buch von einem dominanten Ich-Erzähler in seiner Beobachtungswut getragen, wie er mittlerweile eigentlich aus der Mode gefallen sein müsste. Der Text beginnt an jenem Ort, der vielleicht für Berlin am untypischsten ist, am oberen Ende der Friedrichsstraße, wo man zwischen S-Bahnhof, Bürogebäuden und Einzelkaufhausketten fast das Gefühl haben könnte, in jeder x-beliebigen deutschen Großstadt zu sein. Von da aus bewegt sich der Ich-Erzähler überall dort hin, wo es Alltagsphänomene mit Abscheu zu überziehen gilt.

Überall sonst in Berlin heißt es Beobachten, Blicke unter Untätigen zu tauschen […]

Literatur gerät schon dann in Schwierigkeiten, wenn sie einem Thesen anbietet und „Stadt der Feen und Wünsche“ hat gleich zwei Hauptthesen anzubieten: Berlin ist eine Stadt mit erhöhtem Enttäuschungspotential, weil die Menschen mit Erwartungen an Lebenserfüllung herkommen und in Berlin zeigt sich zugespitzt ein Trend zur Individualisierung. Der Ich-Erzähler selbst ist ein Enttäuschter, in der Liebe zu einer Frau, die jedoch nicht näher interessiert und daher die Vermutung nahelegt, Lady Berlin ist gemeint.

Stehenzubleiben hieße einzugestehen, dass man Probleme hat.

Was Individualisierung bedeutet, das versucht der Erzähler an Alltagsphänomenen wie dem Fahrradfahren deutlich zu machen: „Mitte ist voll mit Radfahrern, die belästigen mich mit ihrem besserwisserischen Klingeln, wenn man auf den Radweg latscht, mit diesem hochgezüchteten Individualismus, der daher kommt, dass sie überall langfahren können und überall einen Parkplatz finden.“ In diesem Umfeld der rücksichtslosen Individualisten werden auch Berufe gesucht, die rausführen aus dem Mief der betrieblichen Organisation des 20. Jahrhunderts, rein in die Freelance-Hölle: „Alex ist irgendwie auch Journalist, verdient damit kaum was, wird aber zu Veranstaltungen mit bekannten Menschen und guten Buffets eingeladen und darf sich dort wichtig fühlen und satt essen.“

Es gibt Dinge, die mache ich eigentlich nicht mehr, Döner essen, U1 fahren und nach Friedrichshain gehen.

Garniert ist das alles mit einer schicken Misanthropie, „Die Stadt wird erst unbelebt lebendig, Menschen tun ihr nicht gut.“, die sich doch im selben Moment noch als Spießigkeit herausstellt: „Sie machen Urlaub in der Stadt, ohne Rücksicht darauf, dass dort Menschen leben, für die es ein Morgen gibt.“ Sprachlich gibt es einige Anleihen an die großen Vorbilder, der metropolitischen Literatur der Dreißiger. Wahlweise ist die Stadt beseelt („Früher hat mich der Geruch der U-Bahnhöfe betäubt wie der Weihrauch. Im Untergrund wohnte mir der Heilige Geist der großen Stadt.“) oder aber sie ist ein Organismus: „Ein Fremdkörper bin ich im Leberteig, der hier geknetet wird.“

Politiker glauben, dass so ein Plätzchen Perspektive die Stadt verändern, einen Bezirk aus dem Dreck holen kann. Doch die Stadt holt sich zurück, was ihr gehört.

Leider ist der Text genauso konsequenzlos wie er es den Wohlstandsbewohnern Berlins vorwirft. Die Berlinkritik, die hier formuliert wird, ist selbst schon so kanonisiert und institutionalisiert, dass sie zur Pose erstarrt. Die sprachlichen Brücken, die der Text versucht zu schlagen, führen nicht etwa zu einem Versuch, neue Bilder für eine veränderte Stadt zu finden, sondern bequemen sich in der Berlin Babylon-Nostalgie.

Steinkopfs Text kommt vermutlich fünf Jahre zu spät. Die Merkelrepublik, deren größtes Problem die schwarze Null ist, ist vorbei. In der wohlstandsverwöhnten Mitte herrscht zwar immer noch Bequemlichkeit, doch auch sie wird die Kulturkämpfe um sie herum nicht ewig ignorieren können. So zielt der Satz, den der Ich-Erzähler an einer Stelle formuliert, auf den Text zurück: „Neuerdings reden sie über Politik, doch es ist bloß die alte Langeweile mit neuen Etiketten.“ „Stadt der Feen und Wünsche“ produziert leider auch nur alte Langeweile mit alten Etiketten.


Wir danken Hanser für das Rezensionsexemplar.